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REAL MADRID: Könige des Fußballs

Die besten Spieler, die teuerste Mannschaft und eine mit Triumphen und Tradition prallvolle Clubhistorie. Real Madrid feiert seinen 100. Geburtstag - und zwar ein ganzes Jahr lang. Das neue Management vermarktet geschickt den Mythos und hat aus dem hoch verschuldeten Verein ein kerngesundes Unternehmen gemacht.

Wenn man die Augen schließt und versucht, aus der Bilderflut eines ganzen Fußballlebens die Augenblicke festzuhalten, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben, dann stellt man fest: Vieles, was beim Sehen so überwältigend erschien, ist längst verblasst.

Was übrig bleibt, sind die Momente, die sich nicht erklären, deuten, durchdringen lassen. Das sind sie dann, die Momente, die den Zauber des Fußballs ausmachen. Momente, die größer sind als der Sport, ja sogar so groß wie das Leben selbst.

Der Star von Real

Real Madrid hat uns viele davon beschert. Und keiner verkörpert Real Madrid mehr als Alfredo Di Stéfano. Er hat die schönsten Augenblicke von Real geprägt.

Den schönsten überhaupt 1960. Als er mit seinem Club im Finale des Europacups Eintracht Frankfurt 7:3 besiegte, führten die Madrilenen die großartigsten 90 Minuten Fußball vor, die je gespielt wurden.

Der Jahrhundertsturm

Es war ein couragiertes und inspiriertes Angriffsspiel, majestätisch, ergreifend. Canario - Del Sol - Di Stéfano - Puskas - Gento. Nie wieder wird es einen solchen Sturm geben.

Zehn begnadete Füße, 100 magische Zehen. Man muss sich das einmal so vorstellen: Bach, Mozart, Beethoven, Haydn und Händel hätten zusammen für den Fürstbischof von Salzburg komponiert. Zur selben Zeit, dasselbe Concerto, am selben Klavier. Und mit Brahms auf der Reservebank.

Kartenspielen in den Katakomben

Don Alfredo ist mittlerweile 75, und an diesem kühlen Morgen in Madrid will er nichts mehr wissen von alten Erinnerungen. Er ist mies gelaunt. Was bei ihm so normal ist wie in Spanien der Wein zum Mittagessen.

Er sitzt mit den ehemaligen Spielern Amancio und Zoco in der Asociación de Veteranos, unten in den Katakomben des Estadio Santiago Bernabéu, und spielt »Mus«, ein Kartenspiel.

An der Wand steht ein Regal voller Pokale. Auf der anderen Seite ist eine Theke, davor ein Tisch, ein paar Stühle. Eben ein Club für Rentner.

Di Stéfano hat auf der Nase eine Brille mit Glasbausteinen, den grauen Schal um den Hals gewickelt, und gibt sich wie früher als Spieler: mürrisch, selbstherrlich, herrisch, wortkarg.

König des Bernabéu-Stadions

Di Stéfano ist verbittert. Verbittert, seit er mit 37 Jahren aufhören musste mit dem Fußball. Diese glorreichen Momente! Mein Gott, wie er sie vermisst.

Er, der Ehrgeizige, der Egomane, der Beste. Di Stéfano war ideenreicher Stratege, Torjäger und Schwerstarbeiter in einem. Ein Universalgenie des Fußballs.

Er trug die Rückennummer 9, war aber überall zu finden auf dem Platz. Der Diktator des Spielfeldes. Der König des Bernabéu-Stadions.

Fußballszene aus dem Grollwinkel

Heute hat er kein Reich mehr. Der Club hofiert ihn zwar noch, ernannte ihn zum Ehrenpräsidenten, aber wirklichen Einfluss hat er nicht. Di Stéfano sieht die Fußballszene von heute aus dem Grollwinkel.

»Früher gab es bessere Fußballer und den besseren Fußball.« Das ist seine These, und fast jedem Satz schickt er ein paar Tiraden gegen Spieler, Presse und Funktionäre hinterher.

Dann will er nicht mehr. Er schlurft davon. Noch eine Frage, bitte. Okay, motzt er und bleibt stehen, aber rápido, rápido.

Der Mythos Real

Was macht den Mythos von Real Madrid aus? »Real ist das bestgehütete Geheimnis der Welt«, sagt Di Stéfano. Und auf einmal nimmt er sich Zeit.

»Manchmal habe ich den Eindruck, dass selbst große europäische Mannschaften, wenn sie heute gegen Real spielen, immer noch gegen Puskas, Gento und mich antreten. Ja, sie haben Riesenrespekt, weil sie immer gegen die Geschichte von Real spielen.«

Der Rest war nichts

Und die Geschichte von Real ist die Geschichte von Don Alfredo. Mit ihm dominierte Real den Clubfußball wie kaum ein Verein zuvor und auch nicht mehr danach.

So war es kein Europapokal, der 1955 gegründet wurde - es war Real gegen den Rest. Und der Rest war im Vergleich zu Real nichts. Von 1956 bis 1960 triumphierten die Männer im legendären weißen Dress fünfmal in Serie.

Die Königlichen

Real ist der Adel des Fußballs. Das Vereinswappen der »Königlichen«- wie sie sich selber nennen - ziert eine Krone. Das Symbol für Größe, Macht und Mythen.

Spaniens Herrscher Alfonso XIII. verlieh schon 1920 dem 1902 gegründeten »Madrid Foot-Ball-Club« nach zahlreichen Erfolgen im »Copa del Rey« das Recht, sich »Real«, königlich, zu nennen.

Und wenn ein Real-Fan heute den Unterschied zwischen seinem Club und anderen Vereinen erklären soll, deutet er auf die »Sala de trofeos« im Bernabéu-Stadion.

Pokale für jeden Geschmack

Dort im Museum glitzern, funkeln und glänzen die Siege und Triumphe von fast 100 Jahren grandioser Real-Geschichte. 4600 Pokale und Trophäen sind hier ausgestellt, insgesamt hat der Club über 10 000 gewonnen.

Manche sind übermannshoch und sehen aus wie das Empire State Building; viele sind unfassbar hässlich.

Ein Jahr lang Geburtstag

Aber Real ist einzigartig. Und aus diesem Selbstverständnis heraus zelebriert der Club seinen Geburtstag ein ganzes Jahr lang. Die Feierlichkeiten haben schon begonnen, mit einem Empfang bei König Juan Carlos.

Ein Zug, ein »Real-Museum auf Schienen«, bereist 46 spanische Städte. Höhepunkt des Jubiläums wird im kommenden Jahr das Match gegen eine Weltauswahl sein.

Gewohnt selbstherrlich forderte Real vom Weltverband Fifa, dass an jenem Tage das Fußballgeschehen der ganzen Welt ruhen solle. Die Fifa verneigte sich vor der Legende und stimmte diesem Ansinnen zu.

Das schönste weiße Trikot

In der Ahnengalerie hängt nicht weit von Di Stéfanos Bild eine Fotografie von Günter Netzer. Er war der erste deutsche Spieler bei Real, trug von 1973 bis 1976 »dieses weiße Trikot, das so schön war wie kein anderes«, wie er bis heute schwärmt. »Jeder Fußballer hat sich gewünscht, für Real zu spielen.«

Netzer in Madrid

Selbst so einer wie Netzer. Der Mittelfeldstratege galt damals in Deutschland als Revoluzzer vom Rasenplatz, der sich wenig um Konventionen scherte. Er trug lange Haare und schwarze Klamotten, fuhr Ferrari.

Aber auch er ließ sich von der glorreichen Vergangenheit des Clubs beeinflussen. Kaum war er in Madrid, lief er mit Anzug und Krawatte herum. Und dafür, dass er dort überhaupt spielen durfte, verzichtete er sogar auf Geld.

»Ich saß mit dem damaligen Präsidenten Santiago Bernabéu zusammen und sollte den Vertrag unterzeichnen. Aber es gab ein Missverständnis«, erinnert sich Netzer. »Bernabéu glaubte, ich wolle für drei Jahre 350 000 Mark haben. Ich sagte ihm: Nein, diese Summe möchte ich für eine Saison. Bernabéu wurde wütend und wollte mich fast rausschmeißen. Dann hat er zu mir einen Satz gesagt, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde: Was ist es Ihnen wert, bei Real Madrid zu spielen? Ich war dermaßen erschrocken, dass ich gleich 50 000 Mark weniger pro Jahr verlangte.«

Vom Mythos zur Marke

Bernabéu lebt nicht mehr. Für den Glanz der Neuzeit sorgen Macher in Nadelstreifenanzügen. Der mit Triumphen und Tradition prallvollen Clubhistorie haben sie kühl kalkulierten Kommerz gegenübergestellt.

Aus dem legendären Verein ist ein Unternehmen der Unterhaltungsindustrie geworden. Vom Verein zur Ware, vom Mythos zur Marke. Real soll auch wirtschaftlich der beste Club der Welt sein.

Wie Walt Disney

Die Clubführung unternimmt nicht mal den Versuch, diese Strategie zu kaschieren: »Real ist wie Walt Disney, nur dass wir aus der Marke noch nicht so viel herausholen«, sagt Jorge Valdano und lehnt sich in seinem Polstersessel zurück.

Der Argentinier ist der Sportdirektor des Clubs. Valdano sieht aus wie ein Grande. Die gegelten schwarzen Kräuselhaare nach hinten gestriegelt, der elegante dunkle Anzug wirft nicht eine Falte.

Er gibt sich gerne als Philosoph des Fußballs, aber mit den Methoden des Geschäftsmannes. Valdano sagt zum Beispiel so schöne Sätze wie »Fußball ohne Abenteurer ist wie ein Land ohne Poeten«.

Fußball des Gefühls

Dieser Mann verknüpft geschickt die Interessen eines Fußballunternehmens mit der Leidenschaft der Fans. Valdano lässt im kapitalistischen System einen Fußball des Gefühls, der Freiheit, der Schönheit, der Visionen spielen.

Den Fußball, den Di Stéfano vorführte. Und den heute einer wie der französische Weltmeister Zinedine Zidane verkörpert.

Schulden getilgt

Geld für solche Ausnahmefußballer ist wieder genug da. Real verkaufte sein Trainingsgelände an der Geschäftsader Castellana für 885 Millionen Mark. Damit zahlte der Club seine Schulden in Höhe von 542 Millionen Mark zurück und baut für 180 Millionen Mark gleich noch ein neues Trainingszentrum.

Den Rest wird er für die Verpflichtung weiterer Stars ausgeben. Schon jetzt hat Real die teuerste Mannschaft der Welt. Figo kostete 118 Millionen Mark Ablöse, Zidane 147 Millionen Mark. Der Wert des kompletten Kaders schätzen Kenner auf knapp eine Milliarde Mark.

Leidenschaft in den Shops

Kritikern dieser Einkaufspolitik hält Valdano entgegen, dass sich diese Megatransfers rentieren. »Geld verdient man nur mit den besten Spielern der Welt und nicht mit den restlichen.«

Valdano glaubt, dass Real mit der Verpflichtung von Zidane die Marketingeinnahmen um 30 Prozent erhöht. Weil die weltweit 80 Millionen Fans ihre Leidenschaft auch an der Ladenkasse der Real-Shops ausleben.

Benimmfibeln für die Spieler

Alles, was Geld bringt, hat der Club gerne unter Kontrolle. Die Fans - und die Spieler sowieso.

Real verteilt an seine Profis »Blaue Bücher«, Benimmfibeln, in denen zum Beispiel steht: »Bist du dir im Klaren darüber, dass Millionen von Menschen alles dafür geben würden, nur eine Minute für Real Madrid spielen zu dürfen?«

Die Spieler sollen sich nicht beim Schiedsrichter beschweren. Nie schlecht über die Gegner oder die Unparteiischen sprechen. Den Fan respektieren und besonders freundlich mit Kindern umgehen.

Trainer Obelix

Auf dem Platz wacht über das fast durchweg zirzensisch begabte Team Trainer Vicente del Bosque. Er trägt einen Schnauzbart und ist groß und kugelrund. Die Spieler nennen ihn heimlich Obelix - und trotzdem respektieren sie ihn.

Del Bosque war in den 70er Jahren Profi bei Real und weiß, wie man hier Fehler vermeidet. Zum Beispiel den des Preußen Jupp Heynckes, der 1998 kurz nach dem Gewinn der Champions League entlassen wurde.

Sein Spiel war für die Madrilenen trotz aller Erfolge zu diszipliniert, zu langweilig. Nicht königlich genug.

Die ruhmreiche Tradition verlangt von Real Siege. Prickelnde Siege, spektakuläre Siege. In den Ritzen der Mauern des Estadio Santiago Bernabéu hängt schwer die wehmütige Erinnerung an die guten, alten Zeiten. An damals, an Di Stéfano.

Das Starensemble

Del Bosque zwängt deshalb seine Primadonnen in kein taktisches Korsett. Er sorgt lediglich für ein gewisses Maß an Ordnung, damit das Starensemble nicht vollkommen aus der Bahn stürmt. Nach anfänglichen Problemen beflügelt diese Künstlertruppe immer stärker die Fantasie der Fans.

Zinedine Zidane streichelt den Ball, als wären seine Füße Hände. Luis Figo, der Schönling aus Portugal, führt Dribblings vor, als sei er im Nebenjob Choreograf. Raúl, der Stolz der Spanier: ein graziler Stürmer, der schneller schießt, als ein Verteidiger denken kann. Oder das brasilianische Kraftpaket Roberto Carlos. Seine Freistöße sind ballistische Wunder.

Es gibt Tage, an denen spielen sie alle so faszinierend, dass es selbst den abgebrühtesten Beobachtern den Atem verschlägt.

Fußball für die Oberschicht

Doch nur so lässt sich hier das Publikum erobern. Im Bernabéu-Stadion - die zehn Stockwerke hohe Riesenschüssel im Norden Madrids bietet Platz für 120 000 Zuschauer - herrscht stets eine Atmosphäre vornehmer Zurückhaltung.

Hier werden keine Blankoschecks der Zuneigung verteilt. Real ist der Club der Oberschicht. Fußball für sie ein gesellschaftliches Ereignis. Im Bernabéu kommt man sich vor, als säße man im Theater oder in der Oper. Nach dem Schlusspfiff wird die Vereinshymne eingespielt, bezeichnenderweise eine Arie - und schon leert sich das Stadion.

Keine Chance für Defensivmalocher

Und wehe, die Spieler bringen nicht die Leistung. »Adelante!«, brüllt das Publikum dann. Vorwärts. Siege, Tore, Zauber. Grätscher und Defensivmalocher im Real-Dress hatten nie eine Chance.

»Die Zuschauer«, sagt Valdano, »bestimmten schon immer den Stil von Real. Sie lassen gar nichts anderes zu als Angriffsfußball.«

Die Königlichen bleiben bestehen

Momente voller Magie, eine Traumelf, Ruhm und Ehre - Real besitzt alles. Nur eines nicht: die echte Leidenschaft und Zuneigung des obersten Spaniers.

König Juan Carlos soll ein heimlicher Anhänger des Lokalrivalen Atlético sein, Kronprinz Felípe sympathisiert sogar offen mit dem Arbeiterverein aus dem Süden der Metropole.

Real und seine Fans sehen darüber großzügig hinweg. Ihr Selbstverständnis lautet ohnehin: Könige besteigen den Thron, Könige danken ab. Die Königlichen bleiben bestehen.

Von Giuseppe Di Grazia

Fotos von Walter Schmitz

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