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Jurist zur Lage der Fifa: Wann die Katar-WM neu ausgeschrieben werden müsste

Warum ist die Fifa so korrupt? Hat auch der Status als Verein damit zu tun? Ein Gespräch mit Experte Kay Krüger über die Möglichkeit eines Aufsichtsrates und einen neuen Abstimm-Modus bei WM-Vergaben.

Fifa-Präsident Joseph Blatter trat überraschend zurück - Reformen in der Fifa sind überfällig

Fifa-Präsident Joseph Blatter trat überraschend zurück - Reformen in der Fifa sind überfällig

Der Fifa-Skandal wühlt den Weltfußball auf. Sepp Blatter hat nach der Kritik der vergangenen Tage seinen Rücktritt als Fifa-Präsident bekannt gegeben, in der Organisation tobt derweil weiter das Korruptions-Chaos.

Wie kann es eigentlich zu der Korruption kommen? Ist vielleicht nicht ausschließlich Sepp Blatter das Übel - sondern hat vielleicht auch der Status als gemeinnütziger Verein damit zu tun? Schließlich haben andere Vereine mit diesem Status ebenfalls mit Korruption zu kämpfen - siehe IOC oder ADAC. Die wichtigste Frage aber ist natürlich: Wie kann man die Strukturen der Fifa jetzt erneuern und reformieren, um Korruption zukünftig zu verhindern? Kay Krüger, Rechtsanwalt und Experte auf dem Gebiet des Vereins- und Verbandsrechts und der Gemeinnützigkeit, gibt Auskunft.

Herr Krüger, Joseph Blatter hat überraschend seinen Rücktritt angekündigt ...
... das war allein aus aus der kollegialen Haftung heraus notwendig. Als Präsident oder Vorstand muss man Kollegen kontrollieren, man kann vielleicht nicht alle strafrechtlich relevanten Vorgänge überwachen. Aber wenn sich jemand für das falsche Verhalten von Kollegen herausreden will, geht das nicht. Er ist als Boss für seine Vorstandskollegen immer in der Mitverantwortung.

Geht es denn um Blatter allein? Könnte die Fifa-Krise nicht auch mit seiner Organisationsstruktur zusammenhängen? Im vergangenen Jahr war es der ADAC, auch beim IOC gab es immer wieder Korruptionsfälle. Alle drei Organisationen sind Verbände. Was ist so besonders an der Verbandsstruktur - trägt sie etwa zu Korruption bei?


Man muss zunächst einmal feststellen, dass Verbände und Vereine dem Privatrecht zuzuordnen sind. Das heißt: Sie dürfen sich frei und selbstständig organisieren. Sie dürfen autonom bestimmen, wen sie aufnehmen und wen nicht und sie bestimmen ihre innere Struktur. Das bedeutet auch: moralische Fragen, die öffentliches Interesse hervorrufen, müssen den Verein nicht zwingend interessieren.

Die Fifa muss den Umgang mit viel Geld verantworten. Es geht um Milliardenbeträge. Passt die Verbandsstruktur noch zu einem solchen Geschäftsgebaren?


Es ist ja nicht so, dass Verbände machen können, was sie wollen. Sie werden kontrolliert. In Deutschland hat das Finanzamt ein Auge auf jeden noch so kleinen Verein, zudem hat das Vereinsregister, angesiedelt an den Amtsgerichten, eine Überwachungsfunktion. Auch in der Schweiz, wo die Fifa gemeldet ist, gibt es eine Revisionsstelle. Dort gibt es drei Kriterien, die zu einer Überprüfung führen - die Fifa mit einem Umsatz von mehr als 3 Milliarden Euro wird selbstverständlich in finanziellen Fragen kontrolliert. Aber noch einmal: Zu einer Anstandsethik sind Vereine deshalb noch nicht verpflichtet …

Wie ließe sich denn mehr Moral in die Fifa bringen?
Erste Entwicklungen gibt es dort ja schon. Die Fifa entwickelt gerade Kriterien, denen sich die Mitgliedsverbände verpflichten müssen. In Deutschland macht beispielsweise der Paritätische Wohlfahrtsverband vor, wie so etwas funktionieren könnte. Wenn ein Verein dort Mitglied werden will, muss er bestimmte Kriterien erfüllen. Diese Kriterien gehen über die rechtlichen Bestimmungen hinaus. Sie nennen es "instrumentalisierte Sicherung der Selbstlosigkeit". Selbstlos muss ja jeder Verein sein, doch dort gibt es Zusatzauflagen. Zum Beispiel darf der Geschäftsführer des Vereins nicht gleichzeitig im Vorstand sein. Die zusätzlichen Kriterien könnte sich im Falle der Fifa allerdings nur die Fifa selbst auferlegen.

Sepp Blatter hat bei seiner Abschiedsrede ja bereits Reformen angekündigt. Der zukünftige Präsident soll zum Beispiel nur noch befristet agieren dürfen, Mitglieder des Exekutivkomitees von allen Verbänden gewählt werden. Sind das Ansätze, die Hoffnung machen?


Ja, das sind Schritte in die richtige Richtung. Ein breiteres Wahlverfahren, mehr Demokratie.

Von internen Kontrollinstanzen ist bislang dennoch nicht die Rede. Die würden weiter fehlen. Wäre es nicht eine echte Reform, einen Aufsichtsrat einzurichten?


Um es etwas flapsig zu formulieren: Einen Aufsichtsrat kann man sich sicher antun, ja. Das könnte man über die Satzung abstimmen lassen. Wir bereiten so etwas gerade für einen Mandanten vor. Viele Vereine lehnen einen Aufsichtsrat allerdings ab, weil sie die Haftung übernehmen müssen und das nicht immer leisten können.

Angenommen man könnte die Fifa von Grund auf neu aufstellen. Wäre die Verbandsform dann noch die ideale Organisationsform?


Sagen wir es mal so: Es gibt auch Strukturen, in denen die handelnden Personen noch mehr Autonomie hätten. Die Fifa könnte auch eine Stiftung sein. Dann müsste sich ein Präsident nicht einmal mehr vor den eigenen Mitgliedern rechtfertigen. Die derzeitige Struktur passt da schon besser …

Worin liegt dann das Kernproblem?


Wenn 209 Verbände das gleiche Stimmrecht haben, aber die wirtschaftlichen und moralischen Rahmenbedingungen weit auseinander klaffen, ist die Gefahr von Korruption groß. Nach europäischen Maßstäben herrschen in einigen Verbänden desolate Strukturen.

Wie kann man das System aufbrechen?


Es gäbe mehrere Maßnahmen, um die Abläufe bei der Fifa zu optimieren. Ein Punkt ist die Gewichtung der Stimmrechte …

… die Cook-Inseln haben das gleiche Stimmgewicht wie der DFB …


... ja, es klingt immer ein bisschen nach der Arroganz des Mitteleuropäers, wenn man dort Veränderungen fordert. Alternativ würde es sicher schon helfen, wenn über die WM-Vergaben nicht nur von einem kleinen Kreis sondern von allen stimmberechtigten Mitgliedern, sprich den 209 Verbänden, abgestimmt wird.

Es bliebe immer noch die Möglichkeit zur Bestechung …


… aber bei 209 Stimmberechtigten würde das deutlich erschwert. Und die Wahl wäre demokratischer.

Wie schnell lassen sich denn Änderungen durchsetzen - und werden sie erfolgreich sein? Was wird aus der WM in Katar?


Es wird länger dauern, notwendige Umstrukturierungsmaßnahmen auf Dauer durchzusetzen. Das liegt wie schon beschrieben an den unterschiedlichen Konstitutionen der Mitgliedsverbände. Zudem muss ein Blick auf Vergangenes gerichtet werden. Dort stellen sich rechtliche Herausforderungen. Wenn bei der WM-Vergabe zum Beispiel nach Katar Korruption im Spiel war - dann muss die Wahl neu durchgeführt werden. Fest steht darum: Die Fifa braucht jetzt professionelle Beratung und eine absolut integre Person an der Spitze.

Herr Krüger, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Felix Haas

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