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P. Köster: Kabinenpredigt Fan-Rückkehr in die Stadien: Dagegen waren Geisterspiele unkompliziert

Philipp Köster und leicht bevölkerten Ränge in Heidenheim
Spielerfrauen bevölkerten für kurze Zeit eine Tribüne beim Bundesliga-Relegationsspiel in Heidenheim. Selbst das wäre nach dem DFL-Leitfaden in dieser Form nicht erlaubt.
© stern / Tom Weller / DPA
Der neue Alltag in den Stadien ist eine Zumutung für die Anhänger. Und trotzdem ist das im Leitfaden der DFL skizzierte Szenario der einzige Weg, wieder vor Fans Fußball zu spielen, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Niedrig, mittel oder hoch? Der bange Blick auf die Zahl der Corona-Infektionen wird ab September zum Alltag der Bundesliga-Klubs gehören. Jedenfalls, wenn sie sich an den Leitfaden der Deutschen Fußball-Liga (DFL) halten, der den Weg ebnen soll, zunächst zu einer begrenzten Zahl von Zuschauern im Stadion und am Ende auch wieder zu vollen Rängen, Fahnen und Gesängen. Bis zu 50 Prozent Auslastung auf Sitzplätzen und 12,5 Prozent auf Stehplätzen, das ist für die DFL vorstellbar, wenn sich das Infektionsgeschehen in den Städten und umgebenden Landkreisen stabil bis positiv erweist.

Natürlich, das 41-seitige Papier ist nur ein Leitfaden, kein Dekret. Und doch zeigt er in seiner bisweilen penibel wirkenden Detailversessenheit, dass aktionistische Ankündigungen wie die des 1.FC Union Berlin, allein mit massenhaften Testungen für ein angeblich virenfreies Stadion sorgen zu können, vorerst keine realistische Chance auf Umsetzung haben. Denn um überhaupt ein möglichst sicheres Stadionerlebnis für möglichst viele Zuschauer zu schaffen, müssen Klubs und Fans zahlreiche Zumutungen ertragen, die mit einem unbeschwerten und heiteren Spieltag nur wenig zu tun haben. 

Bundesliga: Wer darf rein, wer muss draußen bleiben?

Das beginnt schon mit den Verteilungskämpfen um die Tickets. Wer darf hinein, wer nicht? Der komplette Ausschluss der Zuschauer im Frühjahr hatte den Vorteil, dass sich niemand benachteiligt fühlen musste. Nun ringen die Klubs um eine gerechte Prozedur. Viel Kritik handelten sich dabei Klubs wie der 1.FC Köln oder Darmstadt 98 ein, die jene Dauerkarteninhaber bevorzugen wollten, die auf die Erstattung entgangener Spiele verzichtet hatten oder haben. So nachvollziehbar der Gedanke war, diese freigiebigen Fans zu belohnen, so fatal war der Eindruck, finanziell weniger gut gestellte Fans würden so benachteiligt. Am Ende werden die Tickets wohl unter den Dauerkarteninhabern verlost, um ein einigermaßen gerechtes Verfahren wird noch gerungen.

Ist schon das ein nicht zu unterschätzender administrativer Akt, so wird es am Spieltag noch deutlich komplexer. Schon die An- und Abreise der Fans muss gesteuert werden. Sie sollen im Auto oder mit dem Fahrrad kommen, Busse und Bahnen sollen nicht zusätzlich befüllt werden. Je nach Platzkarte werden die Fans in bestimmten Zeitkorridoren eingelassen und werden dann mit Mundschutz auf Plätzen sitzen, die genügend Sicherheitsabstand garantieren.

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DFL-Leitfaden: Für Fan-Szene bleibt es unattraktiv

Sie sollen nicht unnötig im Umlauf der Stadien herumgeistern, und sollen deshalb, wie es beinahe rührend im Leitfaden heißt, durch ein "attraktives Rahmenprogramm" auf ihren Plätzen gehalten werden. Toilettengänge oder der Erwerb von Bratwürstchen sollen per Einbahnstraßensystem absolviert werden, wie man es aus Freibädern oder anderen öffentlichen Einrichtungen kennt. Zusammengefasst: Jedem, der vor der Coronakrise solch ein Szenario skizziert hätte, wäre mit gutem Recht ein Vogel gezeigt worden. Nun scheint es jedoch der einzige, epidemiologisch realistische Weg zu sein, sich von den Geisterspielen zu verabschieden.

Schon jetzt ist klar, dass trotz dieser Zumutungen viele Sitzplatz-Zuschauer dabei sein werden wollen, die aktiven Fanszenen hingegen überwiegend nicht. Die haben bisher nur vereinzelt, dann aber reserviert auf die Wiedereröffnung der Stadien reagiert. Sig Zelt von der Initiative "Pro Fans" konstatierte, man sei "sehr, sehr skeptisch". Mit gutem Grund: Das Konzept, so es umgesetzt wird, ist auf das Konsumieren der Spiele angelegt, nicht darauf, die Fans als Teil des Spiels, als viel beschworenen zwölften Mann zurück ins Stadion zu holen. Für viele Fans ist genau das, die aktive Unterstützung der Mannschaft, aber das entscheidende Kriterium für eine Rückkehr. Zusätzlich misstrauisch haben die Fanszenen darauf registriert, dass die Personalien aller Zuschauer erfasst werden sollen. Was als Vorsichtsmaßnahme zur Nachverfolgung von Infektionsketten Sinn macht, könnte später auch bei Ermittlungen der Polizei nutzbar gemacht werden - die Klubs müssten hier rasch dem Datenschutz genüge tun.

Dagegen waren Geisterspiele herrlich unkompliziert

So oder so stehen die Klubs vor schwierigen Wochen. Sie müssen Konzepte entwickeln, die sowohl innerhalb der Liga, als auch mit den örtlichen Gesundheitsämtern abgestimmt werden müssen. Sie müssen für eine gerechte Verteilung der Tickets sorgen. Die Spiele der Bundesliga dürfen nicht zu signifikant mehr Infektionen führen. Und schließlich dürfen sich auch all jene nicht vernachlässigt fühlen, die nicht ins Stadion können oder unter diesen Umständen nicht wollen.

So viele Aufgaben, so viele Fallstricke.  Manch ein Funktionär wird sich insgeheim in die Zeit der Geisterspiele zurückwünschen - als alles noch so herrlich unkompliziert war.

dho

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