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Entsetzen an der Weser Das Versagen: Wie Selbstüberschätzung und falsche Treue zum Bremer Abstieg führten

Florian Kohfeldt (l.) und Frank Baumann während eines Spiels im Disput mit dem vierten Offiziellen
Florian Kohfeldt (l.) und Frank Baumann während eines Spiels im Disput mit dem vierten Offiziellen
© Lukas Barth / DPA
Bremen ist wegen akuter finanzieller Probleme schon seit längerem ein natürlicher Abstiegskandidat. Doch den aktuellen Niedergang haben Trainer Florian Kohfeldt und Manager Frank Baumann zu verantworten.

Nach dem 24. Spieltag hatte Werder Bremen 30 Punkte auf dem Konto, ein Vorsprung von elf Zählern auf Arminia Bielefeld, das zu diesem Zeitpunkt auf dem Relegationsplatz stand. Nach dem 34. Spieltag verzeichnete Bremen 31 Punkte, während Bielefeld 35 Punkte ansammelte. Die Folge: Werder Bremen ist nach 41 Jahren aus der Bundesliga abgestiegen. Während Bielefeld drin bleibt.

Was ist in dieser Zeit passiert?

Die Antwort lautet: Ein Spannungsabfall, den der Klub nun teuer mit dem Abstieg bezahlt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Bremen sich mit einem herzerfrischend unansehnlichen Fußball durch die Saison gewürgt. Trainer Florian Kohfeldt hatte seiner Mannschaft ohne Rücksicht auf Verluste eine Mauer- und Sicherheitstaktik verordnet, die für Fans und Zuschauer eine Qual war, doch ihren Zweck erfüllte. Werder sammelte mühsam Punkt um Punkt. Teilweise glückliche Siege wie gegen Hertha BSC und Arminia Bielefeld rundeten das Bild ab.

Lange Fehlerkette

Doch nach dem 24. Spieltag kam der Bruch. Bremen holte aus den letzten zehn Spielen nur einen Punkt. Ein Grund war sicherlich, dass sich Werder zu früh zu sicher fühlte. In den Medien schon als gerettet gefeiert, übertrug sich diese Stimmung offenbar auf Mannschaft und Trainer – ein schwerer Fehler, den man besonders Kohfeldt anlasten muss.

Der zweite Fehler in der Schlussphase der Saison war, dass Manager Frank Baumann viel zu lange an Kohfeldt festhielt. Spätestens nach der desolaten Niederlage gegen Union Berlin hätte die Bremer Führung handeln müssen, hielt aber mit einem eigenartigen Ultimatum an Kohfeldt fest. Die Forderung: Die Mannschaft sollte im Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig einen engagierten Auftritt hinlegen, dann hätte man weiter Vertrauen in den Coach. Es kam so (was nicht schwer zu erwarten war) und Kohfeldt blieb für zwei weitere Spiele in der Verantwortung, bis Baumann die Reißleine zog und für das Saisonfinale Thomas Schaaf reaktivierte. Es war am Ende ein hilfloser Versuch.

Kohfeldt, der 2018 Bundesligatrainer des Jahres war, genoss als Mitglied der viel zitierten Bremer Familie viele zu lange einen Vertrauensvorschuss. Was Werder  früher oft stark machte, war in diesem Fall ein Makel.

Die vermasselte Schlussphase der Saison ist jedoch nur das Ende einer langen Fehlerkette, die die Bremer Führung schon seit 2019 fabrizierte. Sie begann mit dem Weggang von Max Kruse, der Werder in der Saison 2018/19 auf den achten Platz und in das Pokal-Halbfinale geführt hatte. Die gute Platzierung war glücklich (und der besonderen Dynamik einer Saison-Schlussphase zu verdanken, in der es vielen Mannschaften um nichts mehr geht), führte aber dazu, man zur neuen Saison von einem Europapokalplatz träumte. Kohfeldt und Baumann sollten eine Ära wie einst Schaaf/Allofs begründen – auch das so eine grandiose Fehleinschätzung 

Völlige Verkennung der eigenen Fähigkeiten

Schon damals begann man in Bremen in völliger Verkennung der eigenen Fähigkeiten die Vergangenheit als Maßstab für die Zukunft anzulegen – ein Fehler, den man bislang immer hämisch beim Erzrivalen Hamburger SV verortete.

Die Folge war: Statt glanzvoller Europapokalabende folgte der Absturz. Baumann, der so erfolgreiche Transfers wie Kruse und Thomas Delaney getätigt hatte, gelang es nicht, insbesondere für Spielmacher Kruse adäquaten Ersatz zu finden. Für viel Geld verpflichtete Werder Spieler wie Yuya Osako oder Ömer Toprak, die den Ansprüchen nicht genügten und kaum Wiederverkaufswert haben. Das hochgelobte Talent Milot Rashica verkam vom Hoffnungsträger zum Problemfall. Schwer gebeutelt durch eine extreme Verletzungsserie rettete sich Werder schon in der vergangenen Saison nur mit viel Glück in die Relegation. Für die neue Saison fehlte das Geld für neue Spieler, Werder musste sogar Mittelfeld-Motor Davy Klaassen abgegeben, ohne eine Nachfolger zu suchen.

In dieser Saison lief es dann zunächst besser. Seiner spielerisch limitierten Mannschaft verordnete Kohfeldt eine Defensiv-Ordnung, die bis zum 24. Spieltag funktionierte. Doch am Ende war die Anhäufung von Fehlern zu groß.

Der Sturz in die 2. Liga wiegt schwer, denn Werder wird sein Budget um 40 Prozent senken müssen. Und was das Vorhaben direkter Wiederaufstieg betrifft, auch da hilft in der Einschätzung ein Blick zum HSV, der es in drei Jahren nicht schaffte. Dafür haben wir wieder ein echtes Nordderby. Wahrscheinlich für längere Zeit.


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