Jose Mourinho Das Ende des Auserwählten


Jose Mourinho verlässt den FC Chelsea - zum Entsetzen der Fans und im Streit mit dem russischen Oligarchen Abramovich, der seinen Einfluss auf das Team weiter vergrößern will. Mit fünf Titeln in drei Spielzeiten ist der exzentrische Mourinho erfolgreich gewesen. Auch ein Deutscher wird jetzt als Kandidat für seine Nachfolge gehandelt.
Von Nico Stankewitz

Es ging zwei Jahre lang richtig gut mit dem besonderen Verhältnis von Großinvestor Roman Abramovich und Meistertrainer Jose Mourinho. Der russische Ölmagnat war 2003 bei Chelsea eingestiegen und hatte nach einem krampfigen Jahr unter dem farblosen Italiener Claudio Ranieri den nach eigenem Selbstverständnis "besten Trainer der Welt" verpflichtet, Jose Mourinho, gerade frisch gebackener Sensationsgewinner der Champions League mit dem FC Porto.

Der damals 41-Jährige Portugiese zog also nach zwei Jahren (und fünf Titeln, den UEFA-Cup hatte er im Vorjahr bereits gewonnen) an die Stamford Bridge und machte sich daran, auch die beste Mannschaft der Welt zu bauen. Bereits im Vorjahr hatte Abramovich 150 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung gestellt - ohne Erfolg. Von den extrem teuren Spielern Duff, Veron, Mutu, Parker und Makelele wurde nur letzterer zum Volltreffer.

Ein besonderer Trainer

Mourinho bekam zunächst vollkommen freie Hand bei der Transferpolitik, der Oligarch stellte die Geldmittel zur Verfügung. So brachte der Portugiese, der sich bei seiner Vorstellung selber "Special One" nannte, Ricardo Carvalho und Paulo Ferreira aus Porto mit, holte Arjen Robben, Didier Drogba und Petr Cech - Eckpfeiler einer Mannschaft, die seitdem nur noch behutsam ergänzt wurde. Und: Mourinho kaufte keine "fertigen" Stars, sondern Rollenspieler, die optimal in sein aus Porto mitgebrachtes Erfolgssystem passten. Der Lohn waren zwei aufeinanderfolgende Meistertitel in der härtesten Liga der Welt, zweifellos ein Kunststück für einen Newcomer. Gleichzeitig gelang es ihm, die Mannschaft zu einer verschworenen Einheit zu machen, sie nahezu abzuschotten gegen äußere Einflüsse. Gerade im Spiel mit den Medien lenkte der Coach häufig durch skurrile Attacken und Vergleiche die Aufmerksamkeit auf sich, verschaffte den Spielern dadurch etwas mehr Raum. So pflegte er eine intensive Abneigung zu den Konkurrenten Ferguson und Wenger, sowie einem Großteil der englischen Schiedsrichter, stellte sich aber auch nach schwächeren Leistungen öffentlich immer vor seine Mannschaft.

Der Eingriff des Oligarchen

Der Niedergang begann im Sommer 2006, als erstmals Abramovich massiv in die Transferpolitik eingriff und gegen den Willen des Trainers zwei "Stars" verpflichtete: Andrei Shevchenko und Michael Ballack. Mourinho grummelte und arrangierte sich, baute zu Ballack ein gutes Verhältnis auf und führte für die beiden neuen Spieler auch ein neues System ein, um sie berücksichtigen zu können. Trotzdem musste gerade "Sheva" häufig mit der Reservebank vorlieb nehmen, ein hartes Los für den erfolgsverwöhnten Ukrainer und den allmächtigen Boss, dem sein "pet player" vorenthalten wurde. Die Retourkutsche kam prompt, denn als der Trainer im Winter die Verpflichtung eines neuen Verteidigers forderte, lehnte Abramovich brüsk ab, woraufhin Mourinho erklärte, "in diesem Fall die Saisonziele nicht mehr erreichen" zu können. Das Tischtuch war zerschnitten und Gerüchte um die Demission des Erfolgstrainers geisterten schon seit Monaten durch London. Grund für den Abgang war nicht das enttäuschende (wenn auch unglückliche) 1:1 gegen Rosenborg Trondheim, sondern vor allem der Auftritt von Abramovich nach der Begegnung, der die Mannschaft in der Kabine beschimpfte und zu "besserem, schönerem Fußball" aufforderte.

Entsetzen im Umfeld

Fans und ehemalige Spieler der "Blues" reagierten entsetzt. Ray Wilkins, langjähriger Kapitän und Symbolfigur des FC Chelsea zeigte sich geschockt: "Im Fußball geht es ums gewinnen. Es ist schön, wenn man spielt wie Arsenal, aber wir reden darüber, etwas zu gewinnen. Mourinho war ein Erfolgstrainer und er brachte eine Gewinnermentalität in die Köpfe der Spieler. Es geht darum, Spiele und Pokale zu gewinnen, genau das hat er getan." Vielen Fans scheint der Einfluss des Ölmilliardärs im Club ohnehin zu groß und der momentane Anlass eher ein düsteres Fanal für die Zukunft von "Chelski" oder "Chelskov" wie Chelsea auch genannt wird.

"Wiedervereinigung" Klinsmann & Ballack?

Die Egos des Oligarchen und des Meistertrainers sind unter dem Strich zu groß gewesen für diesen Club. Auch der zukünftige Trainer wird sich bei allem Komfort eines Topclubs mit der Rolle des übermächtigen Geldgebers auseinandersetzen müssen - mit ungewissem Ausgang. Mourinho hat den Erfolg zu Chelsea gebracht, aber er steht nicht für spektakulären Fußball, er steht für Siege. Sein Nachfolger wird versuchen müssen, beides zu schaffen, eine Herkulesaufgabe. Vorläufig sollen der ehemalige israelische Nationaltrainer und bisherige Sportdirektor Avram Grant und Co-Trainer Steve Clarke die sportliche Verantwortung übernehmen. Auf längere Sicht gehandelt werden in den Medien aufgrund des ungewöhnlichen Saisonzeitpunktes vor allem verfügbare Kandidaten: Didier Deschamps (bis Mai bei Juventus Turin, früherer Chelsea-Spieler), Juande Ramos (FC Sevilla, soll eine Ausstiegsklausel besitzen) und Fabio Capello, der unlängst entlassene Meistertrainer von Real Madrid. Eine Verpflichtung Capellos würde zwar Erfolge garantieren, wäre aber natürlich ein Witz, denn gegen den destruktiven Abwehrfußball Capellos lässt Mourinho geradezu Feuerwerke abbrennen. Gerade dieser Umstand bringt auch einen alten Favoriten von Abramovich wieder ins Spiel: Jürgen Klinsmann. Ob der Russe eine Summe aufrufen kann, die den ehemaligen deutschen Teamchef dazu bewegen kann, sein gemütliches Exil am Pazifik zu verlassen? Einen würde es mit Sicherheit freuen, denn Michael Ballack gilt seit seiner Zeit als Kapitän von Klinsmanns WM-Team als Vertrauter des Schwaben.

Und wie geht es weiter mit Mourinho? Er gilt als Topfavorit auf die Nachfolge von Scolari als portugiesischer Nationaltrainer, aber auch Barcelona, der FC Porto, Real Madrid und Lokalrivale Tottenham Hotspurs sollen an einer Verpflichtung interessiert sein. Man darf auf den nächsten Schritt gespannt sein, zumal ein Weltklassespieler wie Frank Lampard seinen Vertrag bei Chelsea noch nicht verlängert hat und dem Engländer - wie auch Didier Drogba - ein besonders inniges Verhältnis zum ehemaligen Coach nachgesagt wird. Gut möglich, dass sie Mourinho folgen werden.


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