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DFB-Team: Statement von Kroos und Co.: Wie die Özil-Debatte einen Riss in der Nationalelf offenlegt

Über den Zusammenhalt der Nationalelf in Russland gab es zahlreiche Spekulationen. Die unterschiedlichen Äußerungen der Spieler zum Fall Özil seitdem legen den Schluss nah: Das Team war (und ist) tief gespalten.

Nationalelf Mesut Özil Ilkay Gündogan

Das Thema Özil wird die Nationalelf noch lange beschäftigen

DPA

Der 6. September 2018 soll für die deutsche einen Neustart markieren. An diesem Tag  startet die neue Uefa-Nations-League. Das DFB-Team trifft dann in der Münchner Allianz Arena auf Weltmeister Frankreich. Die aktuelle Nummer eins der Fifa-Weltrangliste fordert die aktuelle Nummer 15 - so schnell verschieben sich die Gewichte im Fußball. Für den abgehalfterten Weltmeister von 2014 wird das Spiel ein erster Gradmesser sein. Joachim Löw wird nach dem kläglichen Scheitern in Russland die Herkules-Aufgabe zu meistern haben, die arg angeschlagene Truppe wieder in die Spur zu bringen.

Bis dahin will der Bundestrainer eine ausführliche Analyse für das -Desaster liefern. Man darf gespannt sein, welche Rolle darin die Debatte um Mesut Özil einnehmen wird. Was sich jetzt schon sagen lässt: In der Mannschaft fallen die Beurteilungen darüber sehr unterschiedlich aus. Das lässt sich aus den Äußerungen der Spieler schließen. Sie legen die Vermutung nahe, dass die Mannschaft während der WM bei dem Thema tief gespalten war. Die dadurch entstandene Unruhe war offensichtlich stärker als der Zusammenhalt, frühere Hierarchien waren zerstört. Spekulationen über einen Riss geisterten schon vorher durchs Trainingslager in Südtirol - und scheinen sich zu bestätigen.

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Neuer, Müller und Kroos gehen deutlich auf Distanz zu Özil

Es gab (und gibt) grob zwei Gruppierungen: die altgedienten Weltmeister und die Neulinge. Ein Teil des Teams um Neuer, Müller und Kroos hat Özil und Gündogan das Bild mit dem türkischen Präsidenten wirklich übel genommen. Sie haben das deutlich gesagt, auch wenn Kroos die Affäre nicht als Grund für das WM-Desaster gelten lassen will. Keiner der drei hat auch nur annähernd sein Bedauern über Özils Rücktritt geäußert. Kroos sprach im Zusammenhang mit den Rassismus-Vorwürfen Özils von "Quatsch", auch wenn er ansonsten ein "lieber Kerl" sei. Müller gab den bösen Medien eine Teilschuld an der hitzigen Debatte. Kapitän Neuer sagte schon vor Wochen: "Es ist die Entscheidung eines jeden Spielers. Die Gründe muss er für sich selbst suchen, die hat er gefunden. Wir akzeptieren die Entscheidung." Distanzierter geht’s kaum.

Ganz anders klingen die Stellungnahmen von Nachwuchstalenten wie Timo Werner und Julian Brandt. Werner sprach das Rassismus-Thema zwar nicht an, nannte Özils aber "hoch angesehen" im Team. Und er wünschte sich sogar ein Comeback: "Ich glaube auch, dass viele in der Mannschaft glücklich wären, wenn sagen würde, ich mach‘s nochmal." Julian Brandt stellte sich  schon vor Wochen sofort vor Özil, als er in der öffentlichen Debatte zum Sündenbock erklärt wurde.

Löw braucht eine neue, hungrige Truppe

Der mangelnde Zusammenhalt lässt sich nicht nur an der Beurteilung der Erdogan-Affäre festmachen. Da gab es die heftige Kritik von Kroos an den jüngeren Spielern nach dem Testspiel gegen Brasilien im März. Man kann sich gut vorstellen, dass die Kritik nicht bei jedem Jungspund gut ankam. Dass dem lange verletzten Neuer eine Stammplatzgarantie gab, wird dem Teamgeist ebenfalls nicht förderlich gewesen sein. Löw braucht für die Zukunft also nicht nur einen neuen Spielmacher, sondern er muss eine hungrige und homogene Truppe formen.

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