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International: Trainerlegende Brian Clough im Porträt

Er gewann mit unterklassigen Teams wie Derby und Nottingham die Meisterschaft und den Landesmeisterpokal. Er legte sich mit dem gesamten Fußball-Establishment an und starb als einer der meistgeachtetsten und umstrittensten Trainer der britischen Fußballgeschichte. sportal.de stellt den charismatischen Lautsprecher Brian Clough vor.

War er außergewöhnlich charismatisch, oder nur außergewöhnlich arrogant? War er ein guter Trainer, oder nur ein Blender? War er einer der größten Trainer Englands, oder nur einer der Lautesten?

Wie immer man es dreht und wendet, Brian Clough gehörte zu den schillerndsten und erfolgreichsten Clubtrainern in Großbritannien. sportal.de stellt den zweifachen Gewinner des Landesmeistertitels mit Nottingham Forest vor.

Was sich Völler von Clough abschaute?

Sie erinnern sich an Rudi Völler im Gespräch mit Waldemar Hartmann? "Tante Käthe" beschimpfte damals den ARD-Reporter, der es sich leicht machen würde, mit drei Weißbier intus über die Nationalmannschaft zu richten. Ein solcher Ausbruch passierte Völler genau einmal. Ein Trainer, der diese Bissigkeit fast ständig zeigte, war Brian Clough. Im Interview mit BBC-Reporter John Motson ließ er diesen gleich mehrfach auflaufen.

Aufrecht und selbstsicher saß er dort im Sessel, schaute dem sichtlich verunsicherten Motson in die Augen und artikulierte in aller Ruhe seine Thesen. "Ich weiß, dass es schwierig ist, von einem 0:0 zu berichten. Aber wenn es das ist, was auf dem Rasen passiert ist, dann zeigt auch das 0:0 und versucht nicht Urteile zu fällen, sich Dinge rauszupicken und uns dadurch mit euren oberlehrerhaften Lektionen zu Tränen zu langweilen." Ob richtig oder falsch - Brian Clough polarisierte, man liebte oder hasste ihn.

Clough - Ein außergewöhnlicher Torjäger

Sein enormer Ehrgeiz erwuchs vermutlich aus der Frustration seiner früh beendeten Karriere als Spieler. Dabei war er ein überragender Stürmer. Clough schoss 251 Tore in 274 Spielen. Er wurde zwei Mal in Englands Nationalmannschaft berufen, ehe er mit 27 Jahren am 26. Oktober 1962 im Spiel seines Clubs Sunderland gegen Bury einen fürchterlichen Zusammenprall mit dem gegnerischen Torhüter erlitt und sich eine schwere Knieverletzung zuzog. Zwei Jahre später versuchte er ein Comeback, doch zu dieser Zeit beendeten solche Verletzungen die Karriere eines Spielers - Clough musste aufgeben.

Aufgeben gehörte danach nicht mehr zu seinem Wortschatz. Als Trainer kämpfte er sich von ganz unten nach ganz oben. Mit damals 30 Jahren wurde er jüngster Trainer der vierten Liga, fing bei Hartlepools United an. An seiner Seite agierte sein ehemaliger Teamkollege Peter Taylor als Co-Trainer. Cloughs Erfolge sind eng mit dem Namen seines kongenialen Co-Trainers verbunden.

Das geniale Duo - Clough und Taylor

Taylor war die Arbeitsbiene hinter Clough. Er hatte ein brillantes Auge für Spielertransfers und leitete meist die alltägliche Trainingsarbeit. In einer Zeit, in der in England noch "Kick and Rush" angesagt war, kultivierten Clough und Taylor den Flachpassfußball, was Clough in seiner berühmten Schlagfertigkeit vertrat: "Wenn Gott gewollt hätte, dass wir in den Wolken Fußball spielen, dann hätte er dort Gras wachsen lassen." Clough galt nicht als revolutionärer Taktiker. Er ließ meist ein 4-4-2-System mit einer klar definierten Rollenverteilung spielen. Aber er war ein genialer Motivator und Antreiber. Er konnte sein eigenes Selbstbewusstsein auf das seiner Spieler übertragen.

Dies gelang ihm erstmals erfolgreich bei Derby County. 1967 wechselte er zusammen mit Taylor zu den Rams in die zweite englische Liga und das Märchen nahm seinen Anfang. Clough und Taylor bauten die Mannschaft in Magath-Manier um. Elf Spieler mussten gehen, zahlreiche neue Spieler kamen. Clough feuerte auch die Club-Sekretärin, den Greenkeeper und den Chefscout. Als er zwei Tee-Damen lachend nach einer Derby Niederlage erwischte, mussten beide ebenfalls gehen. 1968 fruchtete seine Arbeit. Derby war 22 Spiele lang ungeschlagen geblieben und stieg als Meister in die erste englische Liga auf. Dort setzte er den Erfolg fort, schaffte Derbys beste Platzierung seit 20 Jahren mit dem vierten Tabellenplatz in der heutigen Premier League.

Derby County kam aus dem Nichts

Im dritten Jahr bescherte er Derby County die erste Meisterschaft der 88-Jährigen Clubgeschichte. Taylor hatte mit Derby das letzte Saisonspiel bereits hinter sich, als er im Urlaub auf der Isles of Scilly davon hörte, dass die Rivalen Leeds und Liverpool ihre letzten Spiele nicht für sich entscheiden konnten und Derby somit die Meisterschaft gewonnen hatte. Cloughs Hybris steigerte sich weiter. In der Folgezeit legte sich Clough immer wieder mit dem Clubpräsidenten, mit den Verantwortlichen der Liga und anderen Größen des britischen Fußballestablishments an.

1973, nachdem Derby 1:3 im Halbfinale des Europa Pokals gegen Juventus Turin verloren hatte, verweigerte Clough Interviews mit Italienischen Journalisten. Er würde nicht mit "cheating bastards" (Betrügerischen Bastarden) sprechen. Clough zerstritt sich mit dem Cluboberen und wurde bei Derby entlassen. Trotz Protestmärschen der Fans gab es keinen Weg zurück. Er ging zunächst in die dritte Liga zu Brighton & Hove Albion, ehe er dem Ruf von Leeds United folgte.

Leeds war damals einer der größten Clubs der First Division in England. Der sehr erfolgreiche Trainer Don Revie wurde so eben zum Nationaltrainer Englands berufen und Clough trat die Nachfolge seines Erzrivalen an. Mit Revie hatte er sich schon mehrfach angelegt. Er kritisierte die unattraktive, unfaire - ja seiner Meinung nach illegale - Spielweise des britischen Traineridols Revie.

Clough: Werft eure Medaillen in den Müll

Die Rivalität zwischen Revie und Clough nahm 1974 in einem TV-Interview ihren Höhepunkt. Clough war gerade nach nur einem Sieg in sechs Spielen als Leeds-Trainer gefeuert worden. Er hatte die Spieler gegen sich aufgebracht, indem er in einer der ersten Trainingseinheiten polterte: "Ihr könnt alle eure Medaillen in den Mülleimer werfen, denn ihr habt sie unfair erworben." Andere sagen, nicht die feindseligen Spieler, sondern die Tatsache, dass er seinen Co-Trainer Peter Taylor auf dieser Station nicht dabei hatte, hätten den Erfolg ausbleiben lassen.

Kurz nach der Entlassung wurden Clough und sein Vorgänger Revie in ein Fernsehstudio gelockt, ohne das sie wussten, dass der jeweils Andere anwesend sein würde. Don Revie stichelte, er hatte einen anderen Mann als Clough für seine Nachfolge empfohlen. Clough, der ob der Entlassung sichtlich angeschlagen wirkte, kritisierte erneut die Art von anachronistischem Fußball, für die Revie stehen würde.

Clough: Ich glaube an Märchen

Revie machte aus seiner Antipathie für Clough kein Geheimnis. "Brian hat sich einen Bärendienst erwiesen, indem er die halbe Liga beleidigt und kritisiert hat. Das hätte er nicht tun sollen." Clough, verteidigte sich: "Ich glaube sieben Wochen sind in keinem Job genug Zeit, um die Grundlagen für Erfolg legen zu können. Ich wollte mit Leeds die Meisterschaft gewinnen, so wie es Don Revie letztes Jahr gemacht hat, aber ich wollte es besser machen - attraktiver spielen lassen. Vielleicht ist das vermessen, aber das ist mein Stil. Ich bin ein bisschen vermessen, ich glaube an Märchen. Don ist da anders gestrickt und seine Erfolge mögen beweisen, dass er recht hat. Obwohl ich das weiß, will ich lieber ich sein."

Doch auf den Tiefpunkt seiner Karriere, die Entlassung bei Leeds, sollte seine erfolgreichste Zeit erst noch folgen. 1975 wechselte er als Trainer zu Nottingham Forest in die Zweite Liga. 1976 stieß auch sein alter Weggefährte Peter Taylor wieder dazu und das erfolgreiche Duo war erneut vereint. Gemeinsam stiegen sie in die erste Liga auf, holten gleich in der ersten Saison die Meisterschaft mit sieben Punkten Vorsprung auf Liverpool und den Pokal (League Cup). Auch international machte Clough auf sich aufmerksam.

Nottingham an der Spitze Europas

1979 gewann Nottingham den Pokal der Landesmeister im Endspiel gegen Malmö FF und ein Jahr später gelang ihnen Historisches. Nottingham konnte wie zuvor der FC Liverpool als zweites englisches Team den Pokal der Landesmeister (heute Champions League) verteidigen. Im Endspiel 1980 wurde der Hamburger SV mit 1:0 besiegt. Länger als die Siege im Landesmeisterpokal war die Siegesserie in der Liga auf der Insel in aller Munde. Zwischen November 1977 und Dezember 1978 stellte Clough und sein Team einen Rekord auf, der bis vor sieben Jahren bestand hatte. Nottingham blieb 42 Ligaspiele lang unbesiegt. Erst Arsenal knackte diese Marke und blieb bis August 2004 sogar 49 Spiele ohne Niederlage.

Cloughs Ära bei Nottingham nahm erst nach 18 Jahren ein Ende. Clough litt immer mehr unter seiner Alkoholsucht und stieg am Ende seiner letzten Saison 1993 mit Nottingham in die Zweite Liga ab. Mit seinem Partner Peter Taylor hatte sich Brian Clough schon 1983 überworfen. Taylor, der 1982 den Trainerjob bei Derby annahm, hatte einen Spieler von Nottingham Forest verpflichtet, ohne Clough darüber zu informieren.

Der Streit, der sein Herz brach

Clough war stocksauer und sprach ab diesem Zeitpunkt kein Wort mehr mit Taylor. Das sollte er später bitter bereuen. 1990 verstarb Peter Taylor mit nur 66 Jahren während eines Urlaubs auf Mallorca. Als Clough die Nachricht des Todes seines ehemals besten Freundes bekam, weinte er Rotz und Wasser und stürzte sich noch tiefer seine Alkoholsucht. Später widmete er seine Biografie seinem Freund Peter Taylor. Nach einer Lebertransplantation 2003 verstarb Brian Clough nur ein Jahr später an Magenkrebs.

Viele Experten und Fußballfans halten Cloughs Erfolge mit den unterklassigen Teams für die größte Trainerleistung in der englischen Fußballgeschichte. Derby County kam aus dem Nichts und veränderte die englische Fußballwelt. Später wiederholte er das Kunststück mit Nottingham. Zu Cloughs Ehren wurde 2008 in Nottingham eine Brian Clough-Statue errichtet. Seit 2007 wird zwischen Derby County und Nottingham Forest die "Brian Clough Trophy" ausgespielt.

Nottingham Forest hat nach Clough nie wieder die Meisterschaft erringen können. Die Tricky Trees sind bis heute der einzige Club, der nur einmal die Liga, aber zweimal den Pokal der Landesmeister gewann. Ein Kunststück, das nur Brian Clough zustande bringen konnte. Er selbst würde dieser Aussage wohl zustimmen. "I wouldn't say I was the best manager in the business. But I was in the top one."

Michel Massing

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