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Kommentar

Rücktritt des Weltfußballers: Messis unverständliche Entscheidung lässt leider nur einen Schluss zu

Der große Lionel Messi will nie wieder für Argentinien auflaufen. Einen Titel mit der Nationalmannschaft hat er nicht geholt. Sein früher Rücktritt wirkt resigniert - und wirft die Frage auf: Zählt der vielleicht beste Fußballer aller Zeiten überhaupt zu den Größten aller Zeiten?

Lionel Messi schleicht mit hängendem Kopf über den Platz

Abgang auf leisen Sohlen: Lionel Messi beendet seine Nationalmannschaftskarriere ganz schön früh

Die Geschichte des Fußballs lässt sich in zwei Heldentypen einteilen: die Großen - und die Größten. Zu den Großen gehören Cruyff, Zico, Platini, Beckham, Ronaldo (der Portugiese). In die Riege der Größten reihen sich Pelé, Maradona, Beckenbauer, Zidane, Ronaldo (der Brasilianer) ein. Was diese Spieler zu den Größten macht? Kurz gesagt: Ein Weltmeistertitel, an dessen Erringen sie entscheidenden Anteil hatten. Nach dieser Logik gehört Lionel Messi nicht zu den Größten aller Zeiten.

Zugegeben, das klingt zunächst absurd: Lionel Messi, der Floh, der zum Riesen des Weltfußballs wurde und die Champions League der letzten zehn Jahre mit dem FC Barcelona phasenweise nach Belieben dominiert - keiner der Größten? Dieser Hochgeschwindigkeitsfußballer, dessen Spiel manchmal so perfekt scheint, als sei es für die Playstation programmiert - keine überlebensgroße Legende wie zum Beispiel sein Landsmann Maradona?

Kann das sein?

Ja.

Auch wenn es natürlich viel zu billig ist, diesen vielleicht begnadetsten Fußballer aller Zeiten lediglich auf einen nicht gewonnenen Titel mit seinem Land zu reduzieren. Die Geschichte des Fußballs ist eben auch eine Geschichte der Unvollendeten, die auf ihrem Weg zum absoluten Gipfel scheitern - am Pech, am Zufall, an minderbegabten Mitspielern.


Lionel Messi: "Ich habe alles getan, was ich konnte"

Die Größten setzen sich über all diese Unwägbarkeiten hinweg, sie verarbeiten Rückschläge, kämpfen weiter und lassen sich nicht beirren. Aber was macht Messi, mit 29 Jahren immer noch in gutem Fußballeralter (bei der WM 2018 in Russland wäre er 31 - ein Alter, in dem schon viele der Größten ihr Werk mit dem Titel gekrönt haben)? Er tritt zurück - und lässt es klingen wie Resignation: "Ich habe alles getan, was ich konnte, und es tut einfach weh, kein Sieger zu sein", hat er jetzt nach dem verlorenen Copa-America-Finale gegen Chile gesagt, in dem er zu allem Überfluss auch noch einen Elfmeter über das Tor jagte.

Das klingt fast ein bisschen beleidigt, und genau das ist das Problem: Messi wirkt mit solchen Aussagen wie ein Spieler, der den Weg des geringsten Widerstands wählt. Es würde in das Bild passen, dass Zlatan Ibrahimovic nach seinem kurzen Intermezzo bei den Katalanen einst zeichnete: dass in Barcelona alle nach der Nase des Argentiniers tanzen. Bloß: Die Größten brauchen keine Freibriefe. Die Größten setzen sich durch. Egal, gegen wen oder was.

Messi-Fans behaupten gerne, dass die Mitspieler des argentinischen Rekordtorschützen schlicht zu schlecht seien. Das ist erstens Quatsch, sonst hätte er mit ihnen nicht das WM-Finale und drei Endspiele um die Copa America erreicht (die alle verloren gingen). Zweitens ist es kein Argument - denn die rustikalen Kollegen, mit denen Maradona 1986 den Weltmeistertitel holte, waren deutlich unbegabter als es Agüero, Di María, Higuain oder Lavezzi heute sind.

Was individuelle Preise angeht, macht Messi keiner was vor. Bereits fünf Mal wurde er zum "Weltfußballer des Jahres" gekürt, auch wenn die Wahl auf ihn dabei manchmal schon sehr obligatorisch fiel - man denke nur an 2010, als Andres Iniesta oder Xavi als Gehirne des spanischen Weltmeisterteams die Auszeichnung wohl deutlich mehr verdient gehabt hätten als Messi, der in jenem Jahr bei der WM im Viertelfinale von Deutschland gedemütigt wurde und auch in der Champions League mit Barca bereits im Halbfinale an Mourinhos Inter Mailand scheiterte.

Einerlei. Denn am Ende werden die Größten des Weltfußballs ohnehin am Erfolg mit der Mannschaft gemessen. Messi hat das Glück, seine Vereinskarriere ununterbrochen mit einer besonders guten Truppe zu bestreiten: dem FC Barcelona. Dank seiner hochbegabten Nebenmänner strahlt sein spielerischer Stern dort seit Jahr und Tag noch heller, als er es wohl anderswo tun würde. Deshalb verehren ihn die Fans dort.

Sie haben ihn nie geliebt wie ihren Maradona

In Argentinien hatte Messi wegen der ausbleibenden Erfolge dagegen immer einen schweren Stand. Sie haben ihn nie geliebt wie ihren Maradona, den immer wieder auferstandenen Gott des Weltfußballs. Dafür ist Messi zu perfekt. Eine Maschine ist schwerer zu lieben. Erst recht, wenn sie nicht gewinnt. 

Ohne die Geschichte eines Erfolges mit Argentinien ist die Erzählung von Messis Karriere  schlicht nicht spannend genug, nicht legendär genug, um sie an die Enkel weiterzugeben. Messi hat sich dagegen entschieden, sie zu Ende zu erzählen. Mit einem Happy End hätte Messi einer der Größten werden können. Zeit genug hätte er noch gehabt. Nur: Er hat keine Lust mehr zu kämpfen, er ist zu müde. Klar, das kann auch den ganz Großen mal passieren. Aber nicht den Größten.

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