HOME

Interview mit Nia Künzer: "Die sind irre, völlig bekloppt!"

Die Fußballweltmeisterinnen Nia Künzer und Silke Rothenberg über Teamgeist und Männerkonkurrenz, Panini-Bilder und Shopping in Amerika.

Frau Rottenberg, Frau Künzer, nach dem WM-Gewinn mussten Sie am vergangenen Sonntag wieder in der Bundesliga ran. Langweilig, oder?

Rottenberg: Ich hatte nach der WM nicht trainiert, weil ich den Ball erstmal nicht mehr sehen wollte. Die Zeit brauchte ich zum Abschalten - und um wieder Lust auf die Bundesliga zu bekommen. Aber dann habe ich mir beim Aufwärmen den rechten kleinen Finger gebrochen. Jetzt habe ich leider acht Wochen Ruhe?
Künzer: Du Ärmste. Gott sei Dank ist das nicht vor der WM passiert, der Finger war ja schon angeschlagen. Also, ich bin heil geblieben. Da ich bei der WM nur Ersatzspielerin war, war ich ganz heiß darauf, wieder 90 Minuten durchzuspielen. Wir hatten 1300 Zuschauer beim Spiel gegen Brauweiler Pulheim - Rekordkulisse!

Was bedeutet Frauenfußball für Sie - ist das Emanzipation?

Künzer: Meine Generation - ich bin Jahrgang 80 - ist nicht mit diesem Emanzipationsgedanken aufgewachsen. Vielleicht, weil wir schon emanzipiert sind. Ich habe einfach angefangen zu spielen wie meine Brüder. Das war ganz normal, damit hat niemand ein Problem gehabt - weder in meiner Familie noch sonst wo.
Rottenberg: Bei mir war's ähnlich. Ich spiele nicht Fußball, weil ich der Menschheit zeigen muss, dass ich mich durchsetzen kann. Und egal, ob ich mit Frauen oder Männern trainiere: Ich gebe immer alles, weil ich einen gewissen Anspruch an mich habe. Ich will nicht hinterher denken: O Gott, war ich heute eine Wurst!

Ihre männlichen Kollegen sind in der Regel mit 23 verheiratet - warum ist das bei Fußballerinnen nicht so?

Künzer: Wer bei denen einigermaßen gut Fußball spielt, hat in dem Alter schon ein Haus, ein Auto - und braucht sich um seine Rente keine Sorgen zu machen. Aber für Mädels in meinem Alter ist es nicht unbedingt normal zu heiraten, weil sie noch in der Berufsausbildung sind.
Rottenberg: Warum muss man verheiratet sein? Ich finde das nicht wichtig. Als wir jetzt in den USA waren, hatten einige ihre Partner dabei. Ich wollte das nicht, ich hätte eh nicht viel Zeit gehabt, weil ich mich auf den Fußball konzentriert habe.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Spiel überhaupt?

Künzer: Ja, leider: Ich habe mit fünf angefangen in der F-Jugend in Wetzlar - und mein erstes Spiel 10:0 verloren.
Rottenberg: Ich habe mit vier Jahren angefangen - in dem Verein, in dem auch mein Vater spielte. Ich komme aus dem kleinen Ort Dürscheven in der Voreifel. Dort gab es einen Fussballclub und einen Musikverein - und ich blieb beim Fußball hängen.

Haben Sie als Kind die Sportschau gesehen oder "Unsere kleine Farm"?

Rottenberg: Ich erinnere mich an die Sesamstraße, aber Fernsehen war bei uns eher tabu - mein Vater war da etwas streng. Dafür war ich mit meinen Eltern öfter auf dem Bökelberg. Mit sechs haben sie mir zum Nikolaus meinen ersten Gladbach-Schal geschenkt - den habe ich heute noch im Schrank.
Künzer: "Ich heirate eine Familie" und solche Sachen mochte ich ganz gern. Und ich weiß noch, wie die ganze Familie beim WM-Endspiel Deutschland gegen Argentinien 1986 aufgeregt vor dem Fernseher saß: Maradona war damals der Superstar, aber wir hielten natürlich alle zu Deutschland. Bei der WM 1990 war ich dann richtig Fan der Nationalmannschaft. Da habe ich Panini-Bilder gesammelt, für die ging mein Taschengeld drauf... Rottenberg:...das haben wir früher auch immer gemacht und uns geärgert, wenn am Ende ein Bild fehlte!

Wer war Ihr Mann - Toni Schumacher oder Uli Stein?

Rottenberg: Ich konnte mich nicht entscheiden, ich fand beide Torhüter faszinierend. Und für Andreas Köpke habe ich auch geschwärmt. Von ihm habe ich meine ersten Torwarthandschuhe bekommen - mit Autogramm drauf!
Künzer: Echt? Ich habe nie so richtig für einen Spieler geschwärmt. Zinedine Zidane war und ist für mich zwar der Fußballer schlechthin, aber deshalb hätte ich mir kein Poster von ihm aufgehängt. Dann schon eher eins von Brad Pitt.

Haben Sie früher auf dem Schulhof mit den Jungs gekickt?

Künzer: Immer - und wenn‘s mit einer Cola-Dose war, die irgendwo rumlag.
Rottenberg: Bei uns wurde mit einem Tennisball gebolzt. Und nach den Hausaufgaben bin ich gleich auf den Sportplatz. Ich war damals mehr Junge als Mädchen und sogar Spielführer in der Jungenmannschaft, in der ich bis zwölf gekickt habe. Der größte Fehler meiner Eltern war, mir mal eine Puppe zu schenken - die hatte am nächsten Tag keine Haare mehr.

Man sagt ja, Torhüter und Linksaußen hätten einen an der Klatsche. Trifft das auf Frau Rottenberg zu?

Rottenberg: Du kannst ganz offen sein.
Künzel: Du bist ein bisschen unpünktlich? - aber das war‘s auch schon, oder?
Rottenberg: Ich bin eher ein ruhiger Typ; ich renne nicht herum und sage: "Hallo, hier bin ich!" Aber man kann schon Spaß mit mir haben, auch wenn ich das nicht immer direkt zeige.

Finden Sie es lustig, wenn Harald Schmidt nach Ihrem WM-Sieg fragt: "Wie ist das im Frauenfußball, heißt da die Mannschaftsführerin auch Kapitän oder Chefstewardess?"

Rottenberg: Wenn Harald Schmidt das sagt, kann ich durchaus darüber lachen.
Künzer: Ich auch. Und wenn er Witze über uns macht, heißt das auch: er denkt, jeder kennt uns. Wir sind quasi in aller Munde.

Angenommen, Ihr WM-Team würde gegen Rudi Völlers Elf...

Rottenberg: ...stopp! Damit eins mal klar ist: Man kann und sollte Frauenfußball nicht mit Männerfußball vergleichen. Eine Frau kann nicht so schnell laufen wie ein Mann, sie ist nicht so dynamisch, sie hat andere Körperproportionen. Das geht biologisch nicht, das ist völliger Quatsch.
Künzer: Ich weiß nicht, ob man Steffi Graf mal gefragt hat: "Wie würde ein Spiel von Ihnen gegen Boris Becker ausgehen?"
Rottenberg: Sie würde schon beim Aufschlag ein Problem haben?
Künzer:...der würde ihr gewaltig um die Ohren fliegen. Man sollte Frauenfußball und Männerfußball als Sportarten für sich werten. Bei Männern geht es sehr athletisch zu und ein bisschen schneller, aber wir können durch die geringere Härte ein schöneres Spiel aufziehen.
Rottenberg: Ich glaube, es ginge bei den Männern auch anders. Ich sehe mir gern die Auslandsligen an, da läuft der Ball viel mehr als in der deutschen Liga. Ich weiß nicht, warum das hier so extrem ist, aber mich nervt, dass jeder dritte Ballkontakt mit einem Foul-Spiel unterbrochen wird. Das macht auf Dauer keinen Spaß.

Hatten Sie deshalb beim WM-Finale mehr Fernsehzuschauer als die Herren am Tag zuvor bei der EM-Qualifikation?

Künzer: Wir stehen nicht in diesem ständigen Konkurrenzdenken. Wir waren positiv geschockt, als wir hörten, dass wir fast 13,6 Millionen Zuschauer hatten - aber wir haben ja vorher nicht gedacht: Daumen drücken, hoffentlich sind wir drei Prozent über den Männern.
Rottenberg: Aber toll war es trotzdem!

Die Herren würden vermutlich kaum ohne vorher ausgehandelte Prämie losfahren. Vor Ihrem Finale antwortete DFB-Präsident Mayer-Vorfelder auf die Frage nach Ihrem Obolus: Die sollen erst mal gewinnen.

Rottenberg: Da dachte ich nur: Scheiß auf die Kohle, ich will den Titel, der kann sein Geld behalten. Nicht mal nach dem Halbfinale hat eine von uns daran gedacht, was wir kriegen würden, falls wir gewinnen.

Vielleicht, weil Sie wussten, dass die deutschen Frauen für den ersten EM-Titel 1989 mit einem Kaffee-Service belohnt wurden?

Rottenberg: Und zwei Jahre später gab es für den nächsten Titel die Erweiterung des Kaffee-Services. Nein, aber im Ernst, was das angeht, hat sich einiges getan...
Künzer:...und wir freuen uns wahnsinnig über die 15 000 Euro! Warum sollten wir auch plötzlich eine Prämie wie die Männer kriegen? Wenn das Fernsehen mehr Ausschnitte von der Frauenbundesliga zeigen, mehr TV-Gelder fließen und wir mehr verdienen würden, wird sich das sicherlich nach oben korrigieren. Wenn du mit so einer tollen Mannschaft Weltmeister wirst, steht das Geld gar nicht im Mittelpunkt.

Wie lautet Ihr Erfolgsgeheimnis - elf Freundinnen sollt Ihr sein?

Künzer: Wir sind nicht alle im Rudel Einkaufen gegangen oder so. Das war wie zu Hause im Freundeskreis, wo man mit der einen mehr macht als mit der anderen. Aber jede hat sich mit jeder verstanden.
Rottenberg: Ich bin eher mit den Älteren, mit Bettina Wiegmann, Maren Meinert oder Sandra Minnert mal einen Kaffee trinken gegangen, und die anderen sind losgezogen, um zu shoppen...
Künzer:...natürlich! Du warst überhaupt nicht shoppen, du hattest nur einen leeren Extrakoffer dabei. Rottenberg: Wir waren insgesamt fast 18 Wochen mit der Mannschaft zusammen, und es gab vom ersten Lehrgang bis zum WM-Finale nicht einen Tag, an dem ich Heimweh oder keine Lust mehr hatte.
Künzer: Das Wichtigste war, dass man bei uns nicht gemerkt hat: Das sind die ersten elf auf dem Platz. Wir Ersatzspielerinnen hatten nie das Gefühl, weniger Anteil an einem Sieg zu haben. Und wir haben auf der Bank auch keine Fresse gezogen, wenn wir nicht gespielt haben.

Klingt ja fast nach dem Geist von Spiez anno der WM von 1954?

Rottenberg: So war es wirklich. Beim Halbfinale gegen die USA zum Beispiel war eine wahnsinnige Stimmung im Stadion - 30 000 Amis, die nicht wirklich auf unserer Seite waren. Aber unsere Bank hat 90 Minuten unsere Namen gebrüllt. Ich dachte, die sind irre, völlig bekloppt!
Künzer: Wir waren schon nach 20 Minuten fix und fertig. Aber wir haben immer alles gegeben!

Was hat Ihnen denn Herr Mayer-Vorfelder bei der Siegerehrung ins Ohr geflüstert - seine Zimmernummer?

Rottenberg: Oh, das wäre gefährlich geworden.
Künzer: Ich glaube, er sagte: Herzlichen Glückwunsch. Das lief bei mir alles wie ein Film ab, das war Adrenalin pur.
Rottenberg: Ich hatte das Gefühl, ich schwebe. Jeder gab mir die Hand, jeder freute sich - und ich war einfach überfordert. Nachdem alles vorbei war, bin ich noch mal auf den Platz gegangen, habe mich auf den Rasen gelegt, in die Sonne Kaliforniens geguckt und gedacht: Wow, was war das heute hier? Und dann bin ich duschen gegangen.

Ulrike von Bülow und Bernd Teichmann / print

Wissenscommunity