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WM 2010 - Deutschland im Viertelfinale: Wir gewinnt

Nach dem grandiosen 4:1 über England steht die deutsche Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale. Der Druck ist weg, die Leichtigkeit zurück. Plötzlich scheint alles möglich.

Von Klaus Bellstedt, Bloemfontein

Da standen sie nun nach dem Trikottausch mit freien Oberkörpern im Mittelkreis des "Free State Stadium" von Bloemfontein und tauschten Nettigkeiten aus. Bastian Schweinsteiger und Frank Lampard, die beiden Anführer ihrer Mannschaften, sprachen ganz offensichtlich über die Szene des Spiels. Der überragende Spiritus Rektor des deutschen Spiels lachte milde. Und es spricht für den Engländer, den sie zu Hause auf der Insel nur "Lamps" rufen, dass er mitlachen konnte. Das lag wohl auch an der Tatsache, dass das Spiel 4:1 für Deutschland ausging - und nicht 2:1.

Das "Wembloemfontain"-Tor war nicht spielentscheidend

Man mag sich nicht vorstellen, wie groß der Sturm der Entrüstung bei der englischen Mannschaft gewesen wäre. Wenn nämlich das nicht gegebene Tor von Frank Lampard am Ende spielentscheidend gewesen wäre. In der 38. Minute tupfte der Ball nach einem Distanzschuss für jeden im Stadion, bis auf Schieds- und Linienrichter, klar ersichtlich von der Unterkante der Latte einen halben Meter hinter der Torlinie auf.

Aber so?! Hatten die Engländer, allen voran der verhinderte David Beckham, zur Pause beim Kabinengang den Unparteiischen wegen seines Blackouts noch rüde beschimpft, verabschiedeten sich die Three Lions jetzt mit Anstand und viel Respekt von den deutschen Spielern. Zu offensichtlich war ihre Unterlegenheit, zu verdient der 4:1-Erfolg des DFB-Teams. "Wir dürfen dieses nicht gegebene Tor von 'Lamps' nicht als Ausrede anführen. Es wäre ein Lüge, zu behaupten, dass dieser Moment das Spiel entschieden hat. Die Deutschen waren über 90 Minuten das bessere Team", so sah es denn auch Steven Gerrard, der Kapitän der Engländer hinterher.

Die Mannschaft ging nicht wie ein Außenseiter zu Werke

Das junge Durchschnittalter, die daraus resultierende Unerfahrenheit: Die deutsche Mannschaft ging als Außenseiter in die Partie gegen England. Erleichtert, das Minimalziel WM-Achtelfinale erreicht zu haben, ging die Löw-Truppe so gar nicht wie ein Außenseiter zu Werke. Nach zwei eher schwächeren Matches gegen Serbien und Ghana kehrte gegen England die Leichtigkeit aus dem WM-Auftakt zurück. Die blitzschnellen Kombinationen zwischen Özil, Müller und Klose, das schnelle Überbrücken des Mittelfeldes, das Ablaufen des Gegners in der Defensive, all das erinnerte stark an Durban und das 4:0 gegen Australien.

Joachim Löw geizt normalerweise mit Lob. Und falls er es mal nicht tut, dann dosiert er klug. Am Abend in Bloemfontein schüttete er es ausnahmsweise einmal in Kübeln auf seine Mannen aus: "Das war eine grandiose Leistung der Mannschaft. Wir haben taktisch hervorragend gespielt und waren immer aggressiv." Unglaubliche Kombinationen hatte der Bundestrainer gesehen. Und am Ende habe man eiskalt die entscheidenden Tore gemacht. Natürlich hätte Löw den Doppeltorschützen Thomas Müller, den vor Willenskraft fast platzenden Miro Klose oder auch Arne Friedrich, Bastian Schweinsteiger oder Mesut Özil hervorheben können. Er tat es nicht. Wohlwissend, dass im Kollektiv die Stärke dieses verschworenen Haufens liegt. "Ich möchte niemanden nennen, jeder hat heute gegen England diszipliniert seine Rolle eingenommen", sagte Löw nur.

Kollektivgedanke verinnerlicht

Die Mannschaft hat den Kollektivgedanken längst verinnerlicht. Arne Friedrich, der bis jetzt eine famose WM spielt, sprach nach dem 4:1-Erfolg über England offen über das Erfolgsgeheimnis des Teams: "Die Mannschaft lebt davon, dass sie neben und abseits des Platzes gemeinsam unheimlich viel Spaß hat. Seitdem ich dabei bin, war die Harmonie noch nie so groß wie dieses Mal." Arne Friedrich hat 67 Länderspiele in seiner Karriere absolviert. Er wird wissen, worüber er spricht.

Thomas Müller, der hinterher von der Fifa zum "Man of the Match" gewählt wurde, ist erst 20 Jahre alt und hat bis jetzt lediglich sechs DFB-Einsätze absolviert. Aber Bayerns Überflieger der abgelaufenen Saison hat das "System Löw" verstanden. Mehr noch: Müller lebt es auf dem Platz aus. "Wenn man Tore macht, die das ganze Team erlösen, sind das echte Glücksmomente." Jeder arbeitet in dieser Mannschaft für das große Ganze. Das ist auch bei Mesut Özil gut zu beobachten, dem spielstärksten Akteur im WM-Kader von Joachim Löw. Özil war es nach dem Sieg über Ghana fast peinlich über seinen genialen Siegtreffer zu sprechen. Lieber erwähnte er die "tolle Arbeit der ganzen Mannschaft", die sein Tor erst möglich gemacht habe.

In welcher Phase ist das Team im Viertelfinale?

Was ist bei der WM in Südafrika mit diesem Kollektiv nun noch möglich? Joachim Löw sprach davon, weiter nicht in der Favoritenrolle sein zu wollen. Er wies kurz vor dem Rückflug der Mannschaft nach Pretoria noch einmal daraufhin, dass ein Team während eines großen Turniers immer "unterschiedliche Phasen" durchlaufe. So gesehen befindet sich die Nationalmannschaft auf einem guten Weg. Einige Täler sind schon durchschritten. Gegen England beim 4:1 hat die Mannschaft zum großen Sprung angesetzt. Plötzlich scheint alles möglich.

P.S.: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft nach dem 4:1-Sieg gegen England zu? Winkt jetzt der Titel? Diskutieren Sie über das Spiel auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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