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stern-WM-Jury: USA gegen Deutschland: "Du motzt nur rum, was fehlt dir? Fußball!"

Die stern-WM-Jury ist nicht gerade begeistert vom deutschen Spiel gegen die USA. Aber egal. Das Team steht im Achtelfinale. Da darf ruhig auch ein dreckiger Sieg dazwischen sein.

Zu dem Spiel kann ich nicht viel sagen

Das Spiel war total langweilig.

Die haben den Ball viel zu viel hin und her geschoben.

Es gab insgesamt zu wenig Torchancen, aber das Tor von Müller war cool. Ein schöner Schuss.

Mehr kann ich zu dem Spiel gar nicht sagen. Im Achtelfinale muss Deutschland besser spielen. Sonst fliegen wir gegen Algerien raus.

"Langweilig!"

Beim "Editors Viewing" im stern-Konferenzraum durfte ich an der geballten Fußball-Expertise meiner Kollegen teilhaben. Hier eine Auswahl der besten Zitate:

"Großartig, ein Heimspiel!"
"Hä, wegen Löw und Klinsi?"
"Nee, wegen des Wetters! Regnet da doch genau so wie hier im Sommer."

"Geht doch da ran! Umschalten! Ach, nur Murks im Mittelfeld!"

"Oh Gott, die stören sich da ja gegenseitig!"

"Himmel, der hat doch überhaupt keine Ahnung vom Fußball, dieser Mochmann, aber quatscht die ganze Zeit drüber!" "Hans-Peter?" "Ja, was?" "Das ist nicht Mochmann…"

"Da drüben steht das Bier, nach der Halbzeit gibt es auch kaltes…."

"Meine Fresse, erst einen aus der eigenen Mannschaft und nun auch noch den Schiedsrichter, beim Anrempeln kennen die weder Freund noch Feind, nur lohnende Ziele…"

Kommentator:

"… das ist Adrenalin pur!" Lautes Gelächter im Konfi.

"Jogi, Nasenbohren nicht vergessen!"

"Frank, was hast Du da in der Hand?" "Muffins. Schoko. Die letzten aus dem Automaten." "Amerikanisches Essen? Jetzt? Auf welcher Seite stehst Du eigentlich?"

"Langweilig!"

Kommentator:

"… Löw hat die absolute Spielkontrolle…" "Ja, aber die Frisur sitzt nicht!"

"Hans-Peter, Du motzt hier nur rum, was fehlt Dir denn?" "Fußball!"

Plötzlich ist Soccer "in"

Die USA sind im Fußball-Rausch. New York, Chicago, Los Angeles überall treffen sich die Amerikaner, um gemeinsam die Begegnungen ihres Teams zu sehen. Ob in der Sportsbar oder im Park. Auch im Fernsehen werden neue Maßstäbe gesetzt. 18,2 Millionen sahen das Spiel gegen Portugal. Absoluter Rekord im Land von Baseball, Football und Basketball. Vorbei die Zeiten, in denen "Soccer" nur was für Mädchen war.

Seit der amerikanische Nationatrainer Jürgen Klinsmann allen Arbeitnehmer per Twitter einen Entschuldigungsbrief geschrieben hat, damit sie während ihrer Arbeitszeit das Spiel gegen Deutschland sehen können, haben sie ihn auch endgültig ins Herz geschlossen. Es regt sich auch niemand mehr auf, dass "Klinsi" vor der WM noch ganz unamerikanisch sagte: "Wir werden den Titel nicht gewinnen."

Nachdem ich die letzten Spiele die Bela Rethy freie Zeit genossen habe, trieb mich diesmal der ESPN-Moderator in den Wahnsinn. Denn der versuchte ständig einen Konflikt zwischen Jürgen Klinsmann und Phillip Lahm herbeizureden. Jeder Spurt, den Lahm hinlegte, jede Regung die er tat, nutzte er als Beleg, für eine tiefe Feindschaft zwischen den beiden. Die angeblich aus ihrer Zeit bei Bayern München bestünde. Okay, wenn man das einmal sagt. Aber im Minutentakt? Seinen einzigen Lichtblick hatte er, als er im Dauerregen sagte: "So nass sieht der ewig gut gekämmte Jogi Löw endlich auch mal nicht gut aus."

Ich habe die deutsche Mannschaft lange nicht so konzentriert spielen sehen. Schweinsteiger war eine echte Bereicherung. Er gab dem deutschen Spiel Sicherheit. Für Kreativität schien ihm noch die Spielpraxis zu fehlen. Aber auch so war er viel besser als der Ballverlierer Sami Khedira. Dem Dauer-Unruhestifter Thomas Müller zuzuschauen war wieder ein echter Spaß. Und selbst Miroslav Klose wirkte einigermaßen spritzig und engagiert.

Die Amerikaner waren dagegen extrem vorsichtig. Sie wirkten, als wollten sie keine großen Fehler riskieren. Nur nicht das zweite Klinsi-Sommermärchen durch eine hohe Niederlage gegen Deutschland zerstören. So ein Gedanke ist Blei für die Beine. Nur Jermaine Jones war die Ausnahme. Er rannte, ackerte und schlug sich die Nase blutig. Das passte irgendwie zu seinem Einsatz. Richtig aufregend was alles aber nicht nicht. Man nennt so etwas wohl ein taktisches Spiel. Ganz kurz vor Schluss flackerte bei den Amerikanern kurz der Siegeswille auf. Und bei den Deutschen sah man schnell, wie löchrig ihre Abwehr sein kann. Erschreckend. Ob man so bei einer Weltmeisterschaft weit kommt? Ich fürchte ehrlich gesagt nicht. Aber ich lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen.

Wie es dem US-Team ergehen wird? Wie mitreißend Klinsmann sein kann, haben wir ja alle gesehen. Ich schaue den Amerikanern auf jeden Fall sehr gerne zu, wie sie sich langsam in "Soccer" verlieben. Das kann von mir aus noch viel, viel länger so gehen.

So werden wir kein Weltmeister

Wir sind Gruppensieger und stehen im Achtelfinale! Eigentlich super, die Leute haben sich auch gefreut, in Vuvuzelas getrötet und angestoßen. Aber es war irgendwie so ein langsames Spiel. Da war kaum Bewegung drin. Leider nur 1:0, meinte einer der Gäste zu einem Freund der später kam. Er klang gelangweilt. Und das sagt doch schon alles.

Zumindest blieb so mehr Zeit für Klinsi-Sprüche. Der ist ja auch in seiner Zeit als Deutschland-Trainer immer in die USA gejettet. Von daher passt er da doch super hin, fanden die Leute. Allerdings hat er uns in Deutschland nie einen Entschuldigungs-Brief für den Arbeitgeber geschrieben. Hätte er schon mal machen können!

Die Leute haben natürlich auch wieder viel über Müller gesprochen. Der ist einerseits so ein drolliger Typ, haben sie gesagt, aber andererseits ist er so ein Phänomen. Neun Tore in neun WM-Spielen! Das macht Mut fürs Achtelfinale. Aber wenn wir so langsam spielen, werden wir kein Weltmeister. Das ist auch klar.

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