HOME

Stern Logo WM 2006

"Bellstedt haut drauf" - Teil 7: Bekenntnisse einer Fifa-Sklavin

Frauenhandel à la Fifa: Mit den schönsten Versprechungen auf's Feld gelockt und dann am Einlassgatter versauern. Wer bei der WM als Volunteer arbeitet, ist selbst Schuld. WM-Reporter Klaus Bellstedt hat sich die Leidensgeschichte seiner persönlichen Lieblings-Helferin angehört.

Meinen heutigen Tagebuch-Eintrag widme ich einzig und allein ihr: Julia. Sie ist eine von insgesamt 15.000 Volunteers bei dieser WM. Und sie gehört schon jetzt, nach nicht einmal einer Woche fußballerischen Ausnahmezustands in Deutschlands, zu meinen persönlichen Helden. Vielleicht sogar noch vor Philipp Lahm, Arjen Robben oder David Beckham. Julia ist 22, stammt aus Köln und studiert dort Medizin. Julia fällt mir in ihrem hellblauen Oberteil, der dunkelblauen Hose und dem umgedrehten Baseballcap ins Auge, wobei das weniger an ihrem Outfit liegt. Die semi-fesche Adidas-Uniform ist schließlich vorgegeben, alle freiwilligen Helfer tragen den Fummel. Wer jetzt glaubt "die" anderen Reize seien Schuld, irrt.

Entnervte Schönheit

Nein, es ist ihr absolut abgenervter Gesichtsausdruck, der mich kurz vor dem Stadiontor zu ihr hinzieht. Sehen so etwa die Aushängeschilder des WM-Standortes Deutschlands aus? Eigentlich soll Julia mit einem Lächeln auf den Lippen das Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" (Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?) vorleben. Privater Stress, vermute ich. Vielleicht ist ihr der Freund abhanden gekommen. Ich also hin: "Tach auch, wo geht's denn hier zum SMC (Fifa-Sprache für Stadium Media Center)?" Julia stumpf: "Immer den Schildern nach". Holla, nun mal langsam junge Dame. Ich stell mich komplett doof und frag, ob sie mich nicht kurz bis dorthin begleiten könne. Bei dem ganzen Wirrwarr hier täte ich mich so ein bisschen schwer mit der Orientierung. Widerwillig erfüllt die kühle Schönheit meinen Wunsch.

Rotz und Wasser heulen

Nächster Versuch: "Und, wie ist so der Job als Volunteer?" Volltreffer: "Beschissen!" "Warum?" "Darf ich dir nicht sagen. Die Fifa hat uns verboten, während unserer Arbeitszeit mit Journalisten zu sprechen." Julia tut es schließlich doch, weil ich nicht locker lasse. Sie erzählt mir, dass man ihr zugesagt habe, WM-Spiele live sehen zu können. Das sei schon immer ihr größter Traum gewesen. Tatsächlich versauere sie jetzt an der VIP-Einlasskontrolle und muss gute Miene zum bösen Spiel machen. Das Überlassen der kompletten Bekleidungsausrüstung, Verpflegung während ihrer Einsätze und eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr taugen als Trost für Julia nicht. Und die Kohle? Welche Kohle! Trotz des vielen Geldes, das mit der WM eingenommen wird, für die Volunteers fällt davon nichts ab. Und das, obwohl sie während der WM hart arbeiten und dabei gut und gerne eine normale Arbeitswoche füllen. Von der Fifa ist das so beabsichtigt, sagt Julia. Kein Wunder, denke ich. Herr Blatter braucht dein Geld.

Durchhalten am Gatter

Sie tut mir Leid, unendlich Leid. Weil ich sie verstehen kann. Als Kind stand ich früher einmal vor den verschlossenen Toren des Weser-Stadions, ohne Karte kein Einlass. Drinnen hörte man den Ächzen und Stöhnen der Zuschauer, den Jubel und das Entsetzen. Einem Fußballfan bricht es da das Herz. Rotz und Wasser heulte ich damals. "Schmeiß den Knebel-Job und schau dir Spiele mit viel Bier beim Public Viewing mit deinen Freunden an", sag ich zu ihr. Super Tipp, fand ich. Nein, das sei nicht ihre Art. Und dann bricht es aus ihr heraus: "Du bist doch Journalist. Ändere meinen Namen und schreib meine Geschichte auf." Sie lacht, das erste Mal. Julia, ich denk an dich!

PS: Liebes WM-Organisationskomitee, den richtigen Namen dieses Volunteers werden sie von mir nie erfahren, keine Chance!

Wissenscommunity