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Werder Bremen im Abstiegskampf: Gegen alle Gesetze

Bremen steht vor dem Abgrund. Und Trainer Thomas Schaaf bleibt. Sportdirektor Eichin stärkt ihm den Rücken, die Fans bejubeln ihn. Realitätsverweigerung?

Ein Kommentar von Tim Schulze

Nach dem Spiel von Werder Bremen in Leverkusen hat sich etwas Außergewöhnliches zugetragen. Trotz der 0:1-Niederlage der Bremer gegen den Tabellendritten haben die mitgereisten Werder-Fans ihr Team gefeiert – so laut und mit so großer Inbrunst, dass Mannschaft und Trainer Thomas Schaaf aus der Kabine zurückkamen und sich bei ihren Fans bedankten.

Die Huldigungen der Fans sind deshalb so außergewöhnlich, weil es für sie aktuell keinen Grund gibt zu feiern. Bremen befindet sich im freien Fall Richtung zweite Liga. Seit zehn Spielen hat die Mannschaft kein Spiel gewonnen, steht auf dem 14. Tabellenplatz und hat nur noch zwei Punkte Vorsprung vor den wiedererstarkten Augsburgern, die auf dem Relegationsplatz stehen. Die Leistungen in den vergangenen Wochen waren zum Teil desolat, wie etwa im Heimspiel am vergangenen Spieltag gegen Wolfsburg.

Bremer Führung verweigert Entlassungreflex

Dennoch gab Sportdirektor Thomas Eichin dem in Bedrängnis geratenen Trainer eine Jobgarantie für die letzten drei Spiele. Es sei "Nonsens", den Coach zu diesem Zeitpunkt zu entlassen. Er habe Vertrauen in die Arbeit von Schaaf.

Andere Vereine reagieren bei Abstiegsgefahr mit dem Reflex, den Cheftrainer zu beurlauben. Bremens Club-Führung verweigert sich diesem Reflex genau wie die Fans, die den Trainer demonstrativ unterstützten statt mit Pfiffen zu reagieren. Leidet man an der Weser angesichts der Abstiegsgefahr an einer kollektiven Realitätsverweigerung statt sich der realen Gefahr des Abstiegs zu stellen?

Eichin liegt richtig

Nein, die Bremer-Clubführung leidet weder an Realitätsverlust noch an falscher Nibelungentreue zum Trainer. Eichin hat völlig recht, wenn er zumindest bis zum Saisonende an Schaaf festhält. Es sind noch drei Spiele zu absolvieren, am nächsten Samstag kommt der direkte Konkurrent Hoffenheim ins Weserstadion, der noch fünf Punkte Rückstand auf die Grün-Weißen hat - ein echtes Endspiel für beide Teams. Mit einem Sieg kann sich Werder vom größten Druck befreien, ohne endgültig gerettet zu sein. Da ist der Zusammenhalt gefragt, den die Werder-Fans auf beeindruckende Weise demonstriert haben und kein hektischer Aktionismus. Denn dieser Sieg ist derzeit das Einzige, was zählt.

Bei der Niederlage gegen Leverkusen stimmte zumindest die kämpferische Einstellung, auch das spricht für die Richtigkeit von Eichins Entscheidung. Und dass der Club konsequent handeln kann, hat er im Fall von Eljero Elia und Marko Arnautovic gezeigt, die wegen ihrer nächtlichen Spritztour vorläufig suspendiert wurden. Bremen bleibt sich in der schwersten Stunde treu. Das ist lobenswert. Ob Schaaf nach 14 Jahren auch in der nächsten Saison der richtige Trainer für Werder ist, ist eine andere Frage. Wenn der Klassenerhalt geschafft ist, bleibt in der Sommerpause genug Zeit, Antworten auf die sportliche Krise zu finden.

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