Länderspiel gegen China Die Krise ist da


Es sollte eine Wiedergutmachung für die Blamage vom Bosporus werden. Heraus kam ein mühsamer 1:0-Erfolg über China, der offen legte, dass die deutsche Elf von ihrem hochgesteckten WM-Ziel noch Lichtjahre entfernt ist.
Von Klaus Bellstedt

Jürgen Klinsmann machte seine Ankündigung wahr und änderte sein Team im Vergleich zur 1:2-Niederlage gegen die Türkei auf vier Positionen. In der Defensive ersetzten Friedrich und Metzelder die formschwachen Owomoyela und Sinkiewicz, Schweinsteiger rückte zudem für den verletzten Jansen aus dem Mittelfeld auf die linke Abwehrseite. Im Sturm erhielt Oliver Neuville den Vorzug vor Kevin Kuranyi.

Über 50.000 Fans in der Hamburger AOL-Arena sahen von Beginn an eine engagiert auftretende deutsche Mannschaft. Man merkte dem DFB-Team an, dass es die peinliche Vorstellung gegen die Türken schnellstmöglich vergessen machen wollte. Die erste Chance hatten jedoch die Chinesen zu verzeichnen. Nach einer Ecke war es der aufgerückte Xiang Sun der mit einem Rechtschuss das Gehäuse von Olli Kahn nur knapp verfehlte (4.). Die gut geordneten Asiaten versteckten sich auch in der Folgezeit nicht, so dass sich ein temporeiches und zunächst ausgeglichenes Spiel entwickelte.

Kahn rettet zwei Mal in höchster Not

Nach gutem Beginn schlich sich dann aber bei der Nationalmannschaft plötzlich wieder der Schlendrian aus dem Türkei-Spiel ein. Fehlpässe im Mittelfeld und ungenaue Zuspiele in die Spitze häuften sich. Der guten Stimmung im Stadion tat das vorerst keinen Abbruch: Eine Blaskapelle sorgte fast schon für holländische Verhältnisse, La Ola machte die Runde. Mitte der ersten Hälfte spielte sich das Geschehen überwiegend im Mittelfeld ab, halbwegs gefährlich wurde es lediglich durch Einzelaktionen. Ein Weitschuss des agilen Sebastian Deisler von der Strafraumgrenze verfehlte sein Ziel aber deutlich (26.). Bastian Schweinsteiger machte es da schon besser: Der Bayern-Profi hatte auf der linken Seite genug Zeit, sich den Ball zurecht zu legen und prüfte mit einem sehenswerten Schlenzer Chinas Torwart Leilei Li. Deutschlands beste Chance bis zu diesem Zeitpunkt.

Die Chinesen stellten kurz vor Ende der ersten 45 Minuten ihre Offensivbemühungen fast vollständig ein. Vor dem eigenen Strafraum bauten sie zwei Abwehrreihen auf, die ein Durchkommen unmöglich machten. Zumindest für ein völlig unkreatives Mittelfeld wie das der DFB-Elf.

In einer mit der Zeit immer stärker abbauenden deutschen Mannschaft vermochte lediglich Sebastian Deisler mit seinen vereinzelten Geistesblitzen Akzente zu setzen. So wie in der 41. Minute, als sein Distanzschuss von Keeper Leilei Li gerade noch über die Querlatte gelenkt werden konnte. Kurz vor dem Halbzeitpfiff hätte sich die zunehmende Nachlässigkeit und Pomadigkeit der Männer von Jürgen Klinsmann beinahe gerächt. Oliver Kahn hatte es die Mannschaft zu verdanken, dass es bis zur Pause beim 0:0 blieb. Zwei Mal rettete der Bayern-Kapitän in höchster Not (44./45.) gegen frei auf ihn zustürmende Chinesen. Die Zuschauer verabschiedeten die Nationalmannschaft berechtigterweise mit einem gellenden Pfeifkonzert in die Kabine.

Probleme in allen Mannschaftsteilen

Und die Grusel-Vorstellung sollte sich zunächst auch zu Beginn der zweiten Hälfte nahtlos fortsetzen. Wieder stand Oliver Kahn im Mittelpunkt des Geschehens, als er mit dem Kopf (!) am Strafraumeck klären musste, vorausgegangen war eine Unachtsamkeit in der deutschen Defensive (46.). Just zu dem Zeitpunkt, als sich noch mehr Unsicherheit im DFB-Team breit zu machen schien, fiel dann für alle überraschend doch der Führungstreffer für die Hausherren. Bernd Schneider war nach feiner Einzelleistung im Strafraum zu Fall gebracht worden. Torsten Frings verwandelte den fälligen Elfmeter zum schmeichelhaften 1:0 (51.).

Das Tor tat der Mannschaft kurzfristig gut, endlich wurde nun auch einmal flüssig kombiniert. Die Folge: zwei gute Gelegenheiten durch Sebastian Deisler sowie den für den verletzten Lukas Podolski eingewechselten Kevin Kuranyi. Beide Male zeigte sich jedoch der chinesische Schlussmann auf dem Posten. Danach war es dann auch schon wieder vorbei mir der deutschen "Zehn-Minuten-Herrlichkeit".

Gerade als man dachte, dass das Team den Gegner nun endlich besser in den Griff bekommen würde, zerstörten immer wieder individuelle Fehler die leise Hoffnung auf Besserung. Vor allem in Mittelfeld und Angriff krankte es bedenklich. Beide Mannschaftsteile griffen nicht ineinander. Aber auch die kaum geforderte Defensive, in der Robert Huth ab der 45. Minute den Platz von Per Mertesacker in der Innenverteidigung einnahm, präsentierte sich bei den wenigen Gegenstößen der Asiaten alles andere als sattelfest. In der 73. Minute hatte die kleine Schar die chinesischen Fans den Torschrei schon auf den Lippen. Der Kopfball von Stürmer Fangzhou Dong landete aber nur am rechten Außenpfosten. Oliver Kahn wäre machtlos gewesen. Die Stimmung in der AOL-Arena war zu diesem Zeitpunkt längst umgeschlagen, Rufe nach dem beheimateten HSV waren nicht zu überhören.

"Es liegt noch viel Arbeit vor uns"

In den letzten zehn Minuten ließen beim DFB-Team dann auch noch die Kräfte nach. Keine Impulse, keine Ideen, kein Engagement. Das macht in der Summe keine weiteren Tore. So blieb es in einem Spiel auf niedrigem Niveau bei einem knappen 1:0-Sieg für die deutsche Nationalmannschaft, der es nicht gelang, sich für die 1:2-Blamage gegen die Türkei zu rehabilitieren. Das Team von Jürgen Klinsmann steckt ein gutes halbes Jahr vor Beginn der WM in einer Krise, daran gibt es nach dem erschreckend schwachen Auftritt gegen spielerisch limitierte Chinesen keine Zweifel mehr.

"Wir hätten gerne höher gewonnen, um das Publikum auf unsere Seite zu ziehen. Das ist uns nicht gelungen", kommentierte hinterher ein sichtlich enttäuschter Jürgen Klinsmann die Darbietung seiner Mannschaft. Man habe lange auf den zündenden Moment gewartet, sagte der Bundestrainer, der feststellen musste, dass "der aber nicht kam". Das nötige Engagement wollte der Coach seinen Spielern nicht absprechen. Es habe aber sehr wohl an Ideen und Kreativität gemangelt. Das Schlusswort des Wahl-Kaliforniers hörte sich irgendwie hilflos an: "Es liegt noch viel Arbeit vor uns." In der Tat, knapp 50.000 Zuschauer in der AOL-Arena konnten sich davon eindrucksvoll überzeugen.


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