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DFB-Team für Katar Mats Hummels als Bauernopfer: Flick setzt auf die Jugend und das ist auch gut so

Borussia Dortmunds Youssoufa Moukoko fährt zur WM in Katar
Belohnung für starke Leistungen: Der 17 Jahre alte Youssoufa Moukoko ist der Jüngste im Kader der Fußball-Nationalmannschaft für die WM in Katar.
© Dean Mouhtaropoulos / Getty Images
26 Männer nimmt Bundestrainer Hansi Flick mit zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Katar. Flick setzt dabei auf den Nachwuchs – und opfert dafür einen absoluten Führungsspieler. 

Niclas Füllkrug, Youssoufa Moukoko und Rückkehrer Mario Götze – der Kader von Bundestrainer Hansi Flick für die in wenigen Tagen beginnende Fußball-Weltmeisterschaft hält einige Überraschungen bereit. Und doch dürfte kaum eine so sehr überraschen, wie Armel Bella-Kotchap. Die Nominierung des 20-Jährigen, die dazu führt, dass Hansi Flick den formstarken Mats Hummels in Dortmund sitzen lässt, darf man als faustdicke Überraschung bezeichnen. Aber sie ist nicht verwunderlich, das wird bei einem Blick auf den Kader klar.

Flick setzt nicht nur auf etablierte Kräfte, sondern wirft auch bereits einen Blick in die Zukunft. Hummels hätte mit seinen 33 Jahren wahrscheinlich seine letzte Weltmeisterschaft gespielt. Mit Abwehrchef Antonio Rüdiger, Nico Schlotterbeck, Matthias Ginter und Niklas Süle verfügt Flick über vier weitere Innenverteidiger und es ist fraglich, ob ein Mats Hummels hier überhaupt eine Startplatz-Garantie bekommen hätte – ungeachtet der Formstärke des Dortmunder Verteidigers. "Das ist eine Entscheidung nicht gegen Mats, sondern für die Mannschaft", erklärte Flick auch in der Pressekonferenz. Und diese ist nach dem peinlichen Aus 2018 und den Problemen in den folgenden Jahren weiterhin in einer Art Findungsphase.

Neue Optionen für Hansi Flick

Zu der gehört es, neue Talente zu integrieren, zu denen ein Armel Bella-Kotchap sicherlich gehört. Der 20-Jährige wird mit seiner Erfahrung aus einem Länderspiel wenige Ansprüche stellen und sich im Gefüge der Platzhirsche im DFB-Team einordnen – auch das ist wichtig in einem Kader, der jetzt für eine lange Zeit Tag für Tag sich in die Gesichter blicken muss. Flick wird bei seiner Nominierung aber auch darauf geachtet haben, ein Gleichgewicht im Team zu schaffen. Den Führungs- und Spielansprüchen von Joshua Kimmich, Thomas Müller oder Manuel Neuer stehen Jonas Hofmann, Thilo Kehrer oder auch ein Kevin Trapp gegenüber – Akteure, die ohne Frage zwar spielen wollen, gleichzeitig aber auch ihre Rolle im Team kennen und sich hinten anstellen. Auf sie wird es genauso ankommen wie auf die Leistungsträger. Bella-Kotchap ist so etwas wie der Blick in die Zukunft einer DFB-Defensive, der es aber auch an Erfahrung mangelt. Denn mit Ginter, Süle und Antonio Rüdiger haben nur drei der neun nominierten Defensivspieler bislang Erfahrungen bei einer WM gesammelt, mit Lukas Klostermann und Christian Günter waren immerhin zwei weitere bei der EM im vergangenen Jahr dabei.

Doch auch im Angriff setzt Flick auf Überraschungen und die Zukunft, selbst wenn es notgedrungen ist. Ob ein Niclas Füllkrug oder ein Youssoufa Moukoko mit nach Katar gefahren wäre, wenn Timo Werner und Lukas Nmecha nicht verletzt wären, ist müßig zu diskutieren. Dass Flick aber beide nominiert hat, gibt ihm zusätzliche Optionen. Füllkrug ist in Deutschland einer der weniger richtigen Neuner, der mit dem Körper arbeitet, einen Ball aber auch technisch sauber verwerten kann. Er mag nicht die Geschwindigkeit und die internationale Erfahrung mitbringen, doch Füllkrug hat bei Werder Bremen bewiesen, dass er sich auch gegen Top-Teams behaupten kann. Und vor allem bringt Füllkrug mentale Stärke mit: Fünf seiner zehn Saisontore erzielte der 29-Jährige in der Schlussviertelstunde, sicherte Werder Bremen damit drei wichtige Erfolge in der Liga.

Hansi Flick nominiert für die WM nicht nur nach Namen

Moukoko hingegen ist ebenfalls ein Versprechen in die Zukunft, das bereits jetzt in der Bundesliga abliefert. Mit nur 677 Minuten Spielzeit traf der noch 17-Jährige sechs Mal, bereitet vier Tore vor. Die Zahlen sind das eine, die Geschwindigkeit, der Zug zum Tor, die Technik und die Torgefahr des Youngsters machen ihn jedoch wertvoll, denn sie bieten Flick Möglichkeiten für Variationen im Angriff. Gleiches mag für einen Karim Adeyemi gelten, der ob seines Alters und seiner Geschwindigkeit ein wichtiger Faktor hinter Serge Gnabry und Leroy Sané werden könnte – jedoch zuletzt alles andere als in guter Form war. Gerade mit der Nominierung der jungen Garde um Bella-Kotchap, Moukoko, Adeyemi oder Jamal Musiala wagt der Bundestrainer einen Schritt in die Zukunft und sendet ein wichtiges Signal an die Jugend: Ich sehe euch und ich vertraue euch.

DFB-Team für Katar: Mats Hummels als Bauernopfer: Flick setzt auf die Jugend und das ist auch gut so

Dass Flick nicht nur nach Namen, sondern auch nach der Leistung nominiert, zeigt ein anderer Mann. Fast genau fünf Jahre ist es her, dass Mario Götze beim Freundschaftsspiel gegen Frankreich sein letztes Spiel im Nationaltrikot bestritt. Der WM-Held von 2014 war nahe an der Versenkung, ging in die Niederlande und fand den Spaß am Fußball zurück. Flicks Berufung ist der Lohn der harten Arbeit eines Spielers, der für die entscheidenden Momente sorgen kann. Die Leichtigkeit und Gelassenheit am Ball, die Götze bei Eintracht Frankfurt ausstrahlt, findet man im deutschen Team vielleicht nur bei Musiala und ist eine Seltenheit. Götze könnte darüber hinaus zur Symbolfigur einer Mannschaft werden, die in den letzten Jahren in etwa so viele Sympathien verloren hat wie die Fifa: Als Stehaufmännchen kann dieses Team nur begeistern.

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