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Lukas Podolski: Gefangen im eigenen Ich

Wird Lukas Podolski der Befreiungsschlag gelingen, wenn er mit dem 1. FC Köln auf seinen Ex-Klub Bayern München trifft? Wohl kaum - auch weil er keine konstruktive Einstellung mehr findet.

Von Daniel Theweleit, Köln

Es gibt eine Menge Dinge, die Lukas Podolski großartig beherrscht. Kurze Sätze formulieren zum Beispiel, oder sein Privatleben vor der Öffentlichkeit verstecken. Auch das Toreschießen zählt prinzipiell zu den Vorzügen des 24-Jährigen Fußballers, sie ist nur ein bisschen verschüttet. Was Podolski hingegen überhaupt nicht beherrscht, ist die kostbare Kunst des Comebacks. Aus einer Krise hat er sich noch nie nachhaltig befreien können.

Die drei Jahre in München waren rückblickend eine einzige lange Misere, und nach seiner Rückkehr ins geliebte Köln sucht er immer noch nach dem Spiel, das die Leute in den frühen Podolski-Jahren bezauberte. Konstant überzeugend spielte er während der vergangenen Jahre nur in der Nationalmannschaft, doch spätestens nach dem 0:1 gegen Argentinien vom vergangenen Mittwoch ist auch diese heile Welt beschädigt. "Lukas hat seine Leichtigkeit verloren", hat Bundestrainer Joachim Löw am Mittwoch besorgt festgestellt.

Podolski grübelt, hadert, zweifelt und findet keine konstruktive Einstellung mehr zu seinem Beruf. "Er muss einfach spielen, engagiert sein, dann kommt alles andere von allein", rät sein Klubtrainer Zvonimir Soldo, das klingt so simpel und ist doch unendlich schwer. Erst recht am Samstag (ab 15.30 Uhr im stern.de-Liveticker), wenn Podolski erneut im Mittelpunkt des Interesses stehen wird. Schließlich trifft er nicht nur mit dem Klub seines Herzens auf Bayern München, den Ex-Verein. Auch die Geschichte von seiner Auseinandersetzung mit einem Journalisten nach dem Länderspiel am Mittwoch wird erneut über alle Kanäle laufen. "Durch nichts zu entschuldigen" nannte Löw die Entgleisung des Kölners.

"Er setzt sich stark unter Druck"

Während der schweren Jahre beim FC Bayern hatten die Tage mit der der DFB-Elf ja immer den Charakter von Ausflügen in die Freiheit, immer wieder fand er hier die im Klub längst verlorene Unbekümmertheit. Das scheint nun vorbei zu sein. Podolski ist jetzt 24, er hat einen Sohn, er ist nicht mehr der lausbubenhafte Poldi aus dem Sommermärchen. Im Gegensatz zum deutlich gereiften Bastian Schweinsteiger hat der Kölner noch keine neue Identität gefunden. Podolski ist weder unbekümmert noch reif, das macht ihn so angreifbar.

Schon im Frühjahr 2009 war diese Entwicklung absehbar, vor den Augen der Nation ohrfeigte er damals Michael Ballack. Der Kapitän hatte den Stürmer für ein paar taktische Fehler kritisiert, doch Kritikfähigkeit - in welcher Form auch immer - gehörte noch nie zu Podolskis Stärken. Während seines ersten Profijahres in Köln überwarf er sich mit Trainer Uwe Rapolder, der ihm defensive Laufwege beibringen wollte. In München kam er unter Felix Magath ebenso wenig zurecht wie unter Ottmar Hitzfeld und unter Jürgen Klinsmann, Podolksi ist eine echte Herausforderung für jeden Trainer. "Lukas steckt in einer schwierigen Phase, er setzt sich stark unter Druck", sagt Löw, der sich natürlich Sorgen macht um den formschwachen Stürmer.

Die Einstellung wird kritisiert

Denn ohne Leichtigkeit schießt Podolski keine Tore, 1393 Minuten wartet er nun schon auf einen Treffer in der Bundesliga. Er mache sich "viele Gedanken, warum es nicht läuft", erzählt er in einem Interview mit den Fachblatt "Kicker", vielleicht habe er sich, "zu sehr unter Druck gesetzt". Seine erschreckende Harmlosigkeit vor dem Tor begründet er damit, dass das Spiel des FC "primär defensiv ausgerichtet" sei, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Längst wird in Köln auch die Einstellung des größten Lokalhelden seit Willy Millowitsch kritisiert, Manager Michael Meier sagte jüngst über den zur Lethargie neigenden Podolski: "Es ist nicht gut, wenn ein oder zwei nicht laufen - und die anderen neun haben einen dicken Hals." Immerhin hat der Stürmer am vorigen Wochenende mit viel defensivem Engagement geholfen, das 0:0 in Leverkusen zu erspielen.

Dennoch ist Podolskis persönliche Bilanz ernüchternd. Sieben Bundesligaspiele und ein Pokalpartie haben die Rheinländer seit der Winterpause absolviert, in den vier Partien, in denen Podolski mitwirkte, erspielte sich der FC einen Punkt, in den Partien in Frankfurt, in Wolfsburg und gegen den Hamburger SV, in denen er verletzt fehlte, war die Ausbeute mit sieben Zählern ungleich höher. Die Fans stehen dennoch weiterhin zu ihrem Helden, nur die ganz Mutigen wagen an den Theken das Undenkbare auszusprechen: Die Mannschaft spielt ohne Podolski besser, denn sein schweres Gemüt strahlt längst auch auf die Mitspieler ab.

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