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WM 2010 - Anelka-Rauswurf: "F... dich, du Hurensohn"

Frankreichs Nationalmannschaft einen Sauhaufen zu nennen, ist noch untertrieben. Der heftige interne Streit ist nun öffentlich geworden und unterhält das Publikum mit landestypischen Flüchen bei Laune. Da können auch Frankreich-Urlauber noch was lernen.

Bei Uli Stein hat es vor 24 Jahren schon gereicht, dass er seine Fußball-Majestät Kaiser Franz Beckenbauer als "Suppenkasper" bezeichnete, um nach Hause geschickt zu werden. Das ist nun am auch in Südafrika mit Nicolas Anelka geschehen. Das Enfant terrible der französischen Nationalmannschaft hatte zuvor den umstrittenen Trainer Raymond Domenech mit einer Reihe von Obszönitäten bedacht. Der Angreifer musste daraufhin das Quartier in Knysna verlassen.

"Va te faire enculer, sale fils de pute"

Ausgelöst wurde der Skandal durch die Sporttageszeitung "L'Équipe". Auf ihrer Titelseite hatte am Samstag ein ungehöriger Satz gestanden: "Va te faire enculer, sale fils de pute." Moderatoren französischer Radiosender brachen sich beinahe die Zunge ab, um die Formulierung zu umgehen, der englische Dienst der Nachrichtenagentur AFP veröffentlichte vor seiner Meldung einen Warnhinweis: Vorsicht, obszöne Wörter! "Fick dich in den Arsch, du dreckiger Hurensohn", lautet der Satz auf Deutsch.

Die Worte waren so oder ähnlich bereits am vergangenen Donnerstag in der Halbzeit des Spiels der Franzosen gegen Mexiko (0:2) gefallen und irgendjemand hatte sie an die Presse getragen. "Das kommt von jemandem, der ein Teil der Gruppe ist und dem französischen Team etwas Schlechtes will", sagte Mannschaftskapitän Patrice Evra. "Wir können uns nichts vormachen, der Journalist hat die Geschichte nicht einfach so erfunden." Evra sagte auch, man müsse ja nicht immer einer Meinung mit dem Trainer sein, "aber ob du ihn magst oder nicht, er bleibt immer dein Chef".

Anelka hatte "hitzige Unterredung mit dem Trainer"

Dass Nicolas Anelka diesen Satz überhaupt gesagt hat, ist nicht einmal sicher. Er verteidigte sich mit den Worten, die veröffentlichten Obszönitäten habe er so nie gesagt und entschuldigen wolle er sich deshalb auch nicht. "Ich hatte eine hitzige Unterredung mit dem Trainer in der Kabine, vor allen Mannschaftskameraden."

Der Adressat dieser wenig subtilen Beleidigung, Trainer Domenech, platze nun der Kragen: "Die Entscheidung, ihn zu entlassen, ist die richtige", sagte er. Beinahe hätte der Trainer noch darüber hinweggesehen, was da am Donnerstag in der Kabine passiert war. Gut, Anelkas Reaktion sei "nicht die beste gewesen, aber ich hätte das intern geregelt", sagte er. Durch den Verrat aber und die Veröffentlichung hätten sich die Dinge aber geändert, so Domenech.

Dass Anelka und Domenech irgendwann aneinandergeraten würden, war irgendwie abzusehen, erstaunlich ist allenfalls, dass es derart lange gedauert hat. Der 31 Jahre alte Angreifer wurde dereinst mit dem Satz auffällig: "In Frankreich macht man komische Menschen zum Nationaltrainer." Kurioserweise holte dieser komische Mensch namens Domenech den komischen Menschen namens Anelka wieder zurück in die Nationalmannschaft, nachdem Anelka von Vorgänger Jacques Santini vor der WM 2002 aus dem Kader geworfen worden war.

Anelkas Kommentare sind inakzeptabel

Der französische Verband konnte sich nicht so richtig entscheiden, wie er nun mit dem Fall umgehen soll: "Die Kommentare von Nicolas Anelka sind inakzeptabel für die FFF und die Werte, für die wir stehen", sagten die Funktionäre nach Anelkas Rauswurf. Am Ende klang es aber beinahe so, als entschuldige sich FFF-Präsident Jean-Pierre Escalettes bei Anelka: "Nach seinem Rauswurf hat er sich absolut würdevoll und nobel verhalten."

Die Äußerung an sich scheint gar nicht einmal das größte Problem zu sein: "Das Problem", so Patrice Evra, "ist der Verräter, der unter uns ist". Franck Ribery von Bayern München ergänzte: "Ein Verräter hat zu viele Dinge nach außen gebracht, es wäre eine Erleichterung zu wissen, wer es war." Für derartige Vorfälle, so Kapitän Evra, sei aber nicht eine Person alleine verantwortlich - es seien "alle": "Der Trainerstab, der Verband, die Spieler. Wir sitzen alle im selben Boot. Wenn wir sinken, sinken wir gemeinsam."

Nur die Spitze des Eisbergs

Der Fall Anelka ist aber offensichtlich nur die Spitze des Eisbergs. Dass sich in der Equipe Tricolore mittlerweile mehrere Gruppen gebildet haben, die sich untereinander nicht leiden können, gilt als offenes Geheimnis. Nach dem Spiel gegen Mexiko sprach der stille Yoann Gorcuff mit Journalisten - und duckte sich weg, als hinter ihm Anelka und Ribery vorbeiliefen. Da habe der Klassenbeste "dem Rüpel der Schule" Platz gemacht, "um keinen Schlag auf den Hinterkopf zu bekommen", schrieb L'Equipe. Die einst beste Mannschaft der Welt ist im Jahr 2010 nur noch ein Trümmerhaufen.

P.S.: Was sagen Sie - hat Raymond Domenech richtig gehandelt? Diskutieren Sie über das Spiel aufFankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

SID/nik / SID

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