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WM 2010 - Spanien erstmals Weltmeister Auch mal hässlich gewinnen


Spanien ist neuer Fußball-Weltmeister. Auch wenn del Bosques Mannschaft die Holländer im Finale nicht mit ihrem gefürchteten Fußballschach matt setzte: Der 1:0-Sieg war trotzdem verdient.
Von Klaus Bellstedt, Johannesburg

Die Lichtgestalt des deutschen Fußballs rümpfte hoch oben in ihrer Loge unter dem Dach des Stadions die Nase. Franz Beckenbauer nahm sogar kurz seine Brille ab und schüttelte milde lächelnd, so wie man das vom Kaiser kennt, seinen Kopf. Gerade hatte Mark van Bommel unten auf dem Rasen Spaniens Andres Iniesta böse umgegrätscht. Ja mei, der Mark, so isser halt, mag sich Bayerns Ehrenpräsident gedacht haben. Zu dem Zeitpunkt, als das niederländische Raubein für seine rüde Attacke die dunkelgelbe Karte sah, waren im WM-Finale zwischen Spanien und den Niederlanden gerade mal 22 Minuten gespielt.

Schon in der Zeit vor van Bommels' hässlichem Tritt hatte Schiedsrichter Howard Webb aus England drei Verwarnungen aussprechen müssen - ein Beleg dafür, wie umkämpft und zerfasert die Partie war. Als dann auch noch der Ex-Hamburger Nigel de Jong im Stile eines Kung-Fu-Fighters Xabi Alonso auf Höhe der Mittellinie fällte, kam der Spielfluss in "Soccer City" nahezu völlig zum Erliegen. Ja, auch der Europameister teilte aus. Aber es waren vor allem die Holländer, die die Härte ins Spiel gebracht hatten - und sie erzielten damit ja auch einen Teilerfolg. Beim Stande von 0:0 wurden die Seiten gewechselt.

Spanien von Hollands Härte beeindruckt


Natürlich waren die spanischen Ballrotationskünstler beeindruckt von der Gangart des Gegners. Dabei fing dieses WM-Finale für den Titelfavoriten, der im Halbfinale die deutschen Himmelstürmer so unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hatte, so vielversprechend an. Nicht Iniesta, nicht Xavi auch nicht Villa, es war der auf Rechtsaußen kaum zu haltende "Verteidiger" Sergio Ramos, der dem Spiel in der Anfangsphase seinen Stempel aufdrückte.

Nach einem wunderbar getimten Kopfball, den Hollands Keeper Stekelenburg so gerade abwehren konnte, und einer kreuzgefährlichen Hereingabe, schloss sich Ramos aber dann doch lieber dem allgemeinen Geholze an - und holte sich in der 23. Minute selbstverständlich auch Gelb ab. Und Holland? Die Elftal war zu sehr mit der eigenen Disziplin und Ordnung beschäftigt, um auch nur im Ansatz etwas Konstruktives zustande zu bringen. Abgesehen von einem Robben-Schuss, den Casillas wegfischte (45+1), war nichts.

Es war ein Wild-West-Duell

Kaum hatte Franz Beckenbauer auf seinem beheizten Sessel wieder Platz genommen, ging das Wild-West-Duell zwischen den beiden Teams, die eigentlich ja über so herausragende Individualisten in ihren Reihen verfügen, weiter. Immer auf den Mann, so lautete das Motto der Mannschaft von Bondscoach van Van Marwijk. Und wie gesagt: Es wirkte. Nichts war es mit den langen Ballpassagen und dem genauen Kombinationsfußball. Den Spaniern, bei dieser WM sonst so beeindruckend angetrieben von den beiden Barca-Großhirnen Xavi und Iniesta, wurde die Lust am Fußballspielen genommen.

"Auch mal hässlich gewinnen", so hatte Wesley Sneijder das Erfolgsrezept der Holländer in den Tagen vor dem WM-Finale beschrieben. Die Mannschaft traute sich bei dieser WM erstmals, nicht immer wie ein Team aufzutreten, das alle an die Wand spielen muss, sondern vorsichtiger, ruhiger, schlauer. Und in diesem Endspiel? Vorsichtig: ein bisschen. Ruhig: eher weniger. Schlau: auf jeden Fall! Ein Geistesblitz von Sneijder genügte und die neue holländische Maxime vom "Winning Ugly" hätte sich beinahe bewahrheitet. Aber Sneijders Passempfänger Arjen Robben scheiterte allein durchgebrochen vor dem glänzend reagierenden Iker Casillas (62). Robben stand kurz vor Ende der regulären Spielzeit schon wieder im Mittelpunkt. Erneut stürmte der Bayern-Turbo allein auf das gegnerische Gehäuse, erneut fand er in Casillas seinen Meister. Die Treten-Einlull-Übertölpel-Taktik der Holländer hätte tatsächlich beinahe zum WM-Titel geführt. So aber ging es in die Verlängerung.

Spielerische Überlegenheit in der Verlängerung


Vielleicht lag es an der Einwechslung von Cesc Fabregas, vielleicht aber auch nur daran, dass die Spanier endlich beschlossen hatten, sich in diesem Endspiel nicht mehr den Schneid abkaufen zu lassen. Jedenfalls war mit Beginn der Verlängerung seit langer Zeit mal wieder beim Europameister eine gewisse Mittelfeldstrategie erkennbar. Eine Strategie, die von kühler Ästhetik und einem untrüglichen Stilempfinden gezeichnet war. Im Mittelfeld, da, wo Spiele entschieden werden, war die spanische Herrschaft am Sonntagabend - wenn auch ein bisschen spät, aber immer noch rechtzeitig - unantastbar. "Wenn dort Ordnung herrscht", hatte der stets väterlich wirkende del Bosque vor dem Spiel gesagt, "kann man auch seine individuelle Klasse ausspielen."

Und genauso kam es auch. In der 116. Minute landete ein Steilpass von Fabregas bei Iniesta und der vielleicht ballsicherste Profi der Welt ließ Hollands Keeper Stekelenburg mit einem platzierten Schuss ins lange Eck keine Abwehrmöglichkeit. Es war der Schuss eines Weltmeisters. Und auch wenn del Bosques Mannschaft ihren Gegner an diesem Abend nicht mit ihrem sonst so gefürchteten Fußballschach für Großmeister matt setzen konnten, der Sieg war trotzdem verdient - auch weil Holland viel zu spät bereit war, die Destruktivität abzulegen. Spanien hat bei dieser Fußball-WM oft genug perfekten Fußball demonstriert. Im Finale machten es Puyol, Xavi, Villa und Co. trotz ihrer hohen Ansprüche eher auf die holländische Art: Hässlich gewinnen kann Spanien neuerdings auch. Gut so.

P.S.: Ist Spanien auch Ihrer Meinung nach ein verdienter Weltmeister? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Von Forlan bis Vuvuzela - Tops und Flops der Fussball-WM 2010 in Südafrika"


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