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Massenproteste gegen Mohammed Mursi: Seine Exzellenz, die Sturheit von Kairo

Vermutlich sind derzeit mehr Demonstranten auf Ägyptens Straßen unterwegs als zu Zeiten des Mubarak-Sturzes. Warum? Die Antwort ist einfach: Jetzt rächt sich die Sturheit von Präsident Mohammed Mursi.

Von Steffen Gassel, Beirut

500.000 Menschen haben am Sonntag allein auf dem Tahrir-Platz gegen Mohammad Mursi demonstriert. Millionen weitere gingen in Alexandria, Port Said und anderen Städten Ägyptens gegen den Islamisten im Präsidentenamt auf die Straße. Vielleicht protestieren dieser Tage sogar mehr Ägypter als in den stürmischen Revolutionstagen Anfang 2011 gegen Mursis Vorgänger Mubarak.

Doch die meisten Ägypter bleiben heute wie damals zu Hause, auf dem sicheren Sofa. "Hizb al Kanaba" - die Kanapee-Partei: So nennen ägyptische Aktivisten diese Mitbürger verächtlich. Doch Fakt ist: Sie sind die Mehrheit im Land. Diese Menschen bereuen die Revolution nicht - wie auch, sie haben sie ja nicht gemacht. Aber sie identifizieren sich auch nicht mit ihr.

Mursi hatte die Chance, Präsident aller Ägypter zu werden

So hätte es nicht kommen müssen. Als Mursi vor einem Jahr mit knapper Mehrheit gewählt wurde, akzeptierten die meisten Ägypter - auch die, die nicht zur Wahl gegangen waren - das Ergebnis. Mit einiger Skepsis zwar, aber sie waren bereit, das demokratische Experiment mitzutragen. Das war der Moment einer einmaligen Gelegenheit für den neuen Präsidenten: Er hätte die Hand ausstrecken können. Hätte versuchen können, die Bürger jenseits seiner gut organisierten Islamisten-Bewegung für dieses neue Ägypten zu gewinnen.

Sicher, so ein Kurs wäre risikoreich gewesen: Die alten Mubarak-Seilschaften sind weiter einflussreich, vor allem im Justizapparat und in den Medien. Unermüdlich machen sie Mursi und seine Regierung für die desolate wirtschaftliche Lage verantwortlich, die in Wahrheit zum Großteil eine Folge von Misswirtschaft und Korruption von vor der Revolution ist. Doch einige Monate lang im vergangenen Spätsommer und Herbst hatte Mursi die Chance, sich als Präsident aller Ägypter zu profilieren.

Er setzt die Interessen der Islamisten gegen alle durch

Jetzt rückblickend zu sagen, er habe diese Chance verspielt, wäre eine Beschönigung seiner politischen Bilanz. Denn Mursi hat die Gelegenheit, das aufgewühlte Land zu einen, wohl überhaupt nie als seine präsidentielle Aufgabe verstanden. Statt seine Basis zu verbreitern gegen die Anfeindungen von links und rechts, grub er sich ein. Seine demokratische Wahl begriff er fortan als Ermächtigung, die Interessen der Islamisten gegen alle Widerstände durchzusetzen.

Eine kleine Episode aus Luxor, Hunderte Kilometer südlich von Kairo in der Provinz, illustriert das Versagen des Mohammad Mursi wohl besser als alle Grabenkämpfe in der Hauptstadt. Hier brannten die Barrikaden, schon eine Woche bevor der Aufstand die Hauptstadt erreichte. Aufgebrachte Bürger blockierten den Zugang zum Gouverneurssitz. Denn der Präsident hatte ausgerechnet ein Mitglied der Gamaa Islamija zum neuen Provinzchef ernannt. Dieselbe Gruppe war für den Anschlag auf den Hatschepsut-Tempel verantwortlich, bei dem radikale Islamisten vor 16 Jahren 58 Touristen getötet hatten.

Sie wollen keinen Terroristen als Gouverneur

Die Bürger von Luxor leben vom Tourismus, der im Zuge der Revolution ohnehin eingebrochen ist. Sie verstanden sofort: Nach der Ernennung dieses Gouverneurs würden noch mehr ausländische Besucher Oberägypten meiden. "Wir wollen keinen Terroristen als Gouverneur", schrieben sie auf ihre Plakate. Doch Mursi blieb stur. Wie fast immer, wenn er auf Widerstand stieß.

Binnen nur eines Jahres ist diese Sturheit zum Markenzeichen des Mohammad Mursi geworden. Jetzt rächt sie sich.