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WM in Katar "Toleranz die Rote Karte gezeigt": So reagiert das Netz auf das "One Love"-Bindenverbot

Die "One Love"-Kapitänsbinde sollte bei der WM in Katar ein Zeichen gegen Diskriminierung und für Vielfalt setzen. Nun will die Fifa das Tragen unterbinden
Die "One Love"-Kapitänsbinde sollte bei der WM in Katar ein Zeichen gegen Diskriminierung und für Vielfalt setzen. Nun will die Fifa das Tragen unterbinden
© Sebastian Gollnow / DPA
Da die Fifa mit Sanktionen droht, verzichten auch der DFB und Kapitän Manuel Neuer auf das Tragen der "One Love"-Binde. Die Reaktionen im Netz reichen von Enttäuschung bis Wut.

Die WM in Katar hat kaum begonnen, schon entbrennt ein Streit um die mehrfarbige "One Love"-Kapitänsbinde. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur setzte die FIFA die an der Kampagne für Menschenrechte und Vielfalt beteiligten UEFA-Teilnehmer stark unter Druck – und drohte mit sportlichen Sanktionen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die weiteren Verbände verzichten in Katar deshalb nun doch auf das symbolträchtige Stückchen Stoff.

"Wir erleben einen beispiellosen Vorgang in der WM-Geschichte. Die von der FIFA herbeigeführte Konfrontation werden wir nicht auf dem Rücken von Manuel Neuer austragen", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Montag. Weiter teilte der Verband mit, Geldstrafen wären in Kauf genommen worden. "Wir können unsere Spieler jedoch nicht in die Situation bringen, dass sie verwarnt oder gar gezwungen werden, das Spielfeld zu verlassen." Der DFB sei "sehr frustriert über die FIFA-Entscheidung".

Frustriert zeigen sich auch deutsche Fans, Journalisten und Politiker im Netz. Unter dem Hashtag "#OneLove" lassen sie ihrer Enttäuschung und Wut freien Lauf.

Frust im Netz über Fifa-Verbot der "One Love"-Binde

Scharfe Kritik kommt von ZDF-Journalist und Moderator Jochen Breyer, der erst kürzlich mit seiner Doku "Geheimsache Katar" für Aufsehen sorgte. "Ein Zeichen, das man nur dann setzt, wenn man dadurch keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat, ist kein Zeichen", twittert er unter dem Hashtag "#OneLoveBinde".

Auch die Fan-Organisation "Football Supporters Europe" zeigt sich entrüstet. "Heute empfinden wir Verachtung für eine Organisation, die ihre wahren Werte unter Beweis gestellt hat, indem sie den Spielern die Gelbe Karte und der Toleranz die Rote Karte gezeigt hat", schreibt die "FSE".

Der erste Kapitän, der während der Endrunde offen gegen die Fifa-Vorgaben verstoßen hätte, wäre Englands Harry Kane im Spiel am Montag gegen Iran gewesen. "Wir waren bereit gewesen, Strafen zu zahlen, was normalerweise bei Verstößen gegen Kleider-Regularien der Fall wäre. Dennoch konnten wir unsere Spieler nicht in eine Situation bringen, in der sie eine Gelbe Karte bekommen könnten oder gar gezwungen werden, das Spielfeld zu verlassen", heißt es nun in der von der englischen FA verbreiteten gemeinsamen Stellungnahme.

Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger adressiert seinen Ärger an den Fifa-Präsidenten persönlich. "Infantino hat es sogar geschafft, die Mannschaften zu zwingen, die #OneLove-Binde nicht zu tragen. Wie erbärmlich?! Wie wäre es mit Regenbogen-Schnürsenkeln?", twittert er.

Einige wie der Politik-Journalist Jan Schipmann richten ihre Kritik auch direkt gegen den DFB und den deutschen Kapitän. "Manuel Neuer hat übrigens bei einer WM oder EM noch nie eine gelbe Karte gesehen. Es ist peinlich und feige, eine mögliche Karte als Grund anzugeben, die #OneLove-Binde nicht zu tragen. Das wäre das absolute Minimum für ein Statement gewesen", twittert Schipmann. 

Kritik am DFB auch aus der Politik

Auch aus der Politik kommt Kritik am DFB. "Noch ein Grund nicht zu schauen! #FIFAWorldCupQatar2022 und an @DFB, das ist echt schwach", schreibt die Grünen-Politikerin Renate Künast bei Twitter. Ihr Parteikollege Konstantin von Notz twittert: "Finde ich eine abstruse, falsche und beschämende Entscheidung. Was ist die #FIFA nur für ein unterirdischer Laden!"

Die FDP-Politikerin Renata Alt, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, sagt einer Mitteilung zufolge: "Dass der DFB und andere europäische Verbände sich dem Druck der FIFA unterwerfen und die One-Love-Binde nicht länger tragen werden, ist enttäuschend. Dass die FIFA aber mit Punktabzug für ein derartiges Bekenntnis zu Menschenrechten gedroht hat, ist skandalös. Menschenrechte sind universell gültig und keine politische Botschaft!"

Andere hingegen versuchen das Ganze mit Humor zu sehen. "Schade, dass sich Manuel Neuer nicht mit dem frisch als schwul geouteten Fifa-Präsidenten solidarisch zeigen will #onelove", twittert Autor Moritz Hürtgen in Anspielung an einen umstrittenen Auftritt Infantino kurz vor Turnierstart

Fifa begründet Binden-Verbot mit WM-Regularien

Die Fifa begründete das Verbot mit den von allen Teilnehmern anerkannten WM-Regularien. Explizit hob der Verband in einer Mitteilung vom Montag den Artikel 13.8.1 der Ausrüstungsregeln hervor: "Für FIFA Final-Wettbewerbe muss der Kapitän jeder Mannschaft eine von der FIFA gestellte Armbinde tragen." Die Fifa unterstütze Kampagnen wie "One Love", aber dies müsse im Rahmen der allen bekannten Regeln erfolgen.

Die Kampagne war eine im September angekündigte gemeinsame Aktion der Teams aus Deutschland, England, den Niederlanden, Belgien, Schweiz, Wales, Frankreich, Dänemark sowie Norwegen und Schweden, die beide nicht für die WM qualifiziert sind. Die beteiligten Verbände hatten mehrfach erklärt, dass sie keine Antwort der Fifa auf ihren Plan erhalten hätten.

les

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