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Ronaldinho-Transfer: Ganz Mailand spielt verrückt

Ronaldinho ist da - und ganz Mailand spielt verrückt: Sein Name prangt in goldenen Lettern auf der Internetseite des Vereins, die Zeitungen schreiben vom "Wunder in Mailand" und dem "Transfer des Jahrhunderts". Doch ist der Weltfußballer von einst die 22,5 Millionen Ablöse in seiner derzeitigen Verfassung überhaupt wert?

Von Julius Müller-Meiningen, Rom

Als sich am späten Dienstagabend die Verhandlungspartner in Barcelona auf den Transfer einigten, schien den Beteiligten nicht ganz klar, was für eine Art von Geschäft sie denn nun abgeschlossen hatten. Wer ist eigentlich dieser Ronaldinho, den die Vereinsbosse des AC Mailand schon seit Jahren verpflichten wollten? Zwischen Büßer und Messias tendierten die Interpretationen des Verkaufs des brasilianischen Weltfußballers von 2004 und 2005, der für eine Ablöse von 22,5 Millionen Euro den FC Barcelona verlassen, einen Dreijahresvertrag beim AC Mailand unterschrieben hat und heute nachmittag bei seinem neuen Verein vorgestellt werden sollte.

Ronaldo de Assís Moreira selbst, der in Europa den Namen Ronaldinho angenommen hat, wählte die Büßer-Variante und wandte sich an die Milan-Fans mit dem Bekenntnis: "Tut mir leid, dass ich so lange auf mich warten habe lassen. Ich wollte immer schon zu Milan. Ich verspreche euch, ich streng' mich wirklich an."

Trennung von Barca war eine Frage der Zeit

Dass sich Ronaldinho in Ausübung seines Berufs zuletzt wirklich angestrengt hat, zogen zuletzt zumindest die Fans des FC Barcelona in Zweifel. Der Weltmeister von 2002 wurde von Trainer Frank Rijkaard in der vergangenen Saison kaum eingesetzt, galt als undiszipliniert und vergnügte sich vor allem außerhalb des Fußballplatzes.

Die Trennung vom FC Barcelona schien nur eine Frage der Zeit. Doch selbst der AC Mailand und vor allem dessen Besitzer Silvio Berlusconi hatten zwischenzeitlich wegen hoher Ablöseforderungen das Interesse verloren. "Den brauchen wir wirklich nicht mehr", sagte Berlusconi im Mai nach dem gewonnenen Derby gegen Inter Mailand. Als dann in den vergangenen Tagen Manchester City noch eine Offerte in Höhe von 30 Millionen Euro abgegeben hatte, schien der Transfer unmöglich geworden.

Ronaldinho in goldenen Lettern

Laut der Zeitung "Gazzetta dello Sport" war es ein Anruf des Milan-Vizepräsidenten Adriano Galliani bei Berlusconi, der diesen noch einmal ein paar Millionen für den 28-Jährigen Mittelfeldspieler drauflegen ließ. Heute morgen wurde der Wechsel in Mailand dann als Triumph gefeiert. Die Webseite des Clubs erschien ganz in schwarz, in großen goldenen Lettern war nur ein Name auf dem Bildschirm zu lesen: Ronaldinho.

In Barcelona sind sie froh, den gesunkenen Stern nun zu einem ordentlichen Preis verkauft zu haben. In Mailand feiern die Tifosi einen lang ersehnten, spektakulären Transfer. Wochenlang hatten die unzufriedenen Milanisti Unterschriften gegen Silvio Berlusconi gesammelt und waren bei über 10.000 angekommen. Der italienische Ministerpräsident kümmere sich nicht mehr um den Verein, seit er in die Politik gegangen sei, so lautete der Vorwurf.

Brasilianisches Dreigestirn

Die Fans sorgten sich, dass die in die Jahre gekommene Mannschaft ohne Verstärkungen nicht mehr ihren hohen Ansprüchen genügen könne. Der AC Mailand, der sich für die kommende Saison nur für den Uefa-Cup qualifiziert hat, verpflichtete bisher nur den Franzosen Mathieu Flamini (24) von Arsenal London und den 31-jährigen Gianluca Zambrotta vom FC Barcelona. Nun hoffen die Tifosi auf ein zauberhaftes Zusammenspiel des brasilianischen Dreigestirns aus Ronaldinho, Kakà und dem 18-jährigen Talent Pato.

Mit der Verpflichtung Ronaldinhos, der nun auch wieder mehr Aufmerksamkeit der Sponsoren auf den AC Mailand zieht, hat sich Berlusconi vorübergehend aus der Defensive gekauft. Um 15 Prozent war bislang der Dauerkartenverkauf im Vergleich zur Vorsaison zurückgegangen. Nach Ankündigung des Transfers sicherten sich 3000 Tifosi innerhalb einer Stunde Tickets für die neue Saison.

Rumoren im Team

Dennoch ließen auch die Kritiker des Transfers nicht lange auf sich warten. Der "Corriere dello Sport" will sich erst noch überzeugen lassen, "ob in diesem schweren und mit Diamanten bedeckten Körper auch der echte Ronaldinho drin ist" und rechnete Gehalt inklusive Werbeeinnahmen minutiös aus: "23 Millionen im Jahr, 63 000 Euro am Tag, 43 Euro in der Minute". Offiziell ist von 6,5 Millionen Euro netto Jahresgehalt die Rede. Der Mann sei zumindest finanziell der Stern des blassen Projekts Milan.

Auch in der Mannschaft rumort es schon. Clarence Seedorf, mit 32 Jahren einer der zahlreichen älteren Spieler bei Milan, hatte sich schon länger gegen den Einkauf Ronaldinhos ausgesprochen. Die Sportpresse vermutete, das habe nicht zuletzt damit zu tun, dass er nun wohl seinen Platz im Mittelfeld an den Konkurrenten abtreten muss. Ein "Sahnehäubchen" sei Ronaldinho, sagte Seedorf. Mit so etwas könne man jedoch keine neue Mannschaft aufbauen.

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