Sittenverfall in der Bundesliga Schwänzen, Prügeln, Pöbeln


Sie kommen zu spät zum Training, sie beleidigen ihre Vorgesetzten und haben bei der Arbeit Promille im Blut: Immer mehr Spieler tragen zum Sittenverfall in der Fußball-Bundesliga mit bei. Das Schlimme daran: Die Clubs können wenig bis gar nichts dagegen machen.
Von Klaus Bellstedt und Jens Fischer

Winterpause in der Bundesliga, das Weihnachtsfest liegt gerade mal drei Wochen hinter uns, das neue Jahr hat eben erst begonnen. Unsereins nimmt sich zum Jahreswechsel regelmäßig vor, weniger zu rauchen, zu trinken und endlich mal wieder zum Sport zu gehen. Was davon dann wirklich umgesetzt wird, sei mal dahingestellt. Aber auch egal: Der Wille zählt. Und genau an der Stelle unterscheidet sich der Otto-Normalverbraucher vom Fußballprofi. Wobei wir hier und jetzt ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir längst nicht alle Spieler in einen Topf werfen wollen.

Es gibt sie schon, die willensstarken Spieler. Nehmen wir mal Philipp Lahm. Mal ganz abgesehen davon, dass der Weltklasse-Mann der Bayern niemals durch Undiszipliniertheiten auf dem Platz auffallen würde, Lahm würde man glatt abnehmen, wenn er sich fürs neue Jahr vorgenommen hätte, die Oma öfter zu besuchen. Aber hätten Sie das auch Werders Torsten Frings, Hamburgs Ivica Olic oder der halben Schalker Mannschaft abgenommen? Wir eher nicht. Und unser Eindruck sollte uns nicht täuschen. Von wegen gute Vorsätze. In Sachen Disziplin und korrektem Verhalten dem Arbeitgeber gegenüber haben die "Spezialisten" der Bundesliga aber auch gar nichts dazugelernt. Aber der Reihe nach.

Buhmann Frings

Teile der Bremer Mannschaft präsentierten sich bereits in der Hinrunde als äußerst undiszipliniert: Da verschläft ein Hugo Almeida einfach mal und verpasst deshalb den Mannschaftsflieger zu einem Testspiel. Da verlegt der brasilianische Star Diego mehrfach das Training kurzerhand mal um eine Viertelstunde nach hinten. Blöd nur, dass an der Weser immer noch Trainer Thomas Schaaf die Trainingszeit vorgibt. Auch noch gut in Erinnerung: Die Watschen von Claudio Pizarro im vorletzten Hinrundenspiel gegen seinen Karlsruher Gegenspieler mit anschließender Würgeattacke von Diego.

Unentschuldigtes Fehlen und Verspätungen, was würde da eigentlich im normalen Berufsalltag passieren? "Verhaltensweisen wie unentschuldigtes Fehlen, Verspätungen und unbefugtes Verlassen des Arbeitsplatzes können im Wiederholungsfalle nach vorheriger Abmahnung grundsätzlich geeignet sein, eine verhaltensbedingte Kündigung zu rechtfertigen", klärt Arbeitsrechtler Malte Biesner, Rechtsanwalt in Bremen, im Gespräch mit stern.de auf. Aber für Fußball-Profis gelten selbstverständlich andere Gesetze...

"Sauhaufen Werder" titelte der Boulevard kurz vor Weihnachten. Vier Wochen sind seitdem vergangen, geändert hat sich nichts. Nur die Protagonisten sind andere. Torsten Frings sieht im Trainingslager nach einer wüsten Beschimpfung gegen den Schiedsrichter im Test gegen Galatasaray die rote Karte. Jener Frings, der im Oktober noch öffentlich seinen Vorgesetzen bei der Nationalmannschaft, Joachim Löw, kritisiert hatte. Verbale Entgleisungen am Arbeitsplatz und öffentliche Schelte gegen Vorgesetzte. Beliebter würde sich da unsereins in der Firma auch nicht unbedingt machen.

Uru-Fraktion mit Promille im Blut

Ein anderes Beispiel: Mittwochabend im spanischen La Manga. Carlos Eduardo von der TSG Hoffenheim und Hamburgs Olic liefern sich auf offener Szene eine handfeste Keilerei, in einem VORBEREITUNGSSPIEL auf die Rückserie, nota bene. Erinnern Sie sich noch an die Über-Schwalbe von Olic aus dem August im Spiel gegen den KSC? Charaktertest? Durchgefallen! Lernfähig? Doch nicht Olic!

Ein Paradebeispiel in Sachen Disziplinlosigkeiten ist - und jetzt trauen auch wir uns von Sauhaufen zu sprechen - der FC Schalke 04. Mehr oder weniger täglich erfährt man von ganz konkreten Verstößen einiger Spieler gegen Vorgaben des Arbeitgebers. Ganz besonders die Südamerikaner scheinen mit ihren Pflichten sehr leger umzugehen, ein regelrechter Sittenverfall ist derzeit bei den "Königsblauen" zu beobachten. So berichtet die "Sport-Bild" von dieser Woche davon, dass die Uruguayer Carlos Großmüller und Gustavo Varela im Oktober angetrunken zum Vormittagstraining erschienen seien, nachdem die beiden "Sportler" die gesamte Nacht durchgezecht hatten. Was sagt der Experte? "Der Verstoß gegen ein betriebliches Alkoholverbot ist ein ebenfalls abmahnfähiges Verhalten, welches im Wiederholungsfalle nach vorheriger Abmahnung eine Kündigung rechtfertigen kann." Schon wieder fällt das böse K-Wort.

Zustände wie im "alten Rom"

Von Einsicht keine Spur: Auf ihr Fehlverhalten angesprochen, fuhren die Beiden einfach nach Hause. Ein ungeheuerlicher Vorfall, der dokumentiert: Bei vielen Akteuren herrscht scheinbar null Respekt vor vertraglichen Verpflichtungen. Und noch viel schlimmer: Offenbar auch keinerlei Befürchtungen vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen.

Mittlerweile scheinen sich sogar die Schalker Verantwortlichen nicht mehr richtig helfen zu können. Sowohl Manager Andreas Müller als auch Trainer Fred Rutten betonen gebetsmühlenartig, jetzt "richtig durchgreifen" zu wollen. Alleine diese Akzentuierung auf im "normalen" Arbeitsleben eigentlich völlig Selbstverständliches verdeutlicht den Zustand in der Liga. Da werden Chefs als "feige" beschimpft ("Fall Albert Streit") und Kollegen in publikumswirksamen Medien denunziert, verraten und verkauft ("Fall Jermaine Jones"). Zustände wie im "alten Rom" - und für "Otto Normalverbraucher" schon lange nicht mehr nachvollziehbar.

Ohnmächtige Clubs

Noch einmal Schalke: Kennen Sie Ze Roberto II? Der Brasilianer kommt nach einem Heimaturlaub einfach nicht zurück und wird jetzt noch mit dem von ihm angestrebten Wechsel nach Brasilien belohnt. In einem stinknormalen Unternehmen hätte sich Ze Roberto längst seine Papiere abholen können. "Wer seinen bewilligten Urlaubszeitraum überschreitet, fehlt unentschuldigt und verletzt somit seine Hauptleistungspflicht aus dem Arbeitsvertrag. Ein solches Verhalten kann zur Kündigung führen", so Rechtsanwalt Biesner. Aber auf Schalke gibt es nur Geldstrafen, über die sich die Profis intern nur amüsieren. All das demonstriert: Die Arbeitgeber stehen den Verfehlungen ihrer Angestellten fast ohnmächtig gegenüber. Einerseits würden sie die Störenfriede sicher gerne in die Wüste schicken, anderseits würden sie so eine mögliche Ablösesumme und damit bares Geld verschenken. Eine vertrackte Situation, von der auch die Spieler wissen. Und die sie immer mehr ausnutzen.


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