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Unabhängige Untersuchung "Ein vernichtender Bericht": Missbrauch gehört zur "Kultur" im US-Frauenfußball

Fans des Frauenfußballclubs Portland Thorns halten Schilder "Protect the Players" auf der Tribüne des Stadions
"Schützt die Spielerinnen": Fans des Frauenfußballclubs Portland Thorns demonstrieren gegen weit verbreitete sexuelle Übergriffe in den Clubs der US-Profiliga.
© Steve Dipaola / Picture Alliance
Es ist ein erschütterndes Dokument. Auf 150 Seiten dokumentiert eine unabhängige Studie, dass sexuelle Belästigung im US-Frauenfußball gang und gäbe ist. Ehemalige Profi-Spielerinnen hatten vor einem Jahr öffentlich entsprechende Vorwürfe erhoben.

Mit Sport verbinden die meisten Menschen positive Attribute: Fairness, Aufrichtigkeit, Gemeinschaftssinn, körperliche Gesundheit. Doch wie sich zunehmend zeigt, ist dies ein grundlegendes Trugbild. Erst in der vergangenen Woche legte die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs eine Studie vor, die belegt: sexuelle Belästigung und Nötigung bis hin zu Vergewaltigungen sind feste Bestandteile des Systems Sport. Es trifft in erster Linie Kinder, und es trifft Frauen. Permanent, überall und besonders stark im Wettkampf- und Leistungssport.

Dass der Deutschen liebstes Sportkind, der Fußball, alles andere als eine Ausnahme ist, machten im vergangenen Sommer Recherchen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" deutlich, die sexuelle Belästigungen im Mädchen- und Frauen-Fußball belegten – während parallel dazu die Leistungen des Frauen-Nationalteams bei der EM bejubelt wurden. Ein weitere unabhängige Studie zeigt nun, dass dieses tabuisierte, systemische Problem international besteht. So zum Beispiel in den USA, eine der großen Sportnationen und zudem führend im Frauenfußball.

Sexueller Missbrauch in NWSL: "Systematischer Charakter"

Der Untersuchungsbericht im Auftrag der Nationalen Frauen-Fußballliga (NWSL) beschreibt eine weitreichende sexuelle Belästigung von Spielerinnen durch ihre Trainer. Auf mehr als 170 Seiten führt das nun veröffentlichte Dokument zahlreiche Beispiele von unangemessenen Annäherungen sowie emotionalem und körperlichen Missbrauch durch Coaches auf. Die beauftragte unabhängige Kommission sprach davon, dass die Taten einen systematischen Charakter hätten, der tief im amerikanischen Frauenfußball und auch in den Jugendligen verwurzelt sei. Es sei ein "vernichtender Bericht", urteilte der demokratische Senator von Connecticut, Richard Blumenthal, der als Vorsitzender des Unterausschusses für Handel des Senats mit der Aufsicht über amerikanische Olympia- und Amateursportler betraut ist. Blumenthal kündigte eine Anhörung im US-Kongress zu dem Thema an.

Das Magazin "The Athletic" hatte vor genau einem Jahr Vorwürfe von sexueller Belästigung öffentlich gemacht. Mehr als ein Dutzend Spielerinnen beschuldigten den damaligen Trainer des Clubs North Carolina Courage, Paul Riley, regelmäßig übergriffig geworden zu sein – über einen Zeitraum von rund zehn Jahren. Der Bericht erschütterte seinerzeit die US-Profiliga, eine der Top-Ligen des Frauenfußballs. Viele weitere Vorwürfe wurden öffentlich, rund die Hälfte der NWSL-Clubs trennten sich von ihren Trainern, die Liga-Chefin Lisa Baird trat zurück, die Fifa schaltete sich ein. Der Fußballverband U.S. Scoccer beauftragte schließlich die stellvertretende US-Generalstaatsanwältin Sally Q. Gates und die Anwaltkanzlei King & Spalding mit der Aufarbeitung des Skandals. Das Ergebnis ist die nun vorgelegte Studie.

Einsichtige Führungskräfte unternahmen nichts

"Teams, die Liga und der Verband reagierten nicht nur wiederholt nicht angemessen, wenn sie mit Beschwerden von Spielerinnen und Beweisen für Missbrauch konfrontiert wurden", heißt es in dem Papier. "Sie versäumten es auch, grundlegende Maßnahmen zu ergreifen, um dies zu verhindern und dagegen vorzugehen, auch wenn einige Führungskräfte privat die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz einräumten", stellen die Juristen nun fest. Sie interviewten für die Untersuchung 200 Personen, weitere Fälle wurden schriftlich berichtet. Auch der Fußballverband stellte Dokumente bereit. Die Zahl der als relevant eingestuften Fallberichte geht demnach in die Zehntausende.

Die Täter seien oftmals nicht bestraft worden, hätten nach dem Missbrauch zu neuen Teams wechseln können und wurden dabei teils mit wohlwollenden Pressemitteilungen reingewaschen. "Und niemand in den Teams, der Liga oder dem Verband verlangte von den Trainern Besserung", steht im Bericht. "Unsere Untersuchung hat eine Liga offenbart, in der Missbrauch und Fehlverhalten – verbaler und emotionaler Missbrauch und sexuelles Fehlverhalten – systemisch geworden sind und mehrere Teams, Trainer und Opfer umfassen", so Yates während der Vorstellung der Studienergebnisse. "Missbrauch in der NWSL wurzelt in einer tieferen Kultur im Frauenfußball, die verbal missbräuchliches Coaching normalisiert und die Grenzen zwischen Trainern und Spielern verwischt."

Verbandschefin würdigt Mut der Betroffenen

Der Bericht empfiehlt eine Reihe von Reformen, die vor allem eine Rechenschaftspflicht und Transparenz verbessern sollen, um das Thema zu enttabuisieren. Bestandteil solcher Reformen müsse eine Verpflichtung sein, (sexuelles) Fehlverhalten offenzulegen. Der US-Fußballverband kündigte an, entsprechende Reformen sofort umsetzen zu wollen. Verbandspräsidentin Cindy Parlow Cone, erste Frau an der Spitze von U.S. Scoccer, nannte die Ergebnis des Yates-Berichtes "herzzerreißend und zutiefst beunruhigend". Viele der Spielerinnen, die im Report zu Wort kommen

Die ehemalige Profi-Spielerin und -Trainerin würdigte via Twitter zudem jene Spielerinnen, die das systemische Fehlverhalten öffentlich gemacht haben. "Ich bin den Spielerinnen unglaublich dankbar, die sich gemeldet haben, um ihre persönlichen und oft schmerzhaften Geschichten zu teilen. Ihr Mut hat uns zu diesem Punkt geführt, und wir werden unseren Spielerinnen weiterhin zuhören, während wir daran arbeiten, die Fußballkultur langfristig zu verändern."

Die Profi-Liga kündigte an, die Ergebnisse der Studie umgehend zu prüfen. Die Liga arbeitet dabei mit dem Spielerverband zusammen.

Quellen: Yates-Bericht; Erklärung US-FußballverbandReuters, "Washington Post" (Bezahl-Inhalt), DPA

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