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Ägypten 16 Tote bei Aufstand gegen Mursi


Nach den Massenprotesten vom Sonntag dreht sich die Spirale der Gewalt in Ägypten weiter. Die Zentrale der Muslimbrüder wurde gestürmt, die Opposition setzt Präsident Mursi ein Rücktritts-Ultimatum.

Ägypten versinkt im Chaos. Bei den blutigen Protesten gegen Präsident Mohammed Mursi sind nach Regierungsangaben bisher 16 Menschen ums Leben gekommen. Allein neun Tote gab es bei Zusammenstößen von Gegnern und Anhängern des Staatschefs am Sonntag in Kairo, wie das ägyptische Gesundheitsministerium am Montag mitteilte. Am Jahrestag von Mursis Amtsantritt waren Millionen von Ägyptern auf die Straße gegangen und hatten den Rücktritt des gewählten aber inzwischen in Teilen der Bevölkerung verhassten Regierungschefs gefordert.

Inmitten der Unruhen reichten am Montag offenbar mehrere Minister aus dem Kabinett Mursi ihren Rücktritt ein. Die Rede war von vier oder fünf Mitgliedern der Regierung. Ohne Führung könnten damit die Ressorts für Tourismus, Umwelt, Kommunikation, öffentliche Versorgungsunternehmen und Parlamentsangelegenheiten sein. Ob der Schritt im Zusammenhang mit den Unruhen steht, ist bisher noch unklar. Premierminister Hescham Kandil habe ein Treffen mit den Ministern einberufen, um ihre Entscheidung zu diskutieren, berichteten Nachrichtenagenturen aus Kreise der Regierung.

Ägypten ist ein Jahr nach dem Amtsantritt des aus den Reihen der islamistischen Muslimbruderschaft stammenden Präsidenten tief gespalten. Während seine Anhänger darauf verweisen, dass er der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens ist, werfen seine Gegner ihm vor, allein die Interessen der Muslimbruderschaft zu vertreten. Die Opposition setzte Mursi am Montag ein Ultimatum zum Rücktritt bis Dienstagnachmittag um 17 Uhr.

Für Dienstag sind weitere Proteste angekündigt

Ein Ende der Gewalt und der Massenproteste ist derzeit nicht in Sicht. Nach einer Nacht schwerer Zusammenstöße stürmten Jugendliche am Montag die Zentrale der Muslimbrüder in Kairo. Allein bei den stundenlangen Kämpfen um das teilweise brennende Gebäude wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen mindestens sieben Menschen getötet. Mursi zeigte keinerlei Bereitschaft zum Einlenken, obwohl er aus den eigenen Reihen zu Konzessionen aufgefordert wurde. Für Dienstag hat die Opposition zu neuen Protesten aufgerufen. Sie richten sich nicht nur gegen Versuche der Islamisierung, sondern auch gegen wirtschaftliche Not, unter der viele Ägypter leiden.

Am Montag ebbten die Proteste zwar zunächst ab, doch hielten seine weltlich und liberal orientierten Gegner den Rücktrittsdruck auf den Staatschef aufrecht. Auf dem Tahrir-Platz, der traditionellen Versammlungsstätte der Oppositionsbewegung, harrten nur noch wenige hundert Aktive aus. Dort waren am Vorabend mehr als eine halbe Million Menschen zu den größten Protesten sei dem Sturz des früheren Präsidenten Husni Mubarak zusammengeströmt.

Überfall auf die Zentrale der Muslimbrüder

Brennpunkt der Auseinandersetzungen war auch am Morgen die Zentrale der Muslimbrüder. Wachmänner schossen wiederholt auf junge Demonstranten. Später stürmten Jugendliche das Gebäude und ließen ihrer Zerstörungswut freien Lauf. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sie Büromöbel und andere Einrichtungsgegenstände auf die Straße warfen. Kurz vor dem Sturm hatten die Muslimbrüder das Gebäude geräumt.

Nach ihrer Darstellung hatten Dutzende bewaffnete Oppositionelle das auf einem Hügel gelegene Gebäude am Abend umstellt, beschossen sowie mit Steinen und Brandsätzen beworfen. Nach Beobachtungen von Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters wurde aus dem brennenden Haus zurückgeschossen. Vertreter der Islamisten warfen der Polizei vor, die Zentrale nicht geschützt zu haben. Am Montagmorgen waren dort keine Polizisten präsent.

In Kairo und in der Hafenstadt Alexandria solidarisierten sich uniformierte Polizisten mit den Demonstranten und reihten sich mit dem Ruf "Polizei und Volk sind einig" ein. Mehrere Polizeiführer sprachen zu den Demonstranten am Tahrir-Platz. Das weckte Zweifel, ob Mursi sich im Ernstfall voll auf die Sicherheitskräfte verlassen kann. Nach Angaben von Diplomaten will die in Ägypten lange dominierende Armee nicht in den Konflikt eingreifen. Solange die nationale Sicherheit nicht bedroht sei, blieben die Soldaten in den Kasernen, hieß es.

Mursi will bleiben

Mursi selbst hat Fehler eingeräumt und ihre Behebung angekündigt. Er zeigte sich aber entschlossen, im Amt zu bleiben. Ein Berater Mursis nannte drei Möglichkeiten, die Krise beizulegen: "Das Offenkundigste" seien Neuwahlen zum Parlament. Denkbar seien aber auch ein nationaler Dialog, den die Opposition allerdings verweigere, oder die von Mursis Gegner verlangte erneute Präsidentenwahl, die aber die Demokratie zerstören würde.

Die in der Nationalen Heilsfront zusammengeschlossenen liberalen und linken Parteien erklärten sich zu Siegern des Machtkampfes. Ihre Wortführer wollen am Nachmittag das weitere Vorgehen beraten. Die USA und die EU haben Mursi zur Machtteilung geraten.

Abseits der politischen Auseinandersetzung beklagen Frauenrechtlerinnen, dass es im Schatten der Proteste zu organisierten sexuellen Übergriffen auf dem Tahrir-Platz kommt. Den Machenschaften seien bisher mindestens 43 Frauen, darunter eine ausländische Journalistin, zum Opfer gefallen, hieß es.

anb/DPA/Reuters/AFP DPA Reuters

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