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HSV feuert Oenning: Die Reißleine - mal wieder

Stunde null in Hamburg - nichts Neues im Norden. Die Trainer-Entlassung von Michael Oenning beweist: Der HSV ist längst zum Oberkrisenklub der Liga mutiert. Der ehemalige Spitzenverein scheint untrainierbar.

Von Martin Sonnleitner

Spätestens um 14.45 Uhr am Nachmittag war den wartenden Reportern klar, was die Uhr geschlagen hatte. Für 15 Uhr war beim Hamburger SV Training angesetzt, um 14 Uhr wollte der Trainer Michael Oenning zur obligatorischen Presserunde erscheinen. Er kam nicht, und er wird nie mehr kommen.

Um 15.15 Uhr wurde es offiziell. Oenning ist Geschichte. Mediendirektor Jörn Wolf bemühte sich, branchenüblich, um eine diplomatische Formulierung: "Wir haben uns einvernehmlich mit sofortiger Wirkung von Michael Oenning getrennt." Der Impetus ging eindeutig vom Verein aus, das konnte auch Wolf nicht verschweigen. Oenning zeigte sich nach dem Gespräch mit dem Vorstand einsichtig: "Es ist auch für mich nachvollziehbar, dass der Verein in der jetzigen Situation einen anderen Weg geht." Einem Trainer mit saisonübergreifend nur einem Sieg in 14 Partien waren schlicht alle Argumente ausgegangen.

"Tiefer geht es nicht"

Stunde null in Hamburg-Stellingen, mal wieder. Die sechste unfreiwillige Trainerentlassung in knapp acht Jahren, Huub Stevens und Martin Jol, die aus undurchsichtigen Gründen zurückzogen, einmal ausgenommen. Der HSV ist längst zum Oberkrisenklub der Liga mutiert, scheint untrainierbar. Häme von allen Seiten, Punktelieferant selbst für schwächelnde Liga-Konkurrenten, Chaos pur. "Tiefer geht es nicht", formulierte auch Führungsspieler Mladen Petric nach der letzten Oenning-Pleite, dem 0:1 vom Wochenende gegen Gladbach, frank und frei.

Quo Vadis?, lautet die Frage nicht erst seit dem 19. September 2011. Immer wieder wird sie gestellt, verlässlich wie ein Perpetuum Mobile. Es wurde mal wieder die Reißleine gezogen. Was wie ein Reflex wirkt, unterliegt den Gepflogenheiten des Big Business Bundesliga, doch längst muss gefragt werden, ob die Beschäftigung beim HSV als Chefcoach nicht eher etwas für einen Troubleshooter wäre, als für einen gelernten Trainer.

Altlasten des Systems Hoffmann

Ein Umbruch sollte es werden, immerhin musste der Verein im Sommer den Spielerkader-Etat um zehn Millionen Euro kürzen. Oenning schien der richtige Mann für die billige Verjüngungskur, die von Sportchef Frank Arnesen eingeleitet wurde. Jung, unverbraucht, innovativ, von der "Generation Klopp/Tuchel" schwadronierte man im mächtigen Aufsichtsrat.

Doch wer sah, in welch desolatem Zustand der HSV sich in den vergangenen Wochen befand, die jüngsten Pleiten gegen Werder Bremen (0:2) und Gladbach kamen einem Offenbarungseid gleich, konnte nur hämisch werden oder Mitleid haben. "In den letzten zwei Tagen, nach der 0:1-Niederlage gegen Mönchengladbach und nach vielen intensiven Gesprächen, sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass wir diese Entscheidung treffen mussten", sagte Arnesen in einer ersten Reaktion. Man werde mit ihm zum schweren Auswärtsspiel nach Stuttgart fahren. So hatte es noch am Samstag geklungen. Wohlwollend konnte man das Arnesen als Lippenbekenntnis auslegen. Weniger wohlwohlend als Lüge.

Fatale Bilanz

Oennings Schicksal spiegelt sich in einer fatalen Bilanz wieder. Die einst so stolzen "Rothosen" kassierten in nur sechs Spielen bereits 17 Gegentore. Es steht eine Mannschaft ohne Gesicht auf dem Platz. Am Wochenende versuchte der Coach mit drei nominellen Staubsaugern (Jarolim, Tesche, Rincon) dem mausetoten Mittelfeld Kreativität einzuhauchen. Wie ein "Kronleuchter" sei er sich vorgekommen, spottete der einstige Goalgetter Petric. In der 56. Minute hatte Oenning die Youngsters Gökhan Töre und Heung Min Son eingewechselt und es als taktischen Winkelzug verkauft. Zeit zum Erklären hatte Oenning tatsächlich genug gehabt, überzeugt hat er niemanden, die Vereinsbosse am Ende auch nicht mehr. Selbst die mächtige Boulevardpresse hielt in der Hansestadt lange Zeit die Füße still, doch langsam fragt sich jeder HSV-Beobachter, vom einfachen Fan über Medienprofis bis hin zum stillen Zaunpfahlgucker, ob dieser Verein denn untrainierbar ist.

In der Tat haben die neuen Machthaber um Arnesen und Vorstandsboss Carl Edgar Jarchow einen schwierigen Job übernommen. Jede Menge Altlasten der acht Jahre währenden Ära des alten Vereinsvorsitzenden Bernd Hoffmann plagen den HSV wie eine Horde penetranter Aasgeier. Da steht ein Minus von knapp fünf Millionen Euro alleine für das abgelaufene Geschäftsjahr zu Buche. "Das habe ich mir anders vorgestellt", gab auch Arnesen, noch von Hoffmann selber inthronisiert, seltene Einblicke in sein Seelenleben. Auch er muss sich zunehmend rechtfertigen, für billige Transfers. Gleich fünf Spieler holte Arnesen von Chelseas B-Abteilung.

Die Uhr tickt

Vorerst übernimmt interimistisch Amateurcoach Rodolfo Cardoso das Training. "Ab heute kümmern wir uns um eine Nachfolgelösung", so Wolf.

Nun tickt die Uhr, stolze Insignie in der HSV-Arena, nicht nur jede Sekunde des einzigen permanenten Bundesligamitglieds seit Gründung 1963. Sie läuft auch runter für den Tabellenletzten, für den es in dieser Saison einzig ums sportliche Überleben geht.

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