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Standortbestimmung: Fußballzwerg Deutschland

Die Wahl zu "Europas Fußballer des Jahres" führte einem mal wieder vor Augen: Der deutsche Fußball ist international allenfalls zweitklassig. Besserung ist nicht in Sicht.

Ein Kommentar von Klaus Bellstedt

Schätzen Sie mal, wie oft in den letzten zwanzig Jahren deutsche Kicker zu "Europas Fußballer des Jahres" gewählt wurden. Genau zwei Mal! 1990 wurde "Uns Loddar", damals noch in Diensten von Inter Mailand, diese Ehre zu teil. Sechs Jahre später erklomm Borussia Dortmunds Matthias Sammer den europäischen Fußballthron. Und der bissige Rotschopf, der die deutsche Nationalmannschaft 1996 zum EM-Titel führte, wird wohl auch bis auf weiteres der letzte deutsche Bundesliga-Profi bleiben, den die Fachpresse zum kontinentalen Champion kürte.

Sie fragen sich jetzt sicher, was denn bitte schön mit Michael Ballack ist. Schließlich ist Bayerns Mittelfeldakteur nach einhelliger (aber vor allem einheimischer) Expertenmeinung ein Spieler mit Weltklasseformat, der sich noch dazu auf dem Sprung zu Real Madrid befindet. Nein, die Klasse eines Ronaldinhos besitzt Ballack sicher nicht, aber trotzdem könnte man meinen, dass es der Kapitän des DFB-Teams eigentlich locker unter die Top Five schaffen müsste.

Es fehlt die Klasse

Die bittere Realität sieht freilich anders aus: Bei der diesjährigen vom französischen Fachblatt "France Football" organisierten Wahl landete Ballack auf einem abgeschlagenen 14. Platz. So weit, so schlecht. Was allerdings noch alarmierender stimmt, ist die Tatsache, dass es der Bayern-Star in diesem Jahr als einziger deutscher Spieler überhaupt in den erlauchten Kreis der 50 Kandidaten geschafft hatte. Der zweite (und neben Ballack einzige) Bundesliga-Vertreter, Roy Makaay, landete übrigens auf dem geteilten 25. Rang.

Das Ergebnis der prestigeträchtigen Wahl zu "Europas Fußballer des Jahres" ist aus deutscher Sicht mal wieder erschreckend ausgefallen - überraschend kam es indes nicht. Es spiegelt vielmehr in eindrucksvoller Weise wider, dass sich weder einzelne Spieler noch Bundesliga-Klubs auch nur annähernd regelmäßig auf höchstem europäischen Niveau präsentieren. Aus dem einfachen Grund, weil ihnen die Klasse fehlt.

DFB-Team in der Fifa-Weltrangliste nur 16.

In letzter Konsequenz schlägt sich das dann auch in der Fünfjahreswertung der Uefa nieder. Durch das mittelmäßige Abschneiden deutscher Teams in den europäischen Wettbewerben, auch und gerade in der Champions League, ist die Bundesliga, die sich einst rühmte, die stärkste Liga der Welt zu sein, hinter Spanien, England, Italien sowie Frankreich bereits weit zurückgefallen. In dieser Spielzeit nun droht Deutschland in der Fünfjahreswertung sogar auf Rang sieben abzurutschen.

Die Fifa-Weltrangliste führt einem noch grausamer vor Augen, wo der deutsche Fußball ein knappes halbes Jahr vor Beginn der WM im eigenen Land steht. In jenem Ranking rangiert das DFB-Team auf Platz 16 - hinter so "großen" Fußballnationen wie der USA, der Türkei und Japan. Besserung ist leider nicht in Sicht. Wenn selbst Deutschlands-Vorzeige-Fußballer bei der von Sportjournalisten aus allen Mitgliedsländern der Uefa durchgeführten Wahl keine Rolle spielt, ist im Hinblick auf die WM mit dem Schlimmsten zu rechnen. Oder anders ausgedrückt: Wer jetzt noch vom Titel träumt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.

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