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Oliver Kahn: Es gibt kein Entkommen

Oliver Kahn strebt nach dem perfekten Karriereende. Einen von drei Titeln hat er mit seinen Bayern schon gewonnen, im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Zenit St. Petersburg will Kahn seine Erfolgsstory weiterschreiben. Der Schriftsteller Helmut Krausser, Fan des FC Bayern, über einen Torwart, der längst ein Mythos ist.

Oliver, das klang undeutsch leicht und mondän - und sein Nachname erinnerte klanglich an den fiesen Tiger aus dem Dschungelbuch. Ein deutlicher Fortschritt gegenüber der Katze von Anzing, Sepp Maier, dessen abruptes sportliches Ende nach einem Autounfall mich als 14-Jährigen schockierte. Nun gilt es, einen ähnlich großen Torwart zu verabschieden, diesmal aber ist es ein langer Abschied nach einer vernünftig ausgereizten Karriere. Nach so vielen Jahren, in denen ich gedanklich neben Oliver Kahn im Tor des FC Bayern und der Nationalelf stand und manchen Ball gehalten hätte, den er nicht gehalten hat, einfach, weil ich im Konjunktiv neben ihm stand, als er im Indikativ neben sich stand, stelle ich fest, dass Oliver Kahn zu jener raren Sorte Mensch gehört, zu der ich noch immer keinen klaren Standpunkt habe.

Normalerweise legt man sich ja irgendwann fest und stellt sich da oder dort hin. Selten gibt es Typen, die einem die Wahl derart schwer machen, und beinahe immer spricht das für diese Typen. Es gibt andere, bei denen kann man sagen, ja, als Fußballer groß, als Mensch aber geldgeil oder verlogen. Oder zu kindisch, zu tragisch. All diese Adjektive treffen auf Kahn nicht zu, auch wenn er einige tragische Momente besaß. Bälle, die er laut eigener Aussage auch hätte halten müssen, wenn er ohne Arme und Beine aufs Feld gegangen wäre.

Erinnert sei an das WM-Finale gegen Brasilien 2002 oder das Ausscheiden in der Champions League 2004 aufgrund eines durchgerutschten Schüsschens von Roberto Carlos. Und natürlich jener tragischste aller tragischen Momente, als der FC Bayern in der Nachspielzeit zwei Tore von Manchester United kassierte. Das allerdings war derart tragisch, dass es mit genügend Bewältigungszeit schon wieder gut kommt. Die Bayern haben damals, 1999, zwar nicht gewonnen, sich aber in die kollektive Fußballerinnerung als tragische Helden, nicht etwa als Versager eingebrannt. Das ist, auf einer höheren Bühne als der des grünen Rasens, von beinahe unschätzbarem Wert, liefert dem Archiv der sagenhaften Bilder definitiv mehr Nährwert als ein gegen den FC Valencia gewonnenes Elfmeterschießen, in dem Kahn die Zunge an der Waage war.

Vul-Kahn

Was den FC Bayern der jüngeren Zeit aus mythologischer wie psychologischer Sicht so interessant macht, ist das Nebeneinander zweier Karrieren wie derer von Mehmet Scholl und Oliver Kahn. Scholl, verletzungsanfällig, kreativ, genial, albern, sexy, der gegen ManU mehrmals das entscheidende Tor nicht schießt, weil er, wie er selbst locker zugibt, nie der Mann für entscheidende Tore in einem wichtigen Spiel war. Könnte man sich von Kahn ein ähnliches Statement vorstellen? Nie und nimmer. Er ist der Anti-Scholl. Ein Statement wie: "Im Grunde gewinnt die Menschheit nichts hinzu, ob ich diesen schwierigen Flatterball nun halte oder nicht" - das kann man von Kahn nicht erwarten. Er tat immer so, als ob das Spiel in Wahrheit blutiger Ernst sei. Und ich glaube sogar, er tat nicht nur so. Natürlich ist man ihm für alle Ausraster, selbst jene am Rand des Amoklaufs, letztlich dankbar. Angesichts entsetzlich vieler früh saturierter Fußballer ist ein wenig Wahnsinn stets willkommen.

Andererseits trug der Wahnsinn Kahns manchmal den Strampelanzug eines im Grunde etwas biederen Ehrgeizes. Der Beste sein zu wollen, was immer da kommt, auf Teufel komm raus, und sich dafür im Stahlbad zu Höchstleistungen quälen. Ach ja. Wer's braucht. Mir kommt das ein wenig so vor, als wollte man sich auf dem Mount Everest einen Ruhesitz errichten.

Kahn fand lange Zeit Gefallen daran, als un- oder gar übermenschlich zu gelten. Er wurde vom Musterathleten zum Vul-Kahn, zum Titan. Liest man in den griechischen Sagen nach, findet man heraus, dass die Titanen gegen die Götter aufbegehrten und, von jenen besiegt, in den Abgrund zurückgeschleudert wurden. Das letztliche Scheitern gehört zum Schicksal jedes Titanen, und die Zeitgenossenschaft der unbedeutenden Mitmenschen delektiert sich daran, bezieht aus der Demontage des Helden Trost für das eigene unbesungene Verschwinden. Und es gibt kein Entkommen. Jeder scheitert nun mal im Kampf mit der Zeit, es sei denn, er zieht sich zur rechten Zeit zurück und gibt so stilvollendet auf, dass gar nicht erst der Verdacht einer Kapitulation entsteht.

Dreimaliger Welttorhüter

Jemand wie Oliver Kahn, der sich selten in falscher Bescheidenheit geübt hat, was ich grandios finde, weil es doch nur ehrlich ist, wird zwangsweise an seinen eigenen Vorgaben gemessen. Ihm droht daher als von ihrem Ende her banalisierte Legende einzugehen in die Geschichte des Fußballs. Als Torhüter Nummer zwei, der von Klinsmanns Gnaden im Spiel um Platz drei bei der WM 2006 im Tor stehen durfte, weil er zuvor den Mund gehalten hatte. Eine devote, von Vernunft geprägte Rolle, die der Figur Kahn, sagen wir's, wie es ist, nicht würdig war, die von der allgemeinen Kleinmut aber, politisch korrekt, als großmütig begrüßt wurde. Aber wollen die Menschen Titanen sehen, die sich wie ihresgleichen gerieren? Kein Zweifel besteht, dass wir hier über einen der größten Torhüter aller Zeiten reden. Der eine Marke ist, wie man sie in diesem Sport selten findet, widersprüchlich, faszinierend und intelligent, auch wenn er nach dem Spiel manchmal Unfug in die Mikrofone redete, wie er selbst zugab. Er besaß immerhin den Mut dazu. Sowohl Unfug zu reden wie dergleichen danach zuzugeben. Ich bemerke, dass mir Kahn gerade in seinen eher peinlichen Momenten sympathisch war, wenn sein Anspruch mit der erzielten Wirklichkeit disharmonierte. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als dreimaliger Welttorhüter, wirkte jeder Fehlgriff noch wie ein Schönheitsfleck. Spektakuläre Aussetzer hat Kahn sich nun jedoch schon lange nicht mehr geleistet, er lieferte in den letzten beiden Jahren einfach nur gute Arbeit ab.

Und genau das ist der Punkt. Von Titanen erwartet man entweder geniale Arbeit oder den kompletten Absturz oder, wie bei Sepp Maier, einen Eingriff des Schicksals. Oliver Kahn, indem er Dienst nach Vorschrift leistete, Skandale vermied, schlichtweg ein immer noch sehr guter Torhüter war, betrieb Raubbau an der eigenen Aura. Doch dann: Neulich im Spiel gegen Leverkusen, wie er da nach rechts hechtet, um, in der Luft liegend, den abgefälschten Ball mit der hochgerissenen linken Schuhspitze noch übers Tor zu lenken - das sind Momente, wo man, sieht man das beim Autofahren, mit offenem Mund gegen die Betonwand rast. Oder tatsächlich wünscht, er würde noch eine Saison dranhängen, Aura hin oder her.

Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn dem Menschen Kahn die Altlast des sportlichen Ehrgeizes von den Schultern gefallen sein wird. Wenn er sich als physische Maschine ein für alle Mal abhakt. Es kann gut sein, dass er dann auf ganz andere Art interessant werden wird. Nein, ein Jahr abzutauchen, auf Tour mit einer befreundeten Band zu gehen, wie der weise Mehmet Scholl, das würden wir Oliver Kahn wohl wünschen. Uns aber nicht.

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