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Mehr als 70 Tote, rund 1000 Verletzte: Stadion von Port Said wird zur Todesfalle

Es ist eine der schlimmsten Katastrophen des Fußballs: Mehr als 70 Menschen sterben, rund 1000 werden verletzt, als die Situation nach einem Ligaspiel im ägyptischen Port Said eskaliert.

Während die besten Nationalmannschaften des Kontinents beim Afrika-Cup of Nations in Gabun und Äquatorialguinea ein Fußballfest feiern, hat sich in Ägypten ein Fußballdrama mit vielen Toten ereignet. Hunderte Fußballfans haben nach einem Ligaspiel in der Küstenstadt Port Said Jagd auf Spieler der gegnerischen Mannschaft gemacht. Dabei gab es mindestens 76 Tote. Nach Angaben der Behörden wurden zudem rund 1000 Menschen zum Teil schwer verletzt.

Der Abpfiff war gerade ertönt, als in dem Stadion der nordägyptischen Stadt das Chaos losbrach: Feuerwerkskörper schossen auf den Rasen. Hunderte Fans stürmten den Rasen und machten regelrecht Jagd auf Spieler. Die Akteure des Erfolgsteams Al Ahli aus Kairo versuchten panisch, sich in der Kabine in Sicherheit zu bringen.

Spieler von Al Ahli sagten lokalen Medien, die Sicherheitskräfte hätten nichts unternommen, um sie zu schützen. Schließlich setzte der Militärrat zwei Militärflugzeuge in Port Said ein, um die Spieler von Al Ahli abzuholen, wie das Staatsfernsehen berichtete. Der ägyptische Fußballverband EFA setzte vorerst alle Spiele aus.

Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte

Der portugiesische Al-Ahli-Trainer Manuel José sagte, er habe Dutzende von Toten gesehen. Zahlreiche schwerverletzte Fans seien von Ärzten seines Vereins behandelt worden, viele seien dabei in der Umkleidekabine gestorben. "Die Schuld hat einzig und allein die Polizei. Es waren Dutzende im Stadion, aber die sind plötzlich alle verschwunden oder haben gar nichts unternommen", sagte der 65-Jährige empört kurz nach den Zwischenfällen im Telefon-Interview mit dem portugiesischen TV-Sender SIC.

Schon die Vorzeichen des Treffens der rivalisierenden Clubs mit ihren gewaltbereiten Ultra-Fans waren brisant: Vom "Treffen der Vergeltung" sprachen regionale Zeitungen vorab. Diese Prophezeiung bewahrheitete sich. Kaum war das Spiel mit 3:1 für das Heimteam Al Masri entschieden und beendet, brachen die Krawalle los.

Unter den Toten sollen auch Sicherheitskräfte sein. Der Leiter eines Krankenhauses in Port Said sagte der Online-Ausgabe der Zeitung "Al Ahram", viele seien erdrückt worden. "Das hat mit Fußball nichts zu tun. Das ist Krieg und die Menschen sterben vor unseren Füßen", sagte ein Spieler der Gästemannschaft.

Das Unheil hatte sich angekündigt

Trainer José berichtete, man habe das Unheil kommen sehen, denn Fans des Heimteams hätten schon vor Spielbeginn das Feld gestürmt und so den Anpfiff um rund eine halbe Stunde verzögert. Auch in der Halbzeit und nach jedem Tor seien Zuschauer der Heimmannschaft aufs Feld gelaufen. Er selbst sei mit Tritten und Faustschlägen attackiert worden.

"Mir und all unseren Spielern und Trainern geht es aber gut", sagte er von einer Polizeiwache aus. Man müsse die ägyptische Meisterschaft unterbrechen, denn "so kann man nicht spielen". Er selbst erwäge, das Land zu verlassen. Al Ahli zählt zu den bekanntesten und wichtigsten Fußballvereinen in Ägypten und war lange Zeit ungeschlagen. Das Team hat im Land der Pyramiden in etwa die Bedeutung, die der FC Bayern München für den deutschen Fußball hat.

Der genaue Grund für den Ausbruch der Krawalle ist derzeit unklar. Allerdings hat seit dem Ausbruch der Revolution in Ägypten und anderen arabischen Staaten die Gewalt bei Fußballspielen in Nordafrika deutlich zugenommen. Beobachter führen dies unter anderem darauf zurück, dass die Menschen den Respekt vor Sicherheitskräften verloren hätten.

Krawalle politisch motiviert?

Der Abgeordnete Essam al Erian erklärte auf der Internetseite seiner von den Muslimbrüdern gegründeten Partei der Freiheit und Gerechtigkeit, die Ereignisse in Port Said seien "geplant" gewesen. Sie seien eine "Botschaft der Anhänger des alten Regimes". Die Partei hatte bei der Parlamentswahl der vergangenen Wochen 47 Prozent der Stimmen erhalten. Zusammen mit anderen islamistischen Gruppen stellt sie drei Viertel der Abgeordneten.

In einem Stadion in der Hauptstadt Kairo brach unterdessen ein Feuer aus. Der Schiedsrichter hatte die Partie zwischen Al Samalek und Ismailki zuvor als Reaktion auf die Ereignisse in Port Said abgebrochen. Das Feuer wurde unter Kontrolle gebracht. Einen weiteren Zusammenhang mit den Ereignissen im Stadion von Port Said gibt es aber Berichten zufolge nicht.

Das ägyptische Parlament will laut offiziellen Angaben an diesem Donnerstag zu einer Krisensitzung zusammenkommen.

dho/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters

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