Nach dem WM-Sieg gegen Brasilien Holland verdammt sich zum Weltmeistertitel


Nach ihrem Sieg gegen Brasilien kennt das Selbstbewusstsein der Niederländer kaum noch Grenzen. Alles redet bereits vom Weltmeistertitel. Oranjes Brust ist so breit, dass sie zu platzen droht.

Arjen Robben feierte mit seinen Eltern in der Kabine, Bert van Marwijk drückte jeden Spieler an seine Brust, und in der Heimat erreichte die "Oranje"-Manie ihren vorläufigen Höhepunkt: Nach dem "historischen" Sieg im WM-Viertelfinale gegen Brasilien sind die Niederlande bereit für den ganz großen Coup. "Jetzt wollen wir den Titel", sagte Stürmer Robin van Persie nach dem denkwürdigen 2:1 gegen den Rekordweltmeister, mit dem die "Elftal" ihren Ruf des ewig Gescheiterten ablegte und den Traum der Samba-Kicker vom sechsten WM-Titel eindrucksvoll zerstörte.

"Das Wunder von Port Elizabeth", titelte die Tageszeitung "De Telegraaf" am Samstagmorgen. "Dies ist die WM von Oranje, die WM der Niederlande", jubelte "De Volkskrant". Im Fokus der Lobeshymnen stand besonders jener Mann, der sich in Südafrika drei Wochen lang Tag für Tag anhören musste, seine Mannschaft spiele keinen schönen Fußball - Bondscoach Bert van Marwijk. "Das ist vielleicht der schönste Sieg als Trainer. Mit Feyenoord habe ich den Uefa-Pokal gewonnen, aber das hier ist schon sehr groß", sagte der frühere Trainer von Borussia Dortmund, der beim BVB keinen großen Erfolg hatte. Van Marwijk lieferte gegen die "Seleção" sein Meisterstück als niederländischer Nationaltrainer.

45 Minuten lang wurden die Holländer von den Brasilianern in deren stärkster Halbzeit nahezu vorgeführt. Doch van Marwijk behielt kühlen Kopf, schwor sein in den vergangenen Jahren gewachsenes Team in der Pause neu ein und wurde mit einer Gala-Show im zweiten Durchgang belohnt. "In einer betäubenden zweiten Hälfte gegen Brasilien schuf die niederländische Elftal auf Basis der Lektionen von Bondscoach van Marwijk ein Märchen", analysierte "De Volkskrant".

Glücksfall Marwijk

Seit van Marwijk die "Efltal" im Sommer 2008 von seinem glücklosen Vorgänger Marco van Basten übernommen hat, hat das mit Stars gespickte Team eine erstaunliche Entwicklung erlebt. Früher als glücklose Ballzauberer verspottet, zeigen die "Oranjes" jetzt jene Tugenden, die einen Weltmeister ausmachen: weiter spielstark, aber vor allem widerstandsfähig, gut organisiert und mit festem Glauben in die eigene Stärke.

"Ich habe vom ersten Tag an gesagt, wir haben eine Mission: Weltmeister werden", meinte van Marwijk. "Ich bin oft ausgelacht worden, aber heute haben wir einen wichtigen Schritt in Richtung Erfüllung unserer Mission gemacht."

Der 58-Jährige genoss den Triumph am Freitagabend im sonnenüberfluteten Port Elizabeth in vollen Zügen. Nach dem Schlusspfiff lag er sich minutenlang mit Co-Trainer Frank de Boer in den Armen, der mit seiner Erfahrung aus vielen gescheiterten Missionen einen wichtigen Anteil am "neuen Holland" hat. Danach schritt er wie ein großer Triumphator über den Platz, saugte all die Emotionen und Bilder von jubelnden Fans und Spielern in sich auf.

Wollen und wirklich wollen

"Es gibt einen Unterschied, ob man etwas will, oder etwas wirklich will", nannte van Marwijk sein Motto, das die Spieler um Wirbelwind Robben und den im zweiten Durchgang nicht nur wegen seines Kopfballtores aufdrehenden Wesley Sneijder verinnerlicht haben. "Das ist nur der nächste Schritt", sagte der Hamburger Joris Mathijsen, der kurz vor dem Spiel verletzungsbedingt passen musste und auf der Bank mitfieberte. "Dieses Viertelfinale war historisch. Ich bin stolz, dass ich in diesem Team spielen darf", meinte Bayern-Kapitän Mark van Bommel.

Nach der Rückkehr nach Johannesburg gönnten sich Robben und Co. eine kleine Feier, doch schon am Samstagmorgen richteten sie den Blick auf den Halbfinalgegner Uruguay (Dienstag, 20.30 Uhr). "In dieser Gruppe steckt so viel. Wir wollen mehr. Wir wollen alles", sagte Angreifer Dirk Kuyt.

DPA/ben DPA

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