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Werder-Manager Allofs: "Uns fehlt das letzte Etwas"

Platz zehn in der Bundesliga, noch kein Sieg in der Rückrunde: Werder Bremen steckt in der Krise. Im Interview mit stern.de spricht Sportdirektor Klaus Allofs über die Gründe der sportlichen Talfahrt, einen möglichen Schnitt im Bremer Kader - und die Sehnsucht nach Stars.

Herr Allofs, statt in der Winterpause nach der Ausleihe von Sanogo einen benötigten Stürmer einzukaufen, haben Sie sich auf dem Transfermarkt zurückgehalten. Bereuen Sie jetzt Ihre restriktive Haltung? Auch gerade nach dem Milan-Spiel, in dem Werder einen echten Vollstrecker neben Pizarro gut hätte brauchen können…

Natürlich haben wir geschaut, ob sich etwas machen lässt. Aber nicht nur für zwei oder drei Monate. Die Frage, die wir uns gestellt haben, lautete: Kann man im Winter einen Transfer vorziehen, den man vormals vielleicht erst zur neuen Saison geplant hatte? Aber das war nicht machbar. Man darf darüber hinaus auch nie vergessen, dass unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind. Es ist nicht so, dass wir in Bremen Unsummen ausgeben könnten. Zudem haben wir mit Almeida, Rosenberg, Pizarro und Harnik gute Stürmer. Die momentane Verfassung der Mannschaft färbt aber eben auch auf sie ab. Die Stürmer haben nicht die absolute Sicherheit im Abschluss. Sanogo gehen zu lassen, war eine sinnvolle Entscheidung - übrigens auch finanziell betrachtet.

Top-Verstärkungen sind also aus finanziellen Gründen bei Werder nicht drin. Besteht da nicht die Gefahr, als graue Maus im Niemandsland der Liga, also da wo Werder jetzt steht, zu enden?

Keineswegs. Wir sind doch damals auch aus dem Niemandsland gekommen - und zwar ohne den großen Transferschlag, sondern mit gezielten Verstärkungen. So werden wir das auch in Zukunft machen. Auf der einen Seite ist man stolz auf unsere Geschäftsphilosophie und darauf, dass der Club gesund da steht, auf der anderen Seite ist da immer die Sehnsucht nach großen Namen. Aber große Namen kosten großes Geld. Noch einmal: Wir können in Bremen leider nur in begrenztem Maße investieren.

Inwiefern hat Sie der 7,8 Millionen-Euro-Fehlgriff Carlos Alberto bei Transfers vorsichtiger gemacht?

Carlos Alberto war ein teurer Transfer. Er hat nicht eingeschlagen, das kann man nicht wegdiskutieren. Aber: Man darf bei Transfers keine Angst haben, man muss auch mal mutig sein. Insofern hat mich das nicht vorsichtiger gemacht. Mich persönlich nicht, aber vielleicht das Umfeld. Einer der ersten Transfers, die wir gemacht haben, war Julio Cesar. Das war auch gewagt. Klose war mutig, Micoud war mutig, Diego war mutig, den haben wir von der Bank beim FC Porto verpflichtet. Wenn man nur das macht, was jeder erkennt, dann kommt man nicht weiter. Unsere Bilanz ist gut. Werder Bremen hat Substanz und Potenzial. Klar ist aber auch: Es kann mal daneben gehen - vor allem auch auf dem Niveau, auf dem wir uns bewegen.

In Bremen und Umgebung ist es unruhig geworden. Werder steht auf Platz 10 der Tabelle. Es gibt auch Kritik an Ihrer Person. Es heißt, der Spürhund Allofs habe seinen Riecher verloren und den Kader falsch zusammengestellt. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Mesut Özil ist gerade deutscher Nationalspieler geworden. Das mal nebenbei. Aber sie haben natürlich Recht, es kann nicht unser Anspruch sein, auf Platz 10 zu stehen. Und ich bin übrigens auch fest davon überzeugt, dass es am Ende eine bessere Platzierung wird. Aber es ist auch keine Selbstverständlichkeit, dass die Champions League für uns reserviert ist. Über die letzten fünf Jahre haben wir permanent am Limit gespielt, der Aufwand war jedes Mal gewaltig. Dass wir möglicherweise einmal unsere Ziele nicht erreichen, damit muss man rechnen. Klar ist, dass wir damit unzufrieden sind. Manchmal braucht man ein Jahr, um sich neu zu strukturieren und um durchzupusten. Dann kann man wieder loslegen.

Wird es im Sommer einen Schnitt im Kader geben? Wie gut kann Werder noch sein mit den alten Kämpen Frings und Baumann? Braucht man da nicht auch was Junges, Gieriges?

Unsere Mannschaft unterliegt immer einem Wandel, einem stetigen Wandel. Nach dieser Saison wird das wahrscheinlich auch so sein. Wir müssen darauf reagieren, was wir während der Saison von den Spielern sehen. Dann entscheiden wir. Özil, Boenisch, … der Wandel ist ja teilweise schon auf dem Weg gebracht. Wir werden sehen, wie sich die Mannschaft in der neuen Saison verändert. Das hängt von vielen Faktoren ab. Fakt ist: Jede Veränderung muss Sinn machen und machbar sein.

Immer wieder sprechen die Spieler, wie zuletzt Diego im Sportstudio, von fehlender Einstellung, von mangelnder Konzentration. Manchmal hat man das Gefühl, dass die Spieler von Werder Bremen satt sind….

Unsere Verträge sind zu großen Teilen erfolgsbezogen. Da sollte das Interesse der Spieler schon groß sein, Spiele auch zu gewinnen. Das Team ist willig. Aber wir sind trotzdem im Moment in den wichtigen Phasen eines Spiels nicht hungrig genug und auch unkonzentrierter als der Gegner. Dieses letzte Etwas, das fehlt uns in dieser Saison. Das war in den vergangenen Jahren anders. Aber diese Saison fing auch schon mit Schwierigkeiten an. Das lässt sich dann im Verlaufe einer Bundesliga-Runde schwer korrigieren. Da war der Streit um die Rechtmäßigkeit der Olympia-Teilnahme von Diego, der dann die Vorbereitung nicht mit machen konnte. Auch Pizarro kam später dazu, ebenso wie die EM-Fahrer Frings und Fritz, Mertesacker musste operiert werden. Dann kamen die Sperren von Özil ,Diego und Pizarro, all diese Dinge haben dazu geführt, dass wir bis zum heutigen Tag nicht die nötige Ruhe und Konstanz entwickeln konnten. Auch die Dinge, die um Diego herum passiert sind, haben abgelenkt. Vom Potenzial der Mannschaft bin ich dennoch weiter überzeugt. Es muss aber gemeinsam als Mannschaft abgerufen werden. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Spieler das auch können.

Erreicht Trainer Thomas Schaaf eigentlich in einem ausreichenden Maße die Psyche der Spieler?

Davon bin ich fest überzeugt. Thomas Schaaf arbeitet auf vielen Ebenen mit dem Kader. Und das geht weit über die Arbeit auf dem Trainingsplatz hinaus. Er führt viele Einzelgespräche und in denen geht es natürlich auch um die richtige Einstellung. Er macht den Jungs klar, wie sie die Dinge anpacken müssen. Unsere Spieler wissen genau, was derzeit den Unterschied ausmacht. Weil Thomas Schaff es ihnen sagt. Und die Spieler sind bemüht, diese Dinge abzustellen.

Wie bewerten Sie momentane Arbeit von Thomas Schaaf? In Interviews wirkte er zuletzt dünnhäutig. Können Sie sich vorstellen, dass Thomas Schaaf - wenn die Erfolge weiter ausbleiben - während der Saison hinschmeißt?

Das glaube ich nicht, dazu gibt es auch gar keinen Anlass. Thomas Schaaf ist motiviert und total engagiert, die Situation zu verbessern. Aber - und das gilt für mich genauso wie für Thomas Schaaf - wir sind keine Träumer, wenn es darum geht, unsere Möglichkeiten hier bei Werder realistisch einzuschätzen. Fünf Jahre hintereinander in der Champions League - das ist für einen Verein wie Werder wirklich keine Selbstverständlichkeit.

Was heißt das? Brennt bei Ihnen persönlich noch das Feuer, oder nicht?

Wir haben hier nur eines im Sinn und das ist der Erfolg von Werder Bremen. Der ist ja übrigens auch mit dem persönlichen Erfolg verbunden. Das Feuer brennt in mir unverändert. Gerade jetzt ist es eine ganz besondere Herausforderung.

Abschließende Frage, Herr Allofs: Wie stehen Sie zu der 50 +1-Regel, über die bald auf der Mitgliederversammlung der DFL abgestimmt werden soll? Würden sie einen Investor bei Werder Bremen begrüßen?

Ein Investor müsste zu Werder Bremen passen und sein Engagement könnte bei uns nur unterhalb der 50%-Grenze liegen. Ich glaube übrigens nicht, dass sich bei Aufhebung der Regel die Situation der Bundesliga groß verändern würde. Das Niveau der Liga bliebe ähnlich. Natürlich sucht ein Club wie Hannover 96 nach Möglichkeiten, um an die oberen Plätze der Tabelle heranzukommen. Über den Wegfall von 50 + 1 sehe ich das aber eher nicht. Mehr Geld bedeutet ja vor allem auch mehr Geld für die Berater und Spieler. Die Stars würden trotzdem nicht in Scharen in die Bundesliga wechseln, dafür besteht die Gefahr der Fremdbestimmung. Wir sollten es bei der bisherigen Regelung belassen.

Das Interview führte Klaus Bellstedt

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