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Ärger mit Trainer Benitez: Der Absturz von Weltmeister Toni Kroos bei Real Madrid

Real Madrid hinkt den eigenen Ansprüchen hinterher. Mittendrin in der Misere steckt Toni Kroos. Der deutsche Weltmeister wird seit Wochen auf die Bank verbannt. Er gerät zwischen die Fronten von Trainer und Fans. Es ist nicht das erste Mal in seiner Karriere.

Toni Kroos trabt mit hängenden Schultern über den Platz

Genie und Trübsinn: Toni Kroos ist begnadeter Lenker im Mittelfeld von Real Madrid, versinkt aber auch immer mal wieder in Lethargie

Es könnte alles so einfach sein. Schließlich ist Toni Kroos einer der leichtfüßigsten Kicker, die Deutschland je hervorgebracht hat. Aber die Geschichte seiner Karriere erzählt eben nicht nur vom Genie des 25-jährigen Mittelfeldspielers, sondern auch von einer schwer erklärbaren Melancholie, die immer wieder Besitz vom gebürtigen Greifswalder ergreift. Dieser Umstand bereitete ihm schon in Leverkusen Probleme, ebenso bei Bayern München - und jetzt auch im Dienste der Königlichen von Real Madrid. Es könnte alles so einfach sein für Toni Kroos. Ist es aber nicht. Kroos muss gerade als Sündenbock herhalten.

Was ist eigentlich los in der spanischen Hauptstadt? Seit Saisonbeginn hinkt Rekordmeister Real Madrid den eigenen Ansprüchen hinterher, zunehmend meilenweit: Die Erzfeinde vom FC Barcelona sowie die Stadtrivalen von Atlético sind an der Tabellenspitze der Primera División aktuell mit fünf Punkten enteilt. Trainer Rafael Benítez droht die Situation zu entgleiten, Gerüchte über Streitigkeiten mit Superstar Cristiano Ronaldo machen die Runde. Aber auf die Bank muss natürlich nicht der portugiesische Torgarant, sondern Kroos.

Auf Kosten von Kroos werden gerne Zeichen gesetzt

Kroos ist in Madrid seit Wochen ein großes Thema: "Benitez hat Kroos kaltgestellt", sagte Real-Experte Bernd Schuster unlängst in einem Interview mit einem spanischen Radiosender. Kroos hat im Dezember erst ein Spiel absolviert. Meist sitzt er derzeit komplett draußen. Sowohl im Pokal, als auch in der Champions League darf Kroos diesen Monat nicht ran. Auch bei der peinlichen 0:1-Pleite der Madrilenen in Villarreal sitzt der Weltmeister auf der Bank. Benítez wählt ihn als Bauernopfer aus und wechselt auch nach 79 Minuten lieber den Kroaten Mateo Kovacic ein, der bisher kaum eine Rolle spielte und nicht einmal die Hälfte der Einsatzzeiten des Deutschen vorweisen kann. Es ist nicht das erste Mal in Kroos' Karriere, dass auf seine Kosten ein Zeichen gesetzt wird.

Als Supertalent bei Bayern München kam er unter dem vorübergehenden Trainer Jürgen Klinsmann kaum zum Zug (was Kroos erst kürzlich zum Nachtreten veranlasste); als Leihspieler in Leverkusen kämpfte er lange vergeblich um einen Stammplatz, ehe Jupp Heynckes Zugang zum sensiblen Talent fand; und die Bayern ließen ihn 2014 relativ kampflos nach Madrid ziehen. All das sind massive Enttäuschungen, gemessen an Kroos' Fähigkeiten. Auch in der Nationalelf wusste Joachim Löw lange nicht viel mit dem jungen Spieler anzufangen - unvergessen, wie er ihn im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien auf dem rechten Flügel verheizte.

Geschuldet ist dieser wiederkehrende, schwankende Status einem Phänomen, das Kroos mit Mesut Özil teilt: Er besitzt einzigartige Fähigkeiten und verfügt über hohe Spielintelligenz, in guten Teams entfaltet er seine geballte Brillanz - aber wenn es nicht läuft, taucht dieser Lustspieler zu oft unter. Im sinkenden Schiff säuft er als Erster ab. Mit dieser Mentalität reicht er stets die beste Bewerbung als Gesicht einer Krise ein.

So auch jetzt in Madrid. Es ist der Tiefpunkt seiner Zeit in Spanien, aber wahrscheinlich nur ein vorübergehender Absturz. Benítez' Tage als Trainer von Real könnten in Kürze gezählt sein, mit Kroos' Verbannung auf die Bank hat er schon sein letztes Blatt auf den Tisch gelegt. Ein Akt leiser Verzweiflung, aus dem der Deutsche gestärkt hervorgehen könnte.

Denn Kroos ist bei Mitspielern und Medien in Madrid durchaus angesehen. Die Mentalität, die ihm in Deutschland als mangelnder Kampfgeist und Lethargie ausgelegt wird, erklären die Spanier nachsichtig mit seiner Künstlerseele. In der vergangenen Saison spielte er unter Carlo Ancelotti überragend. Kein Wunder, dass sich Kollege Isco vor Verwunderung demonstrativ die Augen rieb, als er Kroos am Wochenende auf der Ersatzbank sah - das dazugehörige Video wurde in Spanien zum viralen Hit.

Einer der leichtfüßigsten deutschen Kicker aller Zeiten

Gut möglich, dass Kroos also schon bald wieder die Geschäfte im ehrwürdigen Real-Mittelfeld führt (auch wenn er am Sonntag gegen Rayo Vallecano wohl erneut draußen sitzen wird). Denn so oft er in seiner Karriere als Bauernopfer ausgewählt wurde, so oft kam Kroos noch besser zurück. Höhepunkt dieser Entwicklung: Wie er als tragende Säule in Joachim Löws Konstrukt die Nationalmannschaft zum WM-Titel führte. Beim Turnier in Brasilien war er den Gegenspielern gedanklich immer zwei Schritte voraus und lenkte das deutsche Spiel mit einer selten gesehenen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Weil er es kann, weil er einer der leichtfüßigsten deutschen Kicker aller Zeiten ist.

Es könnte schließlich alles so einfach sein für Toni Kroos. Ist es gerade aber nicht.

tim

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