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Stuttgart gegen Barcelona: Angst vor der Augenhöhe

Der VfB Stuttgart hat dem FC Barcelona ein Unentschieden abgetrotzt. Aber für den VfB wäre auch mehr drin gewesen. Haben die Schwaben eine bessere Ausgangssituation leichtfertig verspielt?

Von Oliver Trust, Stuttgart

Alexander Hleb stieß immer wieder kleine Rufe und Schreie aus. "Au", sagt er. "Ah" und "Eh". Seine Gegner ließen ihm kaum eine ruhige Minute und attackierten ihn meist von hinten. Hleb wehrte sich so gut es ging mit Klapsen auf ihre Arme, Schultern und ihre Hinterteile. Kaum einer der vielen Stars des FC Barcelona ließ ihn unbehelligt als sie ihrem Mannschaftsbus durch die Interviewzone entgegenstrebten und an Hleb vorbei mussten. Nicht Lionel Messi, Xavi und Carles Puyol - und vor allem Thierry Henry nicht.

Mancher hielt ein nettes Schwätzchen mit dem Mann, den Barcelona für ein Jahr nach Stuttgart auslieh, den sie deshalb so gut kannten. "Ach, er ist mein Freund", sagte Hleb über Henry. "Wir haben über sein Leben geredet und über meines", berichtete der 28 Jahre alte Weißrusse. Und? "Ach, das ist privat". Eine seltsam ausgelassene Stimmung machte sich am Kabinenausgang der Mercedes-Benz-Arena breit als es um eine ganz andere Frage ging: Hatte der VfB Stuttgart und damit auch Hleb beim 1:1 im Hinspiel des Achtelfinales der Champions League die große Chance verpasst, den übermächtigen Favoriten FC Barcelona zu schlagen und für eine Überraschung zu sorgen?

"Wir werden das Unmögliche versuchen"

Spätestens als man sich an die Aufarbeitung dieser Frage machte, wurde jedem klar, es war kein Freundschaftsspiel gewesen oder etwa eine Showveranstaltung der "besten Mannschaft der Welt" wie Stuttgarts Vorstand Sport Horst Heldt "Barca" nannte. So schwankte der VfB-Manager zwischen "unglaublichen Stolz" und der Erkenntnis, es könne im Rückspiel alles passieren, "obwohl es dort wahnsinnig schwer ist". Über die verpasste Chance ärgern oder froh darüber sein, "dass wir 45 Minuten richtig, richtig guten Fußball gespielt haben" (Heldt)? Die Stuttgarter blieben eine eindeutige Antwort schuldig.

Stuttgarts Trainer Christian Gross meinte: "Es gibt nicht viele, die 1:1 gegen Barcelona spielen. Wir werden dort das Unmögliche versuchen". Cacau, der deutsche Nationalspieler mit brasilianischen Wurzeln, sagte: "Wir haben ein gutes Spiel gemacht. Aber es war mehr drin." Und mancher versuchte sich noch im Gehen Mut zuzusprechen. "Die Ehrfurcht hat nach ein paar Minuten nachgelassen", sagte Christian Träsch. Und: "Der große Name in Ehren, aber wir wollen weiter kommen."

Lehmanns wilde Sprünge

Sicher war nur eines an diesem Abend: Es war selten so einfach, den FC Barcelona zu schlagen. Zumindest eine Hälfte lang war der VfB auf dem besten Weg zum großen Erfolg. Nach frühen Attacken im Mittelfeld und vor dem Barca-Strafraum hatte der VfB die besseren Chancen. Mehr als das eine Tor von Cacau (25.) jedoch gelang nicht. Dabei gab es reichlich Gelegenheit, den Vorsprung vor der Pause auszubauen als Barcelona zwar 64 Prozent Ballbesitz verbuchen konnte, aber keine einzige Chance herausspielte. Nur Messi traf in einem seiner wenigen guten Momente den Pfosten (40.).

"Ich ärgere mich sehr, weil wir das 2:0 nicht gemacht haben", sagte Coach Gross. Und Torwart Jens Lehmann, der wieder durch manch seltsame Einlage (wilde Sprünge im Strafraum oder einen theatralischen Sturz über die Werbebande) auffiel, meinte: "Ich bin enttäuscht, weil wir Barca hätten schlagen können. In Barcelona wird es schwierig". Es klang wie eine scherzhafte Dienstanweisung als Trainer Gross sagte: "Ich habe Jens schon gesagt, er muss in drei Wochen das Spiel seines Lebens machen."

Barcelona verliert keine Heimspiele

Das wird von Messi und Co. jedes Mal erwartet. In Stuttgart waren sie weit entfernt davon. Die Klasse der vergangenen Saison, als die Katalanen alles möglichen Titel gewannen und zur Übermannschaft wurden, haben sie in der Spielzeit kaum wieder erreicht. Selbst Messi nicht, der beste Fußballspieler der Welt, der so schnell dribbeln kann wie sonst kein anderer Mensch. Welche Steigerung sollte nach neun Titeln auch kommen? In Stuttgart wollten 91 TV-Sender weltweit miterleben wie Barcelona dies Problem löst. Ein Zirkus, der die Spanier überall hin begleitet. In der Stuttgarter Arena stellten Kamera-Männer in der siebten Reihe Stühle auf, um die Gesichter der Männer in den knallgelben Trainingsanzügen überhaupt aufnehmen zu können. Dutzende Radioreporter streckten ihre Mikrophone nach vorne.

"Wir haben in der ersten Hälfte ein paar Fehler gemacht, aber noch ein wichtiges Tor gemacht". Zlatan Ibrahimovic gelang es in der 52. Minute. Der Schwede zog mit aller Gelassenheit die Schultern hoch: "Das Ergebnis ist ok, Stuttgart hat seine Chance nicht genutzt". Er wollte sich nicht mal darüber ärgern, in der 69. Minute keinen Elfmeter bekommen zu haben als Cristian Molinaro seinen Schuss mit dem rechten Oberarm über die Latte lenkte. Und Henry analysierte: "Auch letztes Jahr hatten wir im Achtelfinale in Lyon Probleme und haben es im Rückspiel gedreht. Das können wir auch jetzt" Wer zweifelt daran? Barcelona verliert keine Heimspiele. Nicht gegen Stuttgart. Oder doch? "Junge, mach es gut" rief Thierry Henry seinem Kumpel Alex Hleb noch hinterher. "Hey, Du auch".

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