Nürnbergs Coach Michael Oenning "Wir hatten lange genug Spektakel"

Er ist ein etwas anderer Bundesligatrainer: Vor dem Spiel seines 1.FC Nürnberg gegen Hertha BSC Berlin (ab 15.30 im stern.de-Liveticker spricht Michael Oenning im Interview über sein Nachwuchskonzept und den Wunsch, mit Ergebnissen nicht alles zu erklären.
Von Christof Ruf

Herr Oenning, bei Hertha, Ihrem nächsten Gegner, ist gerade der Trainer entlassen worden - die Ergebnisse haben nicht gestimmt. Als Gegner der Ergebnisberichterstattung müsste Sie das wahnsinnig machen, oder?
Ich habe kein Problem mit ergebnisorientierter Berichterstattung - aber damit, alles aus den Ergebnissen abzuleiten. Nach ein paar Spieltagen kann man noch keinen Trend erkennen. Schon gar nicht, wenn man wie wir das Ziel ausgegeben hat, nach 34 Spieltagen schlechtestenfalls 15. zu sein. Unsere Ausgangslage erleichtert vieles.

Inwiefern?
Letzte Saison standen wir jedes Spiel unter Erfolgsdruck. Durch den Aufstieg sind wir in die komfortable Situation gekommen, dass wir nicht immer gewinnen müssen und jedes Spiel einzeln bewerten können. Durch den Sieg im letzten Heimspiel haben wir jetzt sogar ein bisschen Ruhe.

Das Beste an drei Punkten ist, dass man die Luft bekommt, mittelfristige Ziele weiter zu verfolgen?
Ganz genau. Als Aufsteiger weiß man natürlich, dass man von 34 Spielen 17 oder 18 nicht gewinnen wird. Es wäre eine tolle Sache, wenn wir noch ein paar Punkte sammeln könnten. So hätten wir die Chance, weiter an unseren Offensivqualitäten zu arbeiten. Im Moment konzentrieren wir uns noch sehr darauf, das Spiel des Gegners zu hemmen, uns nach ihm zu richten.

Ihr Kollege Armin Veh weigert sich, über mittelfristige Ziele zu sprechen. Er sagt, er habe gelernt, dass nur der kurzfristige Erfolg zählt.
Er ist in einer anderen Situation. Von ihm wird erwartet, dass er am besten die Champions League gewinnt und Meister wird. Wir dagegen wollen den Klassenerhalt - und damit den Grundstein für unsere Zukunft legen.

Sie scheinen sehr überzeugt zu sein von Ihrem Kader. Man hatte vor der Saison fast den Eindruck, Sie wollten gar keine neuen Spieler.
Wir haben ja neue Spieler geholt, aber eben junge. Es kann durchaus sein, dass irgendwann mal eine U 23 aufläuft. Es mit dieser Mannschaft zu probieren, war eine bewusste Entscheidung. Es ist aber auch nicht so, dass wir als ganz junge Mannschaft die Liga rocken. Eigentlich versuche ich, neben jeden älteren Spieler einen jungen zu stellen. Unsere Achse besteht aus erfahrenen Leuten: Wolf, Kluge, Mintal, vielleicht Charisteas. An den Seiten sieht es aber schon jung aus, das stimmt.

Würden Sie Ribéry nehmen?
Das ist aber jetzt eine sehr theoretische Frage.

Klar, was sonst - also?
Ich wäre ja doof, einen der besten Spieler der Welt nicht zu nehmen.

Jetzt haben Sie aber lange gezögert.
Das ist, weil - er würde nicht nach Nürnberg passen, ich müsste für ihn mein ganzes Konzept umstellen.

Das davon ausgeht, dass die beste Nachwuchsförderung die ist, den Nachwuchs auch regelmäßig spielen zu lassen?
Richtig. Wenn wir den Klassenerhalt mit dieser jungen Mannschaft schaffen, ist sie erfahrener und besser geworden. Dann wird die nächste Saison für uns leichter werden. Außerdem tun wir auch dem deutschen Fußball gut, wenn wir unsere Leute ausbilden und nicht die der anderen. Der Trend in der Liga geht derzeit auch in die Richtung, das freut mich.

Das Bekenntnis zum eigenen Nachwuchs hört man in der Branche immer wieder. Doch meist wird es nur in der allergrößten Not konsequent umgesetzt - wenn das Geld für Stars fehlt.
Ich will schon beweisen, dass man mit einem konsequenten Nachwuchskonzept Erfolg haben kann. Dieser Nachweis ist ja nie geführt worden. Stattdessen wollten viele Trainer ihren persönlichen Erfolg absichern, damit sie lange im Geschäft bleiben. Da schien es manchem zu riskant, den Jungen auch mal ein schlechtes Spiel zuzugestehen.

Würden Sie das denn auch machen, wenn Sie Trainer eines Meisterschaftsaspiranten wären?
Der FC Arsenal macht das so, Barcelona macht das so - da bin ich in guter Gesellschaft. Association Jeunesse Auxerre macht das sogar so konsequent, dass es im Vereinsnamen steht: Jugendverein Auxerre.

Der französische Erstligaverein, der mit Guy Roux über 30 Jahre den gleichen Trainer hatte.
Genau. Das nenne ich Kontinuität. Und das ist etwas, womit der SC Freiburg und Werder Bremen auch gut gefahren sind. Kontinuität ist natürlich langweilig, wenn woanders ständig was los ist, weil der Trainer rausfliegt. Da wird was geboten, da ist Spektakel! Ich aber glaube, dass wir in Nürnberg lange genug Spektakel hatten. Deshalb ist es für uns wichtig, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Sonst kommt der Nächste, und der macht es wieder ganz anders.

Christof Ruf

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