VG-Wort Pixel

Vorgang mit Geschmäckle "Brutal" und "unterirdisch": DFB-Ethikkommission tritt aus Protest zurück

DFB-Interimspräsident Rainer Koch (l.) und Uefa-Boss Aleksander Ceferin mit FFP2- Maske
DFB-Interimspräsident Rainer Koch (l.) und Uefa-Boss Aleksander Ceferin beim EM-Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft
© Alexander Hassenstein / AFP
Der DFB rutscht in die nächste Krise. Nun hat sich die eigene Ethikkommission aufgelöst, weil das Verbandspräsidium entgegen vorheriger Absprachen eine neue Vorsitzende gewählt hat. Mitglieder des Gremiums sind empört – Interimschef Koch profitiert.

Der Deutsche Fußball-Bund ist in die nächste Krise gestolpert und weckt Erinnerungen an dubiose Machtmanöver der skandalumwitterten Fifa. Nach dem überraschenden Führungswechsel und den Rücktritten fast aller Mitglieder der Ethikkommission ist das Aufpassergremium des DFB plötzlich handlungsunfähig – und die Empörung über das Präsidium ist groß. "Das Ding ist brutal und nicht nachvollziehbar", sagte der vom Chefposten der Kommission entfernte Jurist Bernd Knobloch der Deutschen Presse-Agentur. Der ebenfalls brüskierte Theologe Nikolaus Schneider sprach von einem "unterirdischen" Verhalten".

Neben den beiden Männern trat auch Korruptionsexpertin Birgit Galley aus der Ethikkommission zurück – damit bleibt in dem Gremium nur Irina Kummert übrig. Die Personalberaterin wurde vom DFB-Präsidium mit 7:5-Stimmen als neue Vorsitzende gewählt. Sie soll dem Verband nun Vorschläge für die Nachbesetzungen machen. Das Gremium ist erst mit mindestens drei Mitgliedern handlungsfähig.

Rücktritte mutmaßlich absichtlich provoziert

Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, der DFB habe "offenbar bewusst" den Eklat und die De-Facto-Auflösung der Kommission provoziert. Hintergrund sei, dass die Ethiker aktuell gegen Interimspräsident Rainer Koch ermitteln im Zusammenhang mit der Initiative "Fußball kann mehr" von mehreren Frauen aus dem deutschen Fußball. Koch hatte solche Vorwürfe zuletzt stets zurückgewiesen. Die Wahl eines neuen Vorsitzenden habe nichts mit laufenden Verfahren zu tun, vielmehr sollte es die Kommission "voll arbeitsfähig" machen. Obwohl die Kommission nur vier statt der ursprünglichen fünf Mitglieder hatte, bewältigte sie laut "Süddeutscher Zeitung" allein im vergangenen Halbjahr rekordverdächtige 20 Fälle. Koch war für eine weitere Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. 

Auf jeden Fall hat die Causa mindestens ein Geschmäckle und erinnert an das Frühjahr 2017 und die Vorgänge im Weltverband FIFA. Der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert war damals einer der Chefs der Fifa-Ethikkommission, wurde dann aber von Gianni Infantinos Verband völlig überraschend nicht für eine weitere Amtszeit vorgeschlagen. Von dem Aus erfuhr Eckert erst durch Journalisten nach seiner Landung beim Fifa-Kongress in Bahrain. Seine Nachfolger nannte der Jurist später "weniger als ein Feigenblatt" für Infantinos Fifa.

Die Frage ist, ob die Veränderungen in der DFB-Ethikkommission nun auch im Zusammenhang mit Untersuchungen gegen Koch stehen. "Ich kann dazu nichts sagen. Ich würde es aber nicht dementieren", sagte Knobloch, der in dem DFB-internen Dauerzwist zwischen Amateuren und Profis dem Profilager um DFL-Chef Christian Seifert zuzuordnen ist – Koch ist der Vertreter der Amateure. Schneider sagte zu der Theorie, dass die Personalwechsel in der Kommission mit internen Ermittlungen zu tun haben: "Zumindest gibt es eine zeitliche Koinzidenz."

Geschlossener Rücktritt der Kommission – mit einer Ausnahme

Deutlicher wurden beide, als es um ihre Personen ging. Knobloch sei im Dezember 2020 vom DFB zugesagt worden, dass er als kommissarischer Leiter des Gremiums – der gewählte Vorsitzende, Politiker Thomas Oppermann (SPD), war im Oktober 2020 gestorben – weitermachen solle. Die Kommission selbst habe das sogar beschlossen. "Plötzlich kam seitens des DFB die Aussage, dass sie den Vorsitzenden bestimmen wollen", sagte Knobloch nun. Dazu habe es keine Veranlassung gegeben.

Neben Kummert und Knobloch gehörte auch Schneider zum Kandidatenkreis für den Vorsitz. Sozusagen als Kandidat der Mitte, auf zwischen der Koch-Vertrauten Kummert und dem Seifert zugewandten Knobloch. Er wurde ohne Angabe von Gründen des DFB schlussendlich nicht zur Wahl zugelassen, wie er selbst und Knobloch berichteten. Dies sei ein Grund dafür gewesen, dass alle Mitglieder der Kommission – außer Kummert – zurücktraten.

"Man wird erst zu seiner Bereitschaft zur Kandidatur gefragt und dann ist man ohne jede Rücksprache plötzlich gar kein Kandidat mehr", kritisierte Schneider. "Ich hätte es für einen respektvollen Umgang gehalten, mit mir zu reden", sagte er. "Es ist eine Frage des anständigen Umgangs. Ich erwarte, dass man mich nicht wie eine Figur auf einem Schachbrett hin und her schiebt. Das ist unterirdisch."

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", Nachrichtenagentur DPA

luh / Manuel Schwarz / Andreas Schirmer

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker