Interview Bochum-Coach Koller "Angepöbelt zu werden ist unangenehm"


Er gilt als Entdecker von Lukas Podolski: Bochums Trainer Marcel Koller. Vor dem Spiel des VfL gegen Bayern München spricht der Coach im Interview mit stern.de über Nestwärme für "Poldi", Anfeindungen der eigenen Fans sowie Kabinengespräche über die Opel-Krise.

Herr Koller, ihr Team hat in der Rückrunde schon elf Punkte eingesammelt, zuletzt gab es ein beachtliches 1:1 beim Meisterschaftsanwärter Bayer Leverkusen. Mit den Bayern kommt jetzt der nächste Titelkandidat auf sie zu. Die drei letzten Heimspiele in Bochum wurden gewonnen, auf was für eine VfL-Mannschaft müssen sich die Bayern gefasst machen?

Auf eine, die gewillt ist, den positiven Trend der vergangenen Wochen fortzusetzen. Wir werden mit viel Aggressivität sowie Laufbereitschaft auftreten und glauben an unsere Chance, die Überraschung zu schaffen.

Die Bayern haben zuletzt ordentlich Fahrt aufgenommen. 5:1 gegen Hannover, 7:1 gegen Lissabon. Werden Sie Ihr Team deshalb jetzt defensiver einstellen, oder geht man dann nicht erst Recht gegen die Bayern unter?

Ich bin keiner, der nur abwartend spielen lässt. Ich möchte die Fehler des Gegners aktiv erzwingen und bei Ballgewinn schnell umschalten, möglichst mit wenigen Ballkontakten in die Spitze spielen.

Sie gelten als Entdecker von Lukas Podolski. Er hat es bei den Bayern nicht geschafft, sich durchzusetzen. Nun geht er zu Ihrem und auch seinem Ex-Verein zurück. Eine richtige Entscheidung?

Letztlich kann das nur Lukas selbst beurteilen. Allerdings braucht er Nestwärme und Vertrauen, um sein volles Potenzial abrufen zu können. Diese Atmosphäre gibt es sicherlich in Köln eher als in München.

Auch Sie hätten Podolski vor einiger Zeit gerne für eine Saison von den Bayern zum VfL gelotst. Haben Sie damals eigentlich wirklich Kontakt wegen eines Wechsels zu ihm aufgenommen?

Nein. Wir telefonieren zwar ab und zu, doch ein Wechsel zum VfL war nie ernsthaft ein Thema.

Sie haben Ihren Ex-Kapitän Thomas Zdebel aus der Mannschaft geworfen. Offenbar ein richtiger Schritt. Es gab unmittelbar nach dem Rauswurf heftige Reaktionen der Fans gegen Ihre Person. Wie sind Sie damals damit umgegangen?

Man muss seinen Weg weiter gehen. Natürlich ist es mir nicht egal, was links und rechts passiert und angepöbelt zu werden ist alles andere als angenehm. Jedoch sind da Emotionen im Spiel, deshalb sollte man filtern. Für Kritik bin ich immer empfänglich, aber sie sollte nicht persönlich sein.

Sie sind jetzt fast seit vier Jahren beim VfL Bochum als Cheftrainer tätig. Warum hängen Sie so an diesem Club?

Ich mag den VfL und ich fühle mich in Bochum wohl. Nach meinem nicht so erfolgreichen Engagement beim 1. FC Köln hatte ich keine Lobby in der Bundesliga. Der VfL Bochum 1848 hat mir die Chance gegeben, der Liga zu beweisen, dass ich gute Arbeit leiste. Dafür bin ich dem Club dankbar. Beim VfL geht es sehr persönlich zu, das gefällt mir. Und ich spüre viel Wertschätzung von Seiten der Vereinsführung. Zudem habe ich hier im Ruhrgebiet viele nette und ehrliche Menschen kennen gelernt.

Vor zwei Jahren haben Sie dem VfL das drittbeste Bundesliga-Ranking seiner Geschichte beschert. Aber auch Sie wissen, dass so eine Platzierung in Bochum nur alle Jubeljahre vorkommt. Reizt es Sie nicht, auch mal dauerhaft einen Verein zu trainieren, der den Anspruch hat, permanent international zu spielen?

Mein Vertrag mit dem VfL Bochum läuft bis 2010. Fragen Sie mich dann noch einmal.

Wie stehen Sie zu der 50 +1-Regel, über die bald auf der Mitgliederversammlung der DFL abgestimmt werden soll? Würden sie einen Investor beim VfL Bochum begrüßen?

Das ist eigentlich nicht mein Thema. Ich bin auf jeden Fall skeptisch, ob dem VfL dann mehr Geld zur Verfügung steht. Denn eines dürfte klar sein: Investoren wollen in erster Linie Geld mit ihrem Investment verdienen. Fußballvereine hingegen sind an der Verbesserung der Mannschaft und der Infrastruktur interessiert.

Noch eine letzte Frage: In der Stadt Bochum ist die Opel-Krise das Gesprächsthema. Bekommt man davon als Bundesligatrainer eigentlich überhaupt etwas mit? Und die Mannschaft? Ist Opel ein Thema in der Kabine?

Beim Bundesligaspiel gegen Cottbus gab es eine Solidaritätsaktion für die Mitarbeiter von Opel. Anschließend hat die Mannschaft ein Banner unterschrieben, das jetzt im Opel-Werk. Natürlich bekommen wir das mit. Zumal viele unserer Fans bei Opel arbeiten. Wir fühlen mit ihnen und hoffen, dass in Bochum noch lange Autos gebaut werden.

Das Interview führte Klaus Bellstedt


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