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WM-Counterdown: "Wir sind am schwierigsten Punkt"

In Frankreich muss die Nationalelf endlich Stärke zeigen. Taktik-Chef Joachim Löw über den harten Weg der Talente zur WM.

Herr Löw, am Samstag spielt die deutsche Nationalelf in Frankreich, danach geht es erst im März weiter - in Italien. Dann werden von den letzten sieben Spielen fünf auswärts stattgefunden haben. Was sagen Sie den Herren vom DFB, die diesen Spielplan entworfen haben? Der Plan ist nun mal, wie er ist. Wir hätten schon bevorzugt, gegen Frankreich zu Hause zu spielen.

Dieses Spiel ist aber wie die Partien in den Niederlanden und in Italien eine vertraglich fixierte Rückspielvereinbarung. Es freut uns sehr, auf eine so starke Mannschaft wie die der Franzosen zu treffen. Möglicherweise ist das für die jungen Spieler eine Art Reifeprüfung.

Aber für Ihre verunsicherte Mannschaft wird es auf Monate hinaus schwer sein, Selbstvertrauen zu gewinnen. Droht nicht, ausgerechnet vor der Heim-WM, ein langer trübseliger Winter?

Umso wichtiger, dass wir zum Abschluss des Jahres ein offenes, engagiertes Spiel abliefern - ein überzeugendes Spiel. Ein gutes Ergebnis wäre toll, wichtig ist aber vor allem, dass wir einen stabilen, selbstbewussten Eindruck hinterlassen. Dass wir in Frankreich so auftreten, dass man sagt, wir sind in der Lage, Paroli zu bieten.

Zuerst haben Sie dem Team beigebracht, mit Mut und Schwung anzugreifen - allerdings auf Kosten der Defensive. Jetzt, wo die wackelnde Abwehr stabilisiert werden soll, ist vom Offensivgeist kaum mehr etwas zu sehen. Ihre Mannschaft ist zurzeit vor allem eine Mannschaft des Konjunktivs: Sie könnte mal ganz gut werden. Sind Sie wirklich auf dem richtigen Weg?

Wir sind an dem Punkt, wo es im Fußball am schwierigsten wird: die Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden. Das Erarbeiten von offensiven Varianten war im ersten Jahr ein Schwerpunkt. Bis zum Confed-Cup haben die Jungs dies gut verinnerlicht. Jetzt arbeiten wir, aufgrund der Erkenntnisse des Cups, stärker daran, die Defensive zu stabilisieren. Der Feinschliff kann aber erst in den letzten Wochen vor der WM kommen, wo wir das, was wir in den zwei Jahren erarbeitet haben und was wir wollen, wirklich in den Köpfen verankern können. Deshalb bin ich absolut überzeugt davon, dass wir trotz der aktuell schwierigen Phase inhaltlich auf einem guten Weg sind.

Für das Spiel in Paris haben Sie in der Abwehr wieder auf Routinier Christian Wörns verzichtet. Sie setzen auf die Rasselbande Mertesacker, Huth, Sinkiewicz und dazu den altersweisen, 25-jährigen Metzelder, der lange verletzt war. Erfüllt der Dortmunder Ihr Ideal eines Abwehrchefs?

Man spürt sofort: Christoph gibt den anderen Orientierung, er kann andere dirigieren, er hat diese Gabe. Von seiner Klasse und Persönlichkeit her kann er sehr wertvoll werden. Noch hat er aber nicht wieder sein Niveau von der WM 2002, das weiß er auch. Wir müssen ihm jetzt helfen, die nächste Hürde zu überspringen.

Die anderen haben ihre Hürden zuletzt mehrfach gerissen.

Einem Robert Huth geben wir nochmals Gelegenheit, sich zu präsentieren, für ihn wäre es wichtig, im Klub endlich Spielpraxis zu bekommen. Gerade um so junge Spieler wie ihn oder Sinkiewicz einzuschätzen, muss man sie mehrfach sehen. Generell werden wir nach Frankreich für alle eine Ist-Analyse des Jahres 2005 machen. Danach müssen wir beispielsweise fragen: Ist für den einen oder anderen Jungen die Zeit reif, ihn für die WM zu nominieren? Viele Experimente können wir 2006 nicht mehr machen.

Das Spiel in Paris ist also für einige Youngster die letzte Chance, Sie zu überzeugen?

Nein. Die Ligaspiele bieten natürlich noch wichtige Eindrücke.

Fühlen Sie sich denn von der Bundesliga unterstützt? Seit dem Friedensgipfel vor zwei Wochen existiert eine Task-Force mit Bayern-Manager Uli Hoeneß an der Spitze...

die wir selbst vorgeschlagen haben: Sprecht uns direkt an, dann können wir sofort reagieren. Der Sinn ist, die Dinge intern zu bereden. Beide Seiten wissen, dass es nur gemeinsam geht. Sonst wird das nichts mit der WM.

Wie konnte es zu der Krise kommen?

Vielleicht wäre es besser gewesen, mit den Vertretern der Liga noch mehr im Vier-Augen-Gespräch zu klären. Es gab auch Irritationen wegen meiner Aussage, einige Spieler könnten noch 20 bis 30 Prozent zulegen, dabei war das in keinster Weise gegenüber den Vereinstrainern despektierlich gemeint. Es war an die Adresse der jungen Spieler gerichtet. Wir haben sieben, acht 19-, 20-Jährige dabei. Die müssen lernen, für sich selbst einen Plan zu entwickeln: wie sie leben, wie sie sich ernähren, wann sie schlafen gehen. Diese Spieler können noch nicht ihr höchstes Niveau erreicht haben. Bei denen geht es nicht nur um die WM, es geht um die gesamte Karriere.

Dabei kam gerade eine wissenschaftliche Studie heraus, die besagt, dass Profifußballer zu wenig trainierten, ihr Potenzial nicht ausreizten - ist das nicht Ihr Thema?

Wir im Fußball dürfen nicht so arrrogant sein zu glauben, dass wir alles perfekt machen. Es gibt anderswo hervorragende Ansätze. Fußball ist ein komplexer Sport, der gesamte Körper ist beansprucht. Da ist es sehr sinnvoll zu schauen: Wie machen das die anderen? Zum Beispiel in Sachen Leistungsdiagnostik und Leistungssteuerung. Wir Fußballer können noch viel lernen, das ist keine Frage.

In Ihrer Branche denken nicht viele so.

Ich kann nur sagen: Für uns ist das wichtig. Wir wollen eigene Daten gewinnen. So können wir nachprüfen: Hat ein Spieler sich verbessert? Deswegen haben wir uns zum Beispiel vor dem Türkei-Spiel entschieden, die Belastung hoch anzusetzen. Um zu sehen, wie reagieren die Spieler, wer quält sich, auch wenn er schwere Beine hat? Bei der WM kommt garantiert der Punkt, an dem sich die Spieler physisch und psychisch am Limit bewegen. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir lernen, diesen Grenzbereich zu überwinden. Die Jungs müssen sich auch jeden Tag Gedanken machen: Wie kann ich noch besser werden?

Haben Sie keine Bedenken, dass das alles den einen oder anderen überfordert?

Nein. Wenn wir Weltmeister werden wollen, müssen wir so denken.

Ein Lukas Podolski hat aber in seinem Klub schon genug damit zu tun, den Hoffnungen gerecht zu werden.

Podolski hat es zurzeit schwer, weil sie in Köln glauben, dass er persönlich den FC in den Uefa-Cup schießt. Das erzeugt einen ungeheuren Druck. Aber dem kann er entgegenarbeiten, indem er sich vorbereitet, alles tut und so ein Gefühl des Selbstbewussteins erzeugt, weil er weiß: Ich bin stark. Nicht nur bei Podolski versuchen wir, die Spieler auf die psychologische Dimension vorzubereiten, damit sie den Stress bewältigen und die Erwartungen erfüllen können.

Kürzlich referierte der Abenteurer Stefan Glowacz vor dem Team. Was hat er erzählt?

Wie er sich ein Jahr lang auf eine Bergbesteigung fokussiert. Welche extremen Belastungen er durchleidet: minus 20 Grad, Schneesturm, eine Woche im Zelt, mitten in der Wand zu hängen, am Ende zu sein, nur noch zu denken: Ich muss weiter. Ich muss den Gipfel erreichen. Das sind Dinge, die die Mannschaft aufgesaugt hat. Abends an der Bar oder am nächsten Tag beim Frühstück, viele Spieler suchten noch das Gespräch.

Und was lernten sie daraus?

Die wichtigste Message von Glowacz war, dass man sich rechtzeitig die Frage stellt: Will ich das wirklich? Wenn ich ja sage, gehe ich dieses Unternehmen an. Mit allen Konsequenzen. Ich richte alles darauf aus. Wenn ich mitten in der Wand hänge, darf die Frage nicht mehr kommen. Und mitten in der WM auch nicht.

Interview: Rüdiger Barth / print

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