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Meinung

Özils Rücktritt: Das feige Schweigen der Führungsspieler

Mesut Özil erhebt in seinem Rücktrittsschreiben schwere Vorwürfe, vor allem gegen den DFB. Trotzdem fühlen sich die Spieler, die mit ihm den größten Erfolg ihrer Karriere feierten, nicht genötigt, das zu kommentieren. Warum nicht?

Team-Manager Oliver Bierhoff vor einem Poster von (v.l.n.r.) Timo Werner, Toni Kroos, Mesut Özil, Mats Hummels und Thomas Müller

Team-Manager Oliver Bierhoff vor einem Poster mit den Spielern (v.l.n.r.) Timo Werner, Toni Kroos, Mesut Özil, Mats Hummels und Thomas Müller vorbei

DPA

Es sind bald zwei Tage vergangen, seit Mesut Özil seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft verkündet hat. Zwei Tage, in denen viel geschrieben und gesagt wurde über Mesut Özil. Es waren aber auch zwei Tage, in denen eine Gruppe überraschend still blieb: seine ehemaligen Weggefährten beim DFB. Özil schießt am Sonntag im groß inszenierten, finalen Akt seiner Nationalmannschaftskarriere wild um sich, er attackiert Sponsoren, Medien, Teile der Fans und insbesondere den Verband. Er beklagt Rassismus und ein Gefühl des Nicht-Dazugehörens - und die Spieler, die mit ihm zusammen den größtmöglichen Erfolg ihres Fußballerlebens feierten, sagen: nichts.

Fairerweise muss man anführen: Einige wenige Ausnahmen gab es. Boateng, Draxler und Rüdiger haben sich via Instagram für Özils Leistungen um den Fußball respektive ihre Zeit mit ihm bedankt. Auch Lukas Podolski postete ein gemeinsames Bild von ihm und Özil von der WM 2014 und schrieb davon, es sei "magisch" gewesen, den Arsenal-Spieler als Teamkollegen gehabt zu haben. Inhaltliche Auseinandersetzungen mit Özils Rundumschlag oder auch nur ein Kommentar dazu, sucht man jedoch vergebens.

Wo sind die Führungsspieler beim DFB?

Andere sagen gleich überhaupt nichts dazu. Wo sind die sogenannten Führungsspieler der Nationalmannschaft? Was denken Neuer, Hummels, Müller, Kroos oder Khedira? Wie stehen sie zu Özils Rassismusvorwurf und seinem beschriebenen Gefühl, nicht genug dagegen geschützt worden zu sein? Finden sie seine Kritik über die angebliche Ungleichbehandlung berechtigt? Finden sie, dass Özil zu sehr pauschalisiert? Man weiß es nicht. 

Nun sind Fußballer keine Politiker, wie dieser Tage eindeutig zu oft angeführt wurde. Doch hier geht es gar nicht um Politik. Es geht darum, dass einer von ihnen, eines der größten Gesichter des deutschen Fußballs, in ungewohnt offener Weise austeilt, sich vom Verband zum Rücktritt gedrängt sieht und öffentlich Alarm schlägt. Dazu dürfen Sportler, noch dazu seine Teamkollegen, eine Meinung haben. Sie können ihm den Rücken stärken, sie können sich öffentlich von seinen Aussagen distanzieren, sie können Verständnis für beide Seite äußern. Was sie aber nicht sollten, ist: einfach feige schweigen. Zumindest, die oben genannten Spieler, die für sich beanspruchen, DFB-Führungsspieler zu sein.

Der DFB und das Aussitzen von Konflikten

Warum also sagen sie nichts? Haben sie Angst zwischen die Fronten einer aufgeheizten öffentlichen Debatte zu geraten? Befürchten sie ihre Ausbootung aus der Nationalmannschaft, wenn sie sich gegen den Verbandspräsidenten positionieren? Darf man bei der Nationalmannschaft Missstände nicht benennen?

Sicher ist: Die schweigenden Kicker stehen mit dieser Nicht-Haltung in guter DFB-Tradition. Dort sitzt man gern Dinge aus. Nach Özils Angriff gab es vom Verband ein sehr allgemein gehaltenes Statement, in dem man sich gegen den Vorwurf des Rassismus zur Wehr setzte. Der scharf beschossene Grindel sagte lieber nichts, Bierhoff - zuvor noch um keinen Kommentar in der Angelegenheit verlegen - auch nicht und Löw schweigt ohnehin seit Wochen zu allem. Es war schon schwach vom Bundestrainer, Özil nicht in Schutz genommen zu haben, als Bierhoff und Grindel ihn nach der WM zum Sündenbock machten. Nun einfach weiter zu schweigen offenbart umso mehr einen Mangel an Führungsstärke und Verantwortungsbewusstsein - an dem sich seine Spieler leider ein Beispiel genommen haben. 

Links steht DFB-Präsident Reinhard Grindel an einem Rednerpult, rechts steht Mesut Özil in DFB-Trainingsjacke auf dem Platz
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