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Kommentar: Gehemmt, arrogant und pomadig

Ronaldinho und Co. mogeln sich bei der WM weiter durch das Turnier. Im Achtelfinale gegen Ghana war Brasilien über weite Strecken das schlechtere Team - und gewann 3:0. Wie lange kann das noch gut gehen?

Von Klaus Bellstedt, Dortmund

Es lief die fünfte Minute im Dortmunder WM-Stadion, die dem erwartungsvollen Publikum Hoffnung auf die Wiedergeburt der wahren Selecao machte. Kaka hatte mit einem wunderbar öffnenden Pass Ronaldo auf die Reise geschickt. Und der Stürmer von Real Madrid ließ noch einmal sein großes Können aufblitzen, als er Ghanas Torwart "auswackelte" und die Kugel kunstvoll zur frühen Führung für Brasilien über die Linie drückte. Nun konnte sie beginnen, die große Party.

Aber noch ehe die 65.000 Gäste der westfälischen Samba do Brasil so richtig in Tanzlaune kommen sollten, war die Fete auch schon wieder vorbei. Als hätte jemand das Licht angeknipst und den Stecker vom CD-Player herausgezogen. Es war die Mogelpackung Samba, die die Selecao gegen Ghana ablieferte. Wie gegen Australien, wie gegen Kroatien und phasenweise auch wie gegen Japan. Was ist los mit dieser Mannschaft, die in Deutschland mit dem Ziel der Titelverteidigung angetreten ist? Antwort: nicht mehr viel!

Wer ist Ronaldinho?

Die physisch starken und noch dazu kombinationssicheren Ghanaer deckten die Schwächen dieses brasilianischen WM-Teams 2006 schonungslos auf. Vor allem die Defensive offenbarte gegen die "Black Stars" wiederholt Defizite. Insbesondere die beiden Altstars von vorgestern, Roberto Carlos und Cafu auf den wichtigen Außenpositionen entwickeln sich mehr und mehr zu ernsthaften Problemfällen für Trainer Carlos Alberto Parreira. Sowohl Roberto Carlos, als auch Kapitän Cafu haben ihren Zenit längst überschritten. Ihr Spiel entspricht nicht mehr den Anforderungen modernen Defensivfußballs. Warum der Coach weiter an beiden festhält, bleibt sein Geheimnis. Zumal mit Cicinho und Gilberto Silva zwei junge und hungrige Alternativen bereitstehen.

Aber es ist nicht nur die Abwehr, die krankt. Ausgerechnet zur WM hat sich der beste Spieler der Welt eine Auszeit genommen. Ronaldinho schleppt die Bälle nur noch wie ein alter Gaulesel durchs Mittelfeld. Wo sind diese wunderbaren Dribbelings, seine einzigartige Ballbehandlung und sein instinktiver Abschluss geblieben? Keiner weiß es. Natürlich sehen wir pro Spiel von Ronaldinho immer zwei drei überragende Szenen zum Zungeschnalzen, aber diese Kunststückchen sind brotlos. Zählbares springt viel zu selten dabei heraus.

WM-Aus rückt näher

Noch ein weiterer hochgelobter Schlüsselspieler der Selecao ist zum falschen Zeitpunkt außer Form: Kaka. Das Wunderkind vom AC Milan glänzte gegen Ghana gleich mit einer ganzen Armada von Fehlpässen - und wurde auch deshalb aus der Partie genommen. Nichts zu sehen von Kakas spektakulären Antritten, für die er in der italienischen Serie-A berühmt-berüchtigt ist. Aber mal weg von den Einzelbeispielen und hin zur vielleicht wichtigsten Erkenntnis aus dem Match gegen Ghana. Spielanlage und Auftreten der Brasilianer wirkten erneut seltsam gehemmt. Manche mögen es auch arrogant nennen. Einigen kann man sich wohl auf pomadig. Echte Spielfreude sieht jedenfalls anders aus.

Und hätte die ghanaischen Stürmer vor dem Tor von Dida nicht regelmäßig eine rätselhafte Fußkrankheit befallen, für die Selecao wäre das Turnier wohl schon nach dem Achtelfinale beendet gewesen. Nun darf der ehemals unantastbare Topfavorit auf den WM-Titel also noch mal ran. Es mutet schon kurios an, dass ausgerechnet der zuletzt so übel gescholtene Ronaldo vor dem Duell mit Frankreich zum einzigen Hoffnungsträger einer ganzen fußballverrückten Nation avanciert. Das Grundgerüst der Selecao steht in der Tat auf wackeligen Füßen, und das WM-Ende für Brasilien rückt unaufhaltsam näher.

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