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Kevin De Bruyne und Co.: Warum die Premier-League-Milliarden eine Gefahr für die Bundesliga sind

Der Wechsel von Kevin De Bruyne zu Manchester City ist so gut wie fix. Wie ein Schwamm saugt die Premier League derzeit die Top-Stars der anderen europäischen Ligen auf. Eine gefährliche Entwicklung.

Von Volker Königkrämer

Kevin De Bruyne im Zweikampf mit Kölns Kevin Vogt

War das das letzte Spiel von Kevin De Bruyne (r., im Zweikampf mit Kölns Kevin Vogt) im Trikot des VfL Wolfsburg? Der Belgier steht vor einem Wechsel in die britische Premier League.

Was passiert da eigentlich gerade im Fußball? ManCity bietet 75 Millionen Euro für Kevin de Bruyne? Tottenham buhlt mit einer 30-Millionen-Offerte um Heung-Min Son? Firminho geht für 41 Millionen nach Liverpool? Selbst einen Zweitliga-Kicker wie Rouwen Hennings zieht es lieber für 2,5 Millionen Euro zum FC Burnley in die zweite britische Liga, statt seine Chance in der Bundesliga zu suchen.

An das hektische Gewusel kurz vor Schließung des Transferfensters Ende August haben sich die Fans mittlerweile gewöhnt. Längst gehört es zur Folklore, die einschlägigen Ticker zu studieren wie andernorts die Börsenkurse. Doch angesichts dessen, was in diesem Jahr auf dem Kicker-Basar abgeht, spüren nicht nur Hardcore-Ultras ein unbehagliches Grummeln und fragen sich: Was hat das für Auswirkungen auf die Bundesliga, wenn die britische Premier League den Transfermarkt mit Geld flutet? Wenn Leistungsträger zur Handelsware werden, für die plötzlich kein Preis zu hoch erscheint?

Premier League scheißt Europa zu mit Geld

Derzeit agieren die 20 Premier-League-Klubs wie Generaldirektor Heinrich Haffenloer in Helmut Dietls "Kir Royal": Sie scheißen Europa zu mit ihrem Geld. Ihr Bayern wollt Thomas Müller nicht für 80 Millionen Euro Ablöse abgeben? Okay, wir geben Euch 90. Immer noch zu wenig. Na gut, hier hab ihr 100 Millionen! 

Ursache der Geldschwemme ist ein gigantischer TV-Vertrag, den die britische Eliteklasse mit den Sendern Sky und British Telecommunications abgeschlossen hat. Umgerechnet 6,9 Milliarden Euro erhält die Liga nach einem Wettbieten der TV-Konzerne allein für die Liveübertragungen der 168 Spiele nur in Großbritannien. Jedes der Spiele kostet im Schnitt fast 14 Millionen Euro. Noch nicht eingerechnet in der Summe sind die Rechte für die Auslandsvermarktung (geschätzt weitere 2,6 Milliarden Euro), Bewegtbilder im Internet und die zeitnahe TV-Zusammenfassung. Das Besondere: Die Hälfte des Geldes wird zu gleichen Teilen an die 20 Premier-League-Clubs ausgeschüttet, jeweils 25 Prozent hängen ab von Tabellenstand und TV-Präsenz.


Zum Vergleich: Die Bundesliga hofft für die Saison 2016/2017 auf 835 Millionen Euro aus der TV-Vermarkung. Entscheidend für die Höhe der Ausschüttung an die Vereine ist hierzulande die aktuelle Platzierung und das Abschneiden in den vergangenen drei Spielzeiten.

Kein Wunder also, dass ein Absteiger wie Cardiff City (76 Millionen Euro) in der abgelaufenen Saison mehr als doppelt so viel an TV-Geldern erhielt wie der deutsche Rekordmeister Bayern München (37 Millionen). Ab 2016, so hat es die "Daily Mail" hochgerechnet, kann der Premier-League-Champion mit 210 Millionen Euro allein an TV-Geldern rechnen.

"Englische Klubs können holen, wen sie wollen"

Wohin das führt, hat Arsenal-Trainer Arsène Wenger klar formuliert: "Englische Klubs können künftig holen, wen sie wollen." Profiteure sind vor allem die Spieler und ihre Berater. Nach Berechnungen der "Daily Mail" verdient der durchschnittliche Premier-League-Profi mehr als drei Millionen Euro pro Jahr.

Keine guten Aussichten für die Bundesliga: Denn wenn selbst Top-Klubs wie der VfL Wolfsburg ihren Kader nicht mehr vor Plünderungen von den Insel verteidigen können, was sollen da erst die Geschäftsführer Sport in - sagen wir - Frankfurt, Mainz oder Hannover sagen?

Das sind die zentralen Gefahren der britischen Geldschwemme:

  • Das Preisniveau steigt insgesamt, selbst Durchschnittskicker gehen zu Mondpreisen weg.
  • Die Spielergehälter gehen durch die Decke
  • Ausstiegsklauseln sind künftig gang und gäbe, eine solide Kaderplanung ist nicht mehr möglich
  • Die Bundesliga wird unattraktiv ohne Top-Stars
  • Gut ausgebildete Nachwuchsspieler gehen den deutschen Ligen verloren

Kein Wunder, dass sich die Deutsche Fußball Liga (DFL) so ihre Gedanken macht und Geschäftsführer Christian Seifert bereits die Diskussion über "unpopuläre Maßnahmen" eröffnet hat, um auch weiter die besten Spieler der Welt in der Bundesliga zu halten. Im Gespräch sind veränderte Anstoßzeiten, etwa am Sonntag um 13.30 Uhr oder auch am Montagabend.

Die teuersten Sommertransfers 2015
63 Millionen Euro

Àngel di Maria (27) wechselt von Manchester United zu Paris Saint Germain.

62,5 Millionen Euro

Raheem Sterling (20) wechselt von FC Liverpool zu Manchester City.

46,5 Millionen Euro

Christian Benteke (24) wechselt von Aston Villa zu FC Liverpool.

44,6 Millionen Euro

Nicolás Otamendi (27) wechselt von FC Valencia zu Manchester City.

41 Millionen Euro

Roberto Firmino (23) wechselt von TSG Hoffenheim zu FC Liverpool.

37 Millionen Euro

Arturo Vidal (28) wechselt von Juventus Turin zu Bayern München.

35 Millionen Euro

Mateo Kovacic (21) wechselt von Inter Mailand zu Real Madrid.

35 Millionen Euro

Jackson Martinez (28) wechselt von FC Porto zu Atlético Madrid.

35 Millionen Euro

Morgan Schneiderlin (25) wechselt von FC Southampton zu Manchester United.

34 Millionen Euro

Arda Turan (28) wechselt von Atlético Madrid zu FC Barcelona.

32 Millionen Euro

Paulo Dybala (21) wechselt von US Palermo zu Juventus Turin.

31,5 Millionen Euro

Danilo (24) wechselt von FC Porto zu Real Madrid.

30 Millionen Euro

Carlos Bacca (28) wechselt von FC Sevilla zu AC Mailand.

30 Millionen Euro

Geoffrey Kondogbia (22) wechselt von AS Monaco zu Inter Mailand.

30 Millionen Euro

Rodrigo (24) wechselt von Benfica Lissabon zu FC Valencia.

30 Millionen Euro

Douglas Costa (24) wechselt von Shakhtar Donezk zu Bayern München.

28 Millionen Euro

Àlvaro Negredo (30) wechselt von Manchster City zu FC Valencia.

27,5 Millionen Euro

Memphis Depay (21) wechselt von PSV Eindhoven zu Manchester United.

27 Millionen Euro

Pedro (28) wechselt von FC Barcelona zu FC Chelsea.

26 Millionen Euro

Alex Sandro (24) wechselt von FC Porto zu Juventus Turin.

25 Millionen Euro

Alessio Romagnoli (20) wechselt von AS Rom zu AC Mailand.

25 Millionen Euro

Stefan Savic (24) wechselt von AC Florenz zu Atlético Madrid.

20 Millionen Euro

Abdul Rahman Baba (21) wechselt von FC Augsburg zu FC Chelsea.

20 Millionen Euro

Andrea Bertolacci (24) wechselt von AS Rom zu AC Mailand.

20 Millionen Euro

Yannick Ferreira Carrasco (21) wechselt von AS Monaco zu Atlético Madrid.

20 Millionen Euro

Giannelli Imbula (22) wechselt von Olympique Marseille zu FC Porto.

20 Millionen Euro

Luciano Vietto (21) wechselt von FC Villareal zu Atlético Madrid.

20 Millionen Euro

Georginio Wijnaldum (24) wechselt von PSV Eindhoven zu Newscastle United.

Karl-Heinz Rummenigge wies jedoch bereits darauf hin: "Das große Geld ist in England nicht durch mehr Spieltage erzielt worden, sondern durch mehr Konkurrenz. Wir müssen einfach mehr Teilnehmer in den Markt bringen, ganz speziell in den Pay-TV-Markt. Dort ist das ganz große Geld zu holen."

Klingt vernünftig, ist aber angesichts des deutschen TV-Marktes ein frommer Wunsch. Weit und breit ist kein Konkurrent zu entdecken, der dem Platzhirsch Sky sein Revier streitig machen würde.

Auch in England brodelt es

Und das ist vermutlich auch gut so, denn selbst in England wird die Entwicklung zunehmend kritisch gesehen. Immer mehr Klubs der unteren Profiligen schließen ihre Nachwuchsschulen, weil die Premier-League inzwischen nur noch teuer im Ausland wildert statt einheimische Talente zu suchen. Die "FAZ" zitiert Peter Marsden, Chef des viertklassigen Klubs Accrinton Stanley mit den Worten: "Der neue TV-Deal killt das Spiel, er killt Klubs wie uns."

Und Tom Reed, einer der Initiatoren der englischen Fan-Organisation Football Action Network wendet sich über "11 Freunde" mit einem Schreiben an die deutschen Fans und Funktionäre und fordert sie auf: "Werdet nicht wie wir!"

In einer besonders fulminanten Passage von Reeds Abrechnung heißt es: "…Die Frage bleibt also: Was wollen die Deutschen so unbedingt übernehmen von der Premier League? Einer Organisation, die von allem den Preis kennt, aber von nicht den wahren Wert. Eine Liga, die das englische Nationalteam zerstört hat, indem es kein einziges Talent zum Zug kommen ließ. Ein Wettbewerb, der Geld eintreibt und den echten Amateurfußball ausmergelt. Eine Liga, in der die Stadien voller lustig-dumm-klatschender Touristen sind, die wie beim Wrestling darauf warten, dass die 'Big hitters' erwartungsgemäß den Sieg davon tragen."

Darauf kann es eigentlich nur eine Antwort geben: nichts!

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