HOME

Mitgliederversammlung Hertha: Demütiger Sauhaufen

Erst wurde die Mannschaft ausgebuht, dann entschuldigte sich "Zecke" Neuendorf: "Wir sind alle nicht ganz einfach". Auch Dieter Hoeneß ging auf Kuschelkurs - der von den Hertha-Fans angefeindete Manager räumte Fehler ein. Und will weitermachen. Aber wie?

Das große reinigende Gewitter, das viele Freunde und Gegner von Hertha BSC auf der Mitgliederversammlung des Vereins erhofft und erwartet hatten, blieb aus. Erst als nach Mitternacht die letzten Freibiere und Würstchen über den Tresen gegangen waren und die beschimpften Profis längst zu Hause schlummerten, entluden sich Blitz und Donner über der Möchte-Gern-Fußballstadt Berlin. "Ich widerspreche, dass wir einen Sauhaufen haben", konnte Manager Dieter Hoeneß zu fortgeschrittener Stunde fast ungestört ins Auditorium rufen, in dem sich rund 1300 Zuhörer auch von positiven Finanz-Zahlen (rund acht Millionen Euro weniger Schulden) besänftigt zeigten.

"Wir brauchen noch ein bisschen Erziehung"

Nur am Anfang hatte es hörbar gekracht, das Versager-Team der verkorksten Saison war gnadenlos ausgepfiffen und ausgebuht worden: Ein Novum in der Geschichte von vielen turbulenten Versammlungen der "alten Dame". Publikums-Liebling Andreas "Zecke" Neuendorf, der in den Planungen für die neue Saison keine Rolle mehr spielt, entspannte als Erster die Situation. "Wir sind alle nicht ganz einfach und brauchen noch ein bisschen Erziehung", erklärte er den Zuhörern - und die stimmten mit "Standing Ovations" zu.

Vergessen schien manchmal sogar die desaströse Rückserie, die am Samstag in Frankfurt mit dem schlechtesten Saison-Abschneiden seit dem Erstliga-Wiederaufstieg vor zehn Jahren enden kann. Verdrängt wurden die Risse in einer Mannschaft, die sich nach einer umjubelten Hinrunde immer mehr als untrainierbar erwies. "Wenn man alles dunkel sieht, kommt man nicht voran", rief Neuendorf noch und schloss den Appell an: "Macht jetzt nicht alles kaputt."

"Wir werden nicht vor notwendigen Grausamkeiten zurück schrecken"

Den Rest erledigten Manager Hoeneß und Aufsichtsratschef Werner Gegenbauer mit rhetorischer Gabe, die zunächst wütenden Zwischenrufe verstummten immer mehr. Der zuletzt im Stadion heftig angefeindete Hoeneß räumte als Fehler ein, er hätte sich von Trainer Falko Götz früher trennen müssen. Und die eigene Außendarstellung werde er, "man höre und staune", ändern. "Ich werde nicht mehr zu allen Themen Stellung nehmen", verkündete der Hertha-"Macher", der diese Rolle dennoch weiter uneingeschränkt ausfüllen will und kann. "Ich werde mit meinem Team die nächsten drei Jahre nutzen, um Hertha BSC fit für die Zukunft zu machen", sagte Hoeneß, der als Geschäftsführer der Hertha-Kommanditgesellschaft auf Aktien einen Vertrag bis 2010 hat.

So wurden die Mitglieder mit blutenden Herzen und unbeantworteten Fragen in die Gewitternacht entlassen. Wer neuer Trainer wird, wie die Generations-Konflikte im Team gelöst werden sollen, wer als Verstärkung kommt, wie die Ziele für die kommende Saison aussehen, wie das bundesweit katastrophale Image aufpoliert werden soll - all das erfuhr die Hertha-Gemeinde nicht. "Wir werden eine schonungslose Analyse machen und auch nicht vor notwendigen Grausamkeiten zurück schrecken", verkündete Hoeneß. Es bleibt wie es ist bei Hertha.

Jens Mende/DPA

Wissenscommunity