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Schwere Vorwürfe gegen Spezialeinheit: Augsburg-Präsident geht auf Polizei los

In einem offenen Brief erhebt Walther Seinsch, Präsident des FC Augsburg, schwere Vorwürfe gegen eine Spezialeinheit der Polizei. Die Fan-Debatte dürfte nun wieder an Brisanz gewinnen.

Von Maximilian Koch

Entsendet die Polizei ihre Spezialeinheiten zu Fußballspielen, um dort zu Testzwecken Auseinandersetzungen zu provozieren? Diese schweren Vorwürfe erhebt Walther Seinsch, Präsident des Fußball-Bundesligaclubs FC Augsburg, gegen das USK (Unterstützungskommando) aus Nürnberg, eine Spezialeinheit der bayerischen Bereitschaftspolizei. Auf Nachfrage von stern.de wollte Seinsch nicht erklären, wie er auf diese schwerwiegenden Anschuldigungen kommt. Er werde vorerst keine Interviews geben, teilte ein Sprecher des Vereins mit.

In einem offenen Brief an den bayrischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte Seinsch am Montag sein Entsetzen über die Vorfälle geäußert, die sich rund um das Bundesliga-Spiel Greuther Fürth gegen den FC Augsburg am 15. Dezember des vergangenen Jahres abgespielt haben sollen. An diesem Tag sei es von Seiten des USK zu gewalttätigen Übergriffen und Beleidigungen gegenüber Augsburger Fans gekommen. "Ich selbst habe mit mehreren Betroffenen gesprochen", schreibt Seinsch, "die noch Wochen nach den Ereignissen völlig entsetzt waren, dass staatliche Organe sich so verhalten können."

Bayrisches Innenministerium fordert Stellungnahme an

Im bayrischen Innenministerium zeigte man sich überrascht über Zeitpunkt und Art und Weise der Vorwürfe: "Wir verstehen nicht, dass sich Herr Seinsch erst sechs Wochen nach den Geschehnissen beschwert", sagte ein Sprecher des Ministeriums stern.de. "Außerdem ist es ungewöhnlich, solche Dinge öffentlich zu thematisieren." Gleichwohl nehme man die Vorwürfe "sehr ernst". Der Innenminister habe eine Stellungnahme vom verantwortlichen Einsatzleiter in Fürth angefordert, "um sich einen Überblick zu verschaffen, was da genau passiert ist". Erst dann könne man sich genauer zu den Anschuldigungen äußern.

Wenn man die Vorwürfe des Augsburger Präsidenten genauer betrachtet, kann man sich vorstellen, dass die Aufregung im Ministerium aktuell groß ist. Denn es sind skandalöse Handlungen, von denen Seinsch spricht. Da er selbst bei besagtem Spiel nicht vor Ort war, zieht Seinsch den Bericht des Augsburger Fan-Beauftragten als Grundlage seiner Beschuldigungen heran. In diesem Bericht werden zwei Szenen geschildert, in denen Augsburger Fans angeblich mit "harschen Worten und zum Teil mit Schlägen gegen den Körper" genötigt wurden. Direkt nach dem Abpfiff hätten Fürther Fans rund 300 Augsburger attackiert, die gerade auf dem Weg zu ihren Bussen waren. Das USK, das die FCA-Fans eigentlich hätte schützen müssen, sei erst nach dem Angriff der Fürther aktiv geworden, "und zwar in dem Sinne, dass jetzt die Augsburger Fans mit Schlagstockeinsatz zusammengetrieben wurden. Unbeteiligte wurden getroffen, Personen wurden beleidigt."

Zeugen bestätigen Übergriffe der Spezialeinheit

Kurze Zeit später, so schreibt Seinsch, sei ein weiterer Einsatz des USK "eskaliert". Augsburger Zuschauer hätten friedlich vor ihren Bussen gewartet, weil ein Fan nach einem Sturz noch zur Untersuchung im Krankenhaus gewesen sei. Das USK habe die Augsburger dann "eingekesselt" und mit Schlagstöcken in die Busse getrieben. "Dies geschah mit massiven Beleidigungen gegenüber den Personen, auch Frauen wurden bewusst beleidigt und intensivem Körpereinsatz ausgesetzt." Einem Fan sei ein Finger gebrochen worden, er habe daraufhin Anzeige erstattet.

Weiter heißt es in dem Bericht, dass der FC Augsburg nach diesen Vorfällen umgehend den Kontakt zur Polizei gesucht habe. Auch weil Zeugenaussagen des Fürther Sicherheitsbeauftragten und des Fürther Polizei-Einsatzleiters die Übergriffe des USK bestätigt hätten. Inzwischen habe sich Roland Gradl, der Einsatzleiter der Polizei Fürth, für die Ereignisse entschuldigt und das Gespräch mit dem USK gesucht. Auch dort habe es mittlerweile "Fehlereingeständnisse" gegeben.

Es droht ein neuer Konflikt zwischen Fans und Polizei

Dennoch: Das Thema dürfte damit noch lange nicht vom Tisch sein. Es stehen weiter die Vorwürfe Seinschs im Raum, "dass die Fußball-Fans und auch normale Zuschauer (Stichwort Terrorbekämpfung) für das USK herhalten müssen und dass die Konfrontationen provoziert werden, um einen Ausbildungseffekt zu erzielen." Wie Seinsch auf diese Vermutung kommt und warum er sich jetzt – nach Veröffentlichung des Briefs – nicht erklären will, bleibt vorerst offen. Doch unabhängig davon, ob die Anschuldigungen stimmen oder nicht, dürfte eins klar sein: Die Debatte um Fangewalt, die sich in letzter Zeit vor allem um Verfehlungen der Fans drehte, dürfte nach den Ereignissen von Fürth wieder an Schärfe gewinnen. Und vermutlich rückt nun auch die Rolle der Polizei noch stärker in den Fokus.

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