WM 2010: Mesut Özil Eine deutsche Fußballerkarriere


Wer ist dieser Mann mit der Rückennummer 8, der die DFB-Elf ins Achtelfinale schoss? Ein junger Deutschtürke auf den Spuren von Netzer und Overath.
Ein Porträt von Wigbert Löer, Johannesburg

So zart ist das Pflänzchen gar nicht. Mesut Özil, den man von den Tribünen von Durban, Port Elizabeth und Johannesburg als kleinen, schmächtigen Dribbler wahrnimmt, wiegt 75 Kilo und ist 1,82 Meter groß. Schweinsteiger und Podolski sind kleiner. Aber es ist ein seltenes Pflänzchen:Özil, 21 Jahre, 13 Länderspiele, zwei Tore, tausend Komplimente, füllt jene Position aus, die in Deutschland einst Netzer und Overath prägten und nach ihnen kaum mehr jemand.

Lange hieß es, der klassische Spielmacher sei tot im athletischen Fußball der Moderne, aber Özil beweist das Gegenteil. Er ist die neue deutsche Nummer zehn, ein Regisseur hinter dem Sturm, der leichtfüßig Angriffe inszeniert. Joachim Löw hat wegen dieses jungen Mannes sogar sein System umgestellt, und jetzt, während der Fußball-WM, stellt sich heraus, dass Özil neben der Bastian Schweinsteiger die bedeutendste Rolle in der deutschen Elf spielt. Beide, so die Bilanz nach drei Spielen, sind derzeit vollkommen unverzichtbar.

Ruhig wie Zidane

Am Sonntagnachmittag tritt Deutschland gegen England an, das Achtelfinale. Die Nervosität ist groß vor solchen Partien, die Fußballer als Endspiele wahrnehmen. Das ganze Land wird wieder auf Özil blicken. Die Zehn soll zaubern. Doch wer ist der Junge eigentlich?

Im vergangenen September saß Özil in einem Restaurant am Bremer Osterdeich, trug T-Shirt, Jeans und glitzernde Turnschuhe. Er schaute ernsthaft, so schaut er oft. Sein Thema war eine andere Zehn, die Europa- und Weltmeister wurde: Zinédine Zidane, sein Vorbild. Die Effizienz des Franzosen habe ihn beeindruckt, auch dessen Torgefahr. Zuerst nannte Özil aber Zidanes "Lässigkeit". Seine Idealvorstellung eines Spielmachers schimmert durch: genial denken, unangestrengt lenken. Bevor Özil am Mittwochabend das entscheidende 1:0 gegen Ghana gelang, wirkte er sehr lässig. Zu lässig.

Zidane trat niemals mit überschäumendem Ego auf, doch seine Gewissheit, sich auf sich selbst verlassen zu können, war für alle spürbar. Ohne dass er dazu aufgefordert hätte, ordneten sich ihm die anderen unter. Und trugen ihm den Ball zu. Fußballspieler schätzen das: einen Mann in ihren Reihen zu haben, der die Lösung kennt. Özil ist noch kein Zidane, das ist klar, aber bereits mit 21 geht es ihm ähnlich: Die Kollegen überlassen ihm den Ball, ganz einfach in der Hoffnung, dass er sie brillieren lässt.

Erleichterung nach dem Tor gegen Ghana

Auch jenes tiefe Vertrauen in sich selbst scheint Özil zu besitzen. Er demonstriert es nicht in Gesten und erst recht nicht in markigen Worten. Nur ab und zu traut er sich, Sätze zu sagen, die davon künden: "Meine Mitspieler wissen, welches Potenzial ich habe." Mesut Özil wirkt dann nicht mehr ganz so schüchtern. Er mag es nicht allzu gern, Auskunft zu geben über sich und das, was er tut, weil er dabei nicht die Sicherheit spürt wie auf dem Rasen. Deshalb formuliert er möglichst unauffällig. Laut wurde seine Stimme nur, als er sich verabschiedete. Er klang erleichtert.

Bei dem Gespräch in Bremen saß er gerade auf dem Stuhl, seine Daumen steckten in den Hosentaschen. Neben sich wusste er den Deutsch-Iraner Shahin Shayesteh, Assistent seines Beraters und seit Jahren auch Özils Freund. Bei manchen Antworten erklärte und ergänzte Shayesteh, aber schon dass er überhaupt da war, half Özil.

Während der WM muss er immer wieder auftreten, in Einzelgesprächen mit Journalisten, bei Pressekonferenzen, nach dem Ghana-Spiel auch als Spieler des Tages. Tief unten im Soccer-City-Stadion bekam er als Anerkennung eine Bongo-Trommel überreicht. Um den Hals trug Özil wie so oft seine großen Kopfhörer. Er sei "sehr erleichtert, dass ich endlich mein erstes Turnier-Tor geschossen habe. Ich habe vorher viele Chancen nicht reingemacht." Für Özil war das ein ziemlich umfassendes Statement.

Özil - der Vorzeigedeutsche

Lieber weist er der deutschen Mannschaft ihren neuen Weg. Dem über Jahre einstudierten System mit zwei Stürmern war zuletzt weder Glanz noch Unberechenbarkeit entsprungen, die Gegner hatten sich auf das deutsche Passspiel eingestellt. Ein erfindungsreicher Zehner aber kann die Angriffe kreativer und so gefährlicher machen, ihnen sogar Anmut verleihen. Der Trainer Ralf Rangnick hat mal gesagt, dass hinter den Spitzen "größte Raum- und Zeitnot" herrsche, der ein moderner Zehner trotzen müsse. Özil kann das.

Für die politische Rechte dürfte es ärgerlich sein, dass ausgerechnet einer das neue Gesicht des deutschen Fußballs zu werden scheint, dessen Eltern Mustafa und Gülizar heißen. Der sich als Türke fühlt und zu Hause Türkisch spricht. Sein Vater hatte ihm die Wahl gelassen, und so sagte Özil eines Tages dem Bundestrainer: "Ich möchte das deutsche Trikot tragen." Er habe da niemals überlegen müssen, erzählt er.

Özil, der Vorzeigedeutsche - die Werber sind schon so weit. Der Sportausstatter Nike suchte vor einem Jahr Stars, mit denen sich möglichst viele Käufer identifizieren. In der Kampagne posieren der Franzose Ribéry, der Engländer Rooney, der Russe Arschawin. Und der Deutsche Özil.

Aus Bismarck stammt er, dem rauesten Stadtteil Gelsenkirchens, tiefer ins Ruhrgebiet geht es nicht. Fußball lernte er im "Affenkäfig", einem hoch umzäunten Bolzplatz mit Schotter, Asphalt und Toren ohne Netze. Bei Schalke fiel er durch, weil er zu schmächtig war, ging zu Rot-Weiß Essen. Dass er doch noch auf Schalke landete, lag an seiner Schule.

Ein Kind des Ruhrgebiets

"Wo spielst du? Und wo wohnst du?" Das waren die ersten Fragen, die Norbert Elgert ihm stellte, einst Flügelstürmer auf Schalke, heute A-Jugend-Trainer. Özil war zum Morgentraining erschienen. Seit Jahren dürfen die Schüler der Gelsenkirchener Gesamtschule Berger Feld in der dritten und vierten Stunde rüberkommen, auch jene, die nicht in der Jugendabteilung des Vereins gemeldet sind. "So bekommen die Jungs noch ein paar Tausend Ballkontakte mehr", sagt Elgert, ein Surfer-Typ mit blonder Mähne und modischer Brille. Er ist stolz auf seinen Schüler, "Mesut", sagt er, "kann sogar seine Dankbarkeit zeigen. Der meldet sich immer mal wieder."

Özil spielte damals in der A-Jugend-Mannschaft, die deutscher Meister wurde. Er hörte stets mit großen Augen zu, sagte wenig, doch auf dem Platz setzte er alles blitzschnell um. Ein Künstler, der arbeiten wollte. "Schwierig oder gar egoistisch", sagt Elgert, "ist Mesut nie gewesen."

Zusammenhalt war Bedingung in dem Haufen Talente, die um den Sprung in den Schalker Profikader rangelten. Die Spieler erarbeiteten ein Papier mit vielen Regeln, von denen eine "Miteinander und nicht übereinander sprechen" lautete. Dass die Fußballschuhe schwarz zu sein hatten, war nicht extra vermerkt. Als Özil im Gespräch daran erinnert wurde, lächelte er. "Meine waren weiß."

In jener Zeit bemühten sich bereits mehrere Spielerberater, ihn als Klienten zu gewinnen. Einer streckte sogar Geld vor, um den Jungen zu ködern. Özil und sein Vater entschieden sich schließlich für Reza Fazeli aus Düsseldorf, der viele Spieler mit türkischen und persischen Wurzeln betreut. Mit Fazeli durchlebten sie den ersten großen Krach. Das Ende auf Schalke. "Wer will diesen Gierig-Profi?", titelte die "Bild"-Zeitung, die heute im Erfolg mitschwimmen möchte und sich Özil zu Füßen legt.

Bremen passt zu Özil

Schalke 04 hatte den Vertrag mit Özil verlängern wollen, sich auf eine mündliche Zusage berufen und als Antwort erhalten, dass der Spieler, sein Vater und der Berater Fazeli anders entschieden hätten. Prompt fand das Vertragsangebot seinen Weg aus der Schalker Geschäftsstelle in die Redaktion des Blattes, das Özil tagelang beschimpfte. Andere Zeitungen stimmten ein. Der junge Spieler stand als Abzocker da, als einer, der den Hals nicht voll bekommt. Özil war da 19 Jahre alt. Manchester wollte ihn jetzt ausleihen, doch er ging für eine Ablösesumme von 5,5 Millionen Euro nach Bremen.

Özil verdient dort in etwa das, was er auf Schalke bekommen sollte, 1,5 bis 1,8 Millionen Euro. Der Grund für die Trennung war die sportliche Perspektive: Schalke hatte gerade den kroatischen Nationalspieler Ivan Rakitic geholt. Der ist nur ein halbes Jahr älter, bekleidet dieselbe Position wie Özil und war zu dem Zeitpunkt in seiner Entwicklung weiter, als Spieler wie als Persönlichkeit. Özil ersparte sich den Zweikampf.

Es war eine Flucht, die hätte schief gehen können. Aber er machte alles richtig. Das beschauliche Bremen bewährt sich seit Jahren als Biotop, in dem Hochbegabte in Ruhe reifen können. Und als Özil Anfang 2008 kam, konzentrierte sich bei Werder alles auf Diego, den besten Bundesligaspieler der vergangenen Jahre. Im Sommer 2009 führte Özil die deutschen Junioren zum Europameistertitel. In der darauf folgenden Saison schloss er bei Werder die Lücke, die Diegos Abgang hinterlassen hatte.

Weiterentwicklung durch Spielfreude

Dass er "in seiner Entwicklung gar nicht mehr aufzuhalten" war, wie Bundestrainer Löw damals sagte, dankt Özil auch einer seltenen Eigenschaft: seiner Sorglosigkeit auf dem Platz. Die Spielfreude hält dem Druck stand. Bei seinem ersten Einsatz im Nationaltrikot legte Mesut Özil los wie früher im Affenkäfig. Als gehe es gegen ein paar Kumpels, bei seinen ersten beiden WM-Spielen war es nicht anders. Vielleicht ist diese Fähigkeit seine größte Stärke: aus dem Fußball keine Wissenschaft zu machen.

Er neigt nicht zum Grübeln, er wirkt nicht leicht verwundbar. Sebastian Deisler, Deutschlands letztes großes Spielmacher-Talent, neun Jahre älter als Özil und während seiner Profi-Zeit an einer Depression erkrankt, scheiterte auch an den Ansprüchen, die Trainer, Kollegen und Fans an ihn stellten. Er begann sich gar schuldig zu fühlen, dass er Ablösesummen und Gehältern nicht gerecht werden konnte.

Özil - kein Mann lauter Worte

Özil wird bald deutlich mehr verdienen als bisher. Weil die Fußballbranche finanziell noch immer aufgepumpt ist, wird er millionenschwere Handgelder kassieren können, ob er nun seinen Vertrag bei Bremen, der noch ein Jahr läuft, verlängert, ob er nach England wechselt oder nach Spanien. Aber Mesut Özil ist keiner, der anfinge, das System oder die eigene Verantwortung zu hinterfragen. "Ich bin sehr zufrieden und genieße mein Leben als Fußballprofi", sagt er. Er wirkt nicht wie einer, der sich ablenken lässt.

Seit eineinhalb Jahren wohnt er jetzt in Bremen, wird regelmäßig besucht von seinen Eltern, den beiden kleinen Schwestern Nese und Duygu sowie seinen Freunden, die er fast alle seit der Kindheit kennt. Auch Mutlu Özil kommt regelmäßig vorbei, der vier Jahre ältere Bruder, der bei "Toys`R`Us" arbeitet und beim Kreisligisten Firtinaspor in Herne spielt. Özil mag solche Massenbesuche. "Wir bleiben dann einfach zu Hause und spielen Playstation oder gehen essen und was trinken", sagt er. Er hält sein Leben überschaubar. "Ich brauche ein paar Leute um mich, die ich kenne, dann fühle ich mich wohler."

Dieser Junge wird niemals ein Mann lauter Worte sein, nicht in der Kabine, nicht vor Kameras, auch nicht im Kreise seiner Freunde. "Im Leben mache ich mich ganz klein, für mich ist wichtig, auf dem Platz ein Großer zu sein." Zinédine Zidane hat das mal gesagt, eine Nummer zehn, die noch bessere Mannschaften als Australien, Serbien und Ghana erledigte. Mesut Özil sagt, er finde den Satz gar nicht so schlecht.

P.S.: Kann Deutschland mit Mesut Özil Weltmeister werden? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


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