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U21-Europameisterschaft: Hängende Flügel

Deutschlands U21-Mannschaft spielt bei der Europameisterschaft in Schweden bislang ein gutes Turnier und hat beste Chancen, gegen England zu bestehen und das Halbfinale zu erreichen (ab 20.45 im Liveticker von stern.de). Einer ihrer Stars enttäuscht jedoch auf ganzer Linie: das Gladbacher Supertalent Marko Marin.

Von Daniel Theweleit, Göteborg

Marko Marin versucht zu lächeln, ein paar schwedische Teenager haben den kleinen Dribbler am Rande des Trainingsplatzes der deutschen U21 zu einem gemeinsamen Foto überredet. Die Sonne scheint, die Mädchen sind glücklich, das Befinden Marins spiegelt diese harmonische Szene allerdings nicht wider. Für den Mönchengladbacher ist bei diesem Turnier bislang nämlich fast alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann. Nun droht ihm auch noch der Stammplatz abhandenzukommen, im Abschlusstraining vor dem entscheidenden Vorrundenspiel am Montag gegen England (20.45 Uhr, ZDF) ist das Talent in die Reservemannschaft versetzt worden.

"Ich würde mich aufstellen", scherzte der 20-Jährige zwar später im rustikalen Klubheim des Provinzklubs Floda Bo IF, das der DFB zu einem provisorischen Presseraum umgestaltet hat. Allerdings ist er selbstkritisch genug, um einzusehen, dass er mit der "eigenen Leistung nicht zufrieden sein" könne.

Gladbach will 10 Millionen

Im starken Spiel gegen die Spanier zum EM-Auftakt (0:0) gehörte Marin zu den Schwächeren, und in der enttäuschenden, jedoch erfolgreichen, Partie gegen die Finnen (2:0) spielte er unterirdisch. Kein Wunder, dass viele Beobachter vermuten, das Talent lasse sich von den Geschehnissen im fernen Deutschland ablenken. Dort pokert nämlich Werder Bremen mit Borussia Mönchengladbach, es geht darum, wo der Fußballer in der kommenden Saison spielt. Marin würde gern an die Weser wechseln, Mönchengladbach verlangt etwa 10 Millionen Euro Ablöse, die Bremer wollen aber nur rund 8 Millionen Euro bezahlen. Nach den jüngsten Verhandlungen erklärte Gladbachs Sportdirektor, das Bremer Angebot biete "keine Verhandlungsgrundlage". Und Werders Geschäftsführer Manfred Müller konterte: "Wenn es in diesem Jahr nicht möglich ist, dass Marin bei uns spielt, dann eben im nächsten Jahr."

Marin möchte aber sofort nach Bremen, auch weil er durch internationale Einsätze bei Werder seine Chancen steigern kann, an der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika teilzunehmen. In Schweden halten Freunde den jungen Fußballer derzeit über die Verhandlungen auf dem Laufenden. "Für mich ist diese Situation natürlich nicht einfach, ich lese auch die Artikel dazu im Internet", erzählte er, um sich zwei Sätze später pflichtbewusst in Erinnerung zu rufen, dass er diese Ablenkungen besser ausblenden sollte. "Ich bin bei einer EM und kann mich nicht damit beschäftigen."

Hrubesch wird strenger

Auch wegen der Dauerpräsenz dieses Themas wird Trainer Horst Hrubesch zunehmend streng mit dem Spieler, der mehr Partien für die A-Nationalmannschaft bestritten hat als seine Kollegen aus der U21-Mannschaft. Am Morgen nach dem Finnland-Spiel begegneten sich der Trainer und das Gladbacher Talent auf dem Weg zum Frühstück, Marin zwinkerte mit dem Auge, es sollte eine Geste der Versöhnung sein, Hrubesch aber gefiel das gar nicht. "Pass auf, es ist gefährlich hier, ich bin nicht deine Freundin", hat er zu Marin gesagt, der am Abend zuvor nach einem Frustfoul nur mit Glück einer Roten Karte entgangen war.

Offenbar verfügt der sechsfache Nationalspieler über ein beachtliches Talent, die Skepsis seiner Trainer zu schüren. Hans Meyer ließ Marin im Gladbacher Abstiegskampf immer wieder auf der Bank sitzen, vor einem Jahr entschied sich Bundestrainer Joachim Löw überraschend und im letzten Augenblick, David Odonkor statt Marin mit zur Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz zu nehmen. Und nun runzelt auch Hrubesch die Stirn, wenn er nach dem Dribbler gefragt wird. "Marko ist ein Spieler, der alle Voraussetzungen hat", sagt der Trainer dann, allerdings fehle ihm bisweilen das Auge für die richtige Aktion in der Rückwärtsbewegung. Besonders in der Schlussphase eines Spiels.

Das klingt mehr und mehr nach einem Fall für Thomas Schaaf, der solche unfertigen Spielertypen regelmäßig zu großartigen Fußballern weiterentwickelt. Doch der Bremer Trainer ist nicht in Schweden, wo es gilt, Marin möglichst schnell fürs Turnier in die Spur zu bringen.

Hrubesch hatte vor der Abreise nach Skandinavien erklärt, dass es aufs Flügelspiel ankommen würde bei seiner Mannschaft, schließlich verfüge man ja über keinen Mittelstürmer. Nun haben in den ersten beiden Partien ausgerechnet die Flügelspieler Marin und der Leverkusener Gonzalo Castro besonders enttäuscht. Zwar ist ihre Aufgabe besonders schwierig, denn im Zentrum fehlen Mitspieler, die Flanken verarbeiten können - Hrubeschs Behelfsstürmer Mesut Özil und Ashkan Dejagah harmonieren noch nicht wie gewünscht mit den Männern von der Außenbahn. Doch auch Marins Dribbelkünste sind bislang noch nicht zu sehen gewesen. "Der eine oder andere hat sicher nicht am Limit gespielt", sagte Hrubesch, den Leverkusener und den Mönchengladbacher hat er damit wohl ganz besonders gemeint.

FTD

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