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Uefa-Präsidentschaft: Blatter sorgt für Affront

Der Kongress zur Wahl des neuen Uefa-Präsidenten hat mit einem Eklat begonnen: Fifa-Chef Joseph Blatter schlug sich auf die Seite seines Ziehsohns Michel Platini. Einschüchterungsversuche und Psychotricks überschatteten den Showdown.

Mit seiner erneuten Parteinahme für Präsidentschaftskandidat Michel Platini hat FIFA-Chef Joseph Blatter bei der offiziellen Eröffnung des UEFA-Kongresses in Düsseldorf für einen Affront gesorgt. "Ich habe Sympathien für den Mann, der mich seit 1998 begleitet hat. Ich habe Sympathien für Michel Platini", sagte der Schweizer in seiner Ansprache, die von den Delegierten der 52 UEFA-Verbände allerdings mit auffälliger Zurückhaltung quittiert wurde. Amtsinhaber Lennart Johansson hingegen verzichtete in seiner Begrüßungsrede auf jegliche wahltaktische Äußerung. Bei der Wahl um den Chefposten der Europäischen Fußball-Union (UEFA) tritt Johansson gegen Platini an.

Duell mit Psycho-Tricks

Blatter rechtfertigte die Aufgabe seiner Neutralität mit dem "Einfluss", den die UEFA mit ihren acht Mitgliedern in der Exekutive des von ihm geführten Weltverbandes habe. Der brisanteste Präsidentschaftswahlkampf der UEFA-Geschichte war auf der Zielgeraden schon zuvor zum Duell mit Psycho-Tricks geworden. Während Franz Beckenbauer einen Tag vor seiner als sicher geltenden Wahl in die FIFA-Exekutive gelassen durch das Düsseldorfer Kongresszentrum schreiten konnte, war in den Lagern der Kontrahenten um den UEFA- Vorsitz Hochbetrieb beim finalen Stimmenfang. Blatters Vorpreschen im feierlichen Rahmen könnte aber auch ein Eigentor gewesen sein.

"Es wird eine ganz, ganz enge Entscheidung. Der Ausgang ist nicht vorherzusagen", meinte Beckenbauer. Der "Kaiser" zeigte sich bei seiner Ankunft am Tagungsort erleichtert, nicht wie zwischenzeitlich geplant selbst ins Rennen um das Spitzenamt gegangen zu sein. "Wenn ich den Zirkus hier sehe, bin ich froh, nicht selbst kandidiert zu haben. Politik ist kompliziert. Sportpolitik ist die Steigerung", sagte er.

Verbaloffensiven zur Einschüchterung

Etwas überraschend war schon am Vortag der Kongresseröffnung von Johansson-Anhängern der sichere Sieg des Schweden verkündet worden. 36 von 52 UEFA-Mitgliedern hätten dem 77-Jährigen ihr Votum versprochen. Doch die Platini-Getreuen wollten sich von der vielleicht auch zur Einschüchterung gestarteten Verbaloffensive nicht verunsichern lassen. "Total lächerlich", lautete der Kommentar eines Beraters des Franzosen. Platini selbst könne angeblich mit einer entsprechenden Stimmenzahl rechnen.

Etwas amüsiert reagierte Theo Zwanziger auf die von beiden Parteien prognostizierten satten Mehrheiten. "80 Stimmen sind hier jetzt schon fest vergeben, obwohl es nur 52 gibt", sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Zwanziger wird am Freitag die deutsche Stimme wie versprochen an Johansson vergeben.

DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt warnte wie zuvor schon Zwanziger und Beckenbauer vor einem Grabenkampf. "Wenn sich vor solch einer wichtigen Entscheidung zwei Lager bilden, besteht immer die Gefahr, dass die Verlierer dann schmollen und sich zunächst einmal zurückziehen. Daher ist sicherlich einiges zu tun", sagte er auf der DFB-Homepage. Dem Lager des Verlierers müsse man schnell "eine Brücke bauen", forderte Schmidt.

Historischer Einschnitt in der UEFA-Geschichte

Eine Niederlage Johanssons wäre ein historischer Einschnitt in der UEFA-Geschichte. Noch nie wurde ein erneut kandidierender Präsident in seinem Amt nicht bestätigt. Johansson selbst hatte es bislang nur bei seiner ersten Wahl 1990 mit einem Gegenkandidaten, dem Schweizer Freddy Rumo, zu tun.

Den aggressiveren Wahlkampf, inklusive Verbalattacken auf seinen Gegner, betrieb eindeutig Platini - ohne dabei substanziell Neues verkünden zu können. Mit dem Versprechen auf mehr Einfluss, Geld und Startplätze in der Champions League will er die Stimmen der kleinen Verbände vornehmlich aus Ost- und Südeuropa ködern. Wie viele von seinen Ideen er im von Administration geprägten Alltag umsetzen würde, ist aber fraglich. Im UEFA-Tagungshotel unweit des Rheins war der einstige Weltklasse-Spielmacher an der Bar und in der Lounge weiter auf Werbetour und in Gespräche vertieft. Johansson verschwand derweil in seinem Zimmer.

"Wütend, wenn sich jemand unfair verhält"

Blatter hatte sich schon vor seinem Auftritt als Strippenzieher erweisen. Er hatte den eigentlich schon amtsmüden und auf das Angeln in seiner Heimat eingestellten Johansson zwar zu einer erneuten Kandidatur ermuntert, schlug sich aber nun öffentlich auf die Seite seines Ziehsohns und einstigen "persönlichen Beraters" Platini. "Wenn sich jemand unfair verhält, werde ich sehr wütend", reagierte Johansson auf die Parteilichkeit des Weltverbandschefs, gegen den er 1998 im Rennen um den FIFA-Thron unterlegen war.

Arne Richter und Andreas Schirmer/DPA / DPA

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