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Nach Ausraster: VfB-Mannschaftskollegen stehen hinter Lehmann

Torwart-Rüpel Jens Lehmann scheint um seinen Rauswurf förmlich zu betteln, aber auch nach dessen jüngsten Ausrastern in Mainz schreckt der VfB Stuttgart wohl vor einschneidenden Konsequenzen zurück.

Torwart-Rüpel Jens Lehmann scheint um seinen Rauswurf förmlich zu betteln, aber auch nach dessen jüngsten Ausrastern in Mainz schreckt der VfB Stuttgart wohl vor einschneidenden Konsequenzen zurück. "Es gibt derzeit keine weitere Stellungnahme, da es keinen neuen Stand gibt", sagte ein Sprecher des Fußball-Bundesligisten der Deutschen Presse-Agentur dpa am Montag. Er könne nicht sagen, wann eine Entscheidung bekanntgegeben werde. Sportdirektor Horst Heldt und Trainer Christian Gross besprachen nach dem Vormittagstraining die Angelegenheit mit Lehmann. Der Keeper hatte Stürmer Aristide Bancé im Sonntagsspiel kurz vor Schluss auf den Fuß getreten und umgestoßen. Den fälligen Elfmeter verwandelte der FSV Mainz 05 zum 1:1-Endstand.

Lehmann blieb wie die anderen in Mainz eingesetzten Profis im Kraftraum bzw. in medizinischer Behandlung. Der 40 Jahre alte Routinier verließ am frühen Nachmittag nach der Aussprache mit der VfB-Führung kommentarlos das Vereinsgelände und fuhr in seinem Privatwagen weg. Mannschaftskollegen stellten sich hinter den streitsüchtigen Schlussmann. "Wir stehen zu 100 Prozent hinter dem Torwart", versicherte Sami Khedira. "Er ist ein Führungsspieler, der immer seine Meinung sagt und sagen muss."

Der Mittelfeldmann und Stürmer Ciprian Marica erklärten: "Jens hat sich bei der Mannschaft entschuldigt." Lehmann wisse, "was sich gehört", fügte Khedira hinzu. Auch Cacau zeigte sich solidarisch. "Ich kann mich in Jens hineinfühlen. Ich wurde auch einmal nach einer Roten Karte an den Pranger gestellt", sagte der Nationalstürmer. "Wichtig ist, dass er Einsicht zeigt, und das hat er getan."

Die Attacke gegen den ebenfalls mehrfach provozierenden Bancé, der allerdings unbestraft blieb, der Streit mit einem VfB-Fan, dem Lehmann die Brille vom Kopf riss, und seine Flucht im Taxi zum Flughafen waren negative Höhepunkte einer Reihe von Eskapaden. Dennoch scheinen die mitten im Abstiegskampf steckenden Schwaben mangels geeigneter Alternativen an dem Fußball-Flegel festhalten zu wollen.

"Ich glaube nicht, dass das sein letztes Spiel für den VfB war. Er hat bis 30. Juni Vertrag", sagte Heldt nach dem Abpfiff und sprach von einer "Kurzschlussreaktion" des auf dem Spielfeld ständig unter Strom stehenden exzentrischen Schlussmanns. Der Manager rechnete auch nicht damit, dass der ehrgeizige Routinier "von sich aus das Handtuch" werfe. "Das will ja auch keiner", sagte Heldt den "Stuttgarter Nachrichten" (Montag-Ausgabe) mit Verweis auf Lehmanns gute Leistungen in den vergangenen Wochen.

Gross zeigte ein gewisses Verständnis für die Attacke gegen Bancé: "Das sind Stresssituationen. Er ist provoziert worden, und da reagiert man eben manchmal falsch." Zugleich stellte der Schweizer gegenüber der "Stuttgarter Zeitung" klar: "Es stehen Dinge an, die müssen wir lösen. Denn der Erfolg der Mannschaft steht über allem." Offensichtlich hält Gross an dem ehemaligen Nationaltorwart fest, auch wenn er diesen angesichts der drohenden langen Sperre nicht nur zum Abschluss der Vorrunde am Samstag gegen Hoffenheim 1899 durch die relativ unerfahrenen Sven Ulreich oder Alexander Stolz ersetzen muss.

Franz Beckenbauer bezeichnete die Rote Karte als "völlig verkehrt". Im TV-Sender "Sky" meinte der Bayern-Ehrenpräsident zu Lehmanns Aktion gegen Bancé: "Im Moment übertreibt er es vielleicht ein bisschen." Der VfB-Keeper habe "zwei Gesichter". In der Tat scheint Lehmann häufig wie Dr. Jeykll und Mr. Hyde eine gespaltene Persönlichkeit zu sein: Privat ein prima Kerl und auf dem Platz ein Rüpel.

Der Stuttgarter Vorstand muss nun nicht nur eine Lösung für Lehmanns Missetaten in Mainz finden. Weiterhin ungeklärt ist derzeit auch, wie der VfB auf die Weigerung des streitsüchtigen Schlussmanns reagiert, eine Strafe in Höhe von 40 000 Euro wegen dessen scharfer Kritik an dem dreiköpfigen Gremium im Zusammenhang mit der Entlassung von Teamchef Markus Babbel zu bezahlen.

Mainz' Präsident Harald Strutz ging mit dem Grobian scharf ins Gericht: "Mir kommt es so vor, als aale er sich im Hass von außen. Sein Verhalten hat mit Sport nichts mehr zu tun." Torhüter-Kollege Heinz Müller relativierte: "Jens braucht die Emotionen und den Druck, um gut zu sein. Sicher hat er überdreht, aber es war nichts Grobes." Trainer Thomas Tuchel hielt die Rote Karte für richtig, nahm den Sünder aber ebenfalls in Schutz: "Lehmann ist ein vom Ehrgeiz Getriebener. Absichtlich rastet er nicht so aus." Dass Lehmann nicht der Alleinschuldige war, strich 05-Manager Christian Heidel heraus: "Unser Aristide Bancé soll lieber nichts sagen zu den Vorfällen."

DPA / DPA

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