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Nationalmannschaft: Tante Käthe langt zu

Mit der wohl endgültigen Ausmusterung von Jörg Böhme und einer gnadenlosen Abrechnung mit "Lästermaul" Mario Basler rüstet sich Rudi Völler für das Testspiel gegen Kanada

Mit der wohl endgültigen Ausmusterung von Jörg Böhme und einer gnadenlosen Abrechnung mit "Lästermaul" Mario Basler hat Rudi Völler am Freitag im Quartier der deutschen Fußball- Nationalmannschaft das anstehende Testspiel gegen Kanada völlig in den Hintergrund gedrängt. Nach nur einer gemeinsamen Nacht in Wolfsburg sortierte der Teamchef den Schalker Jörg Böhme aus seinem Aufgebot für die Partie am Sonntag (19.00 Uhr/ZDF) in der Volkswagenarena und die EM-Qualifikationsspiele in Schottland und Färöer aus - vermutlich ein Abschied für immer.

Körperlich und geistig nicht in der Lage, uns weiterzuhelfen

"Er ist körperlich und geistig nicht in der Lage, uns weiterzuhelfen", fällte Völler ein vernichtendes Urteil über den 29- jährigen Böhme. Der Mittelfeldspieler, der schon bei der WM unter merkwürdigen Begleiterscheinungen vorzeitig nach Hause geflogen war, hatte mit dem Hinweis auf Rückenprobleme erst gar nicht anreisen wollen. Nach einem längeren Gespräch am Freitagmorgen entschied sich Völler dann angesichts Böhmes psychischer Verfassung für die Trennung. "All die Dinge, die in den vergangenen Wochen um seine Person vorgefallen sind, sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen", so Völler: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass es einen Sinn macht, wenn er hier bleibt."

Mehr trainieren, weniger Weizenbiere trinken

Die Frage, ob Böhmes Karriere in der DFB-Auswahl nach zehn Länderspielen beendet sei, ließ der Teamchef unbeantwortet. Klare Worte fand er hingegen an die Adresse Baslers, der in mehreren Interviews die heutige Spielergeneration - vor allem Carsten Ramelow und Bernd Schneider - als langweilig und einsilbig und die deutsche Vize-Weltmeisterschaft in Japan als "grausam" bezeichnet hatte. Völlers Antwort wurde zum fünfminütigen Epilog, der an den legendären Auftritt von Giovanni Trapattoni bei Bayern München erinnerte.

"Ich hätte mir gewünscht, dass Mario zum Ende seiner Karriere eingestanden hätte, dass es besser gewesen wäre, statt in zehn Minuten fünf Weizenbiere ex zu trinken oder eine Schachtel Marlboro zu rauchen ab und zu einmal auf den Trainer zu hören", sagte Völler, der sich über Baslers Äußerungen ("ich bin ein Typ") richtig in Rage redete: "Ein Typ ist, wer Woche für Woche Weltklasse-Leistungen bringt. Nur das zählt, nicht der ganze Scheißdreck nebenan."

Basler habe Talent vergeudet

Basler, der nach dem Pokal-Finale am Samstag seine Karriere in Katar ausklingen lassen will, habe aber sein Talent verschleudert: "Er hatte die Möglichkeit, ein ganz Großer zu werden, und vielleicht wären wir mit ihm 1998 oder 2002 Weltmeister geworden. Doch er hat viel zu wenig aus seinem Talent gemacht." Das unterscheide ihn von denjenigen, die er heute angreife: "Ramelow und Schneider sind Spieler, die alles für ihre Karriere und für Deutschland getan haben."

Der Noch-Wolfsburger Tobias Rau, der am Sonntag vor seinem dritten Länderspiel-Einsatz steht, saß bei der Pressekonferenz in der Volkswagenarena angesichts der ungewohnten Völler-Töne mit großen Augen und noch größeren Ohren neben dem Teamchef. "Hör’ mal weg, Tobias", sagte Völler und plauderte dann aus dem Nähkästchen: "Lothar Matthäus, Andreas Brehme und ich haben auch mal eine Kiste Bier ausgetrunken, aber zum richtigen Zeitpunkt", so Völler.

Völler könne die Wahrheit nicht ertragen

Baslers Antwort ließ am Freitag nicht lange auf sich warten. "Ich habe mit meinen Aussagen wohl den Nagel auf den Kopf getroffen. Einige können die Wahrheit halt nicht vertragen. Das war beim DFB schon immer so", sagte er der BILD-Zeitung. Im Übrigen könne Völler in punkto Weißbier gar nicht mitreden: "Er weiß gar nicht, wie gut Weizenbier schmeckt."

Rau umschrieb die Prioritäten der heutigen Spielergeneration mit den Worten: "Wir reißen uns den Arsch auf und versuchen, alles auf dem Platz zu zeigen. Außerhalb verhalten wir uns unauffällig", sagte der künftige Bayern-Profi. Den Beweis dafür will die Nationalelf bereits am Sonntag gegen die Kanadier liefern.

"Ich bin davon überzeugt, dass wir engagiert spielen werden", erklärte Völler, der wegen des Pokal-Endspiels auf Oliver Kahn, Michael Ballack, Jens Jeremies und Miroslav Klose verzichten muss. Im Tor wird der Schalke Frank Rost beginnen und in der Halbzeit durch den Leverkusener Jörg Butt abgelöst. In der Abwehr steht laut Völler einem Einsatz von Arne Friedrich (Hertha BSC), der zuletzt über Adduktorenprobleme geklagt hatte, nichts im Wege. Insgesamt will Völler in der noch nicht ausverkauften Partie möglichst allen Spieler eine Einsatzchance geben.

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