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Football Leaks Die Steuertricks von Ronaldo und Co. dürfen uns nicht gleichgültig sein

Cristiano Ronaldo fasst sich an den Kopf: Football Leaks belegt seine Steuertricks im großen Stil
Schleust offenbar Millionenbeträge über Scheinfirmen am Fiskus vorbei: Cristiano Ronaldo ist einer von vielen Fußball-Superstars, die durch die Football Leaks belastet werden.
© Alberto Estevez/DPA
Ein Fußball-Wochenende ist vergangen, doch der große Aufschrei angesichts der enthüllten Steuertricks von Ronaldo, Özil und Co. ist ausgeblieben. Erwartungsgemäß.

"Eine solche Enthüllung gab es noch nie." Als nichts geringeres hat "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer im jüngsten Heft des Nachrichtenmagazins die Football-Leaks-Enthüllungen bezeichnet, an denen sein Blatt beteiligt ist. Die Belege für die Steuerhinterziehung, die Superstars wie Cristiano Ronaldo, Mesut Özil und andere den enormen Datenmengen zufolge praktizieren, zeigten, wie kaputt das System ist. Kein Fan könne nun noch sagen, es gibt ein paar faule Figuren im internationalen Fußball, doch das Spiel an sich sei gesund. Nichts, so klingt es durch, könne noch so sein wie zuvor.

Doch ist das so? Ein Spieltags-Wochenende später spürt man immer noch vor allem eines: Achselzucken. "Hacienda somos todos. Cristiano paga ya", schallte es zwar Real-Superstar Cristiano Ronaldo - laut Football Leaks offenbar einer der schlimmsten Steuerhinterzieher im Fußball-Business - während des Clásico in Barcelona entgegen, doch die gesungene Zahlungsaufforderung der Fans (deutsch in etwa: "Das Finanzamt sind wir alle. Cristiano zahl endlich!") dürfte schon der Gipfel der Empörung gewesen sein. Denn trotz des neuen Wissens war offensichtlich kein Fan bereit, auf den Stadionbesuch zu verzichten. Nicht zu vergessen: Mit Lionel Messi stand bei Barca ein bereits verurteilter Steuersünder auf dem Platz.

Football Leaks? War ja klar, dass es so ist

Nicht überraschend, man hatte sich das sowieso gedacht - so ein häufig zu hörender und zu lesender Kommentar zu den jüngsten Enthüllungen. Doch was soll das eigentlich heißen? Dass wir akzeptieren, dass, wer dazu in der Lage ist, im großen Stil Steuern zu hinterziehen, das auch tut. Dass er blöd wäre, täte er es nicht? Dass wir insgeheim auch gerne in einer solchen Situation wären? Wollen wir wirklich akzeptieren, dass unsere Gesellschaft so funktioniert? Es sind Fragen, die sich immer wieder stellen - nicht nur bei den Football Leaks, sondern auf unterschiedliche Weise beispielsweise auch im Fall Hoeneß, im VW-Skandal, bei der Vergabe der WM 2006 oder im Fall Guttenberg (Sie erinnern sich: der Verteidigungsminister, dem eine gefälschte Doktorarbeit zu Amt und Würden verhalf).

Das allgemeine Schulterzucken ist jedenfalls kein Zeichen von Abgeklärtheit ("so läuft's halt"), sondern ein Hinweis darauf, wie abstrakt und weit weg milliardenschwere Parallelwelten wie die des Spitzenfußballs sind. Bei genauerer Betrachtung aber lassen sich durchaus Verbindungen herstellen. Wer sich das nächste Mal über kaputte Straßen, verwahrloste Schulen oder fehlende Kita-Plätze aufregt, der sollte sich mal daran erinnern, dass es Leute wie Cristiano Ronaldo oder Uli Hoeneß sind oder waren, die dem Gemeinwesen Gelder in einer Höhe vorenthalten, mit denen sich solche Probleme leicht lösen ließen. Jenem Gemeinwesen, auf dessen Basis ihre Erfolge erst möglich waren.

Kaum einer will auf Brot und Spiele verzichten

Im normalen Leben nennt man sowas: schamloses Ausnutzen. Es steht dennoch zu befürchten, dass die meisten von uns sich die große Fußball-Show nicht nehmen lassen wollen. "Brot und Spiele" der Neuzeit eben. Allerdings: Die wären auch ohne Betrug möglich.

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