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WM-Karten: "Es wird Enttäuschungen geben"

Der Kartenerwerb für die WM 2006 wird im wahrsten Sinne des Wortes ein Lotterie-Spiel: Wer live dabei sein will, braucht viel Glück. Franz Beckenbauer hat daher vorsichtshalber die hohen Erwartungen schon einmal gedämpft.

"Es wird Enttäuschungen geben, und wir werden Kritik einstecken", sagt Franz Beckenbauer. "Mit der Gesamtzahl der deutschen Karten für die Vorrundenspiele könnten wir nicht einmal die Nachfrage aller Jugendtrainer hier zu Lande befriedigen", meint Horst R. Schmidt. "Es ist schier unmöglich, ein System zu präsentieren, das jeder als fair, transparent und ausgewogen ansieht", erklärt Wolfgang Niersbach. Der Chef des deutschen Organisationskomitees (OK) für die Fußball-WM und seine beiden Vizepräsidenten haben in den vergangenen Monaten alles getan, um die Erwartungen der riesigen deutschen Fan-Gemeinde zu dämpfen, wenigstens eines der 64 WM-Spiele als Augenzeuge miterleben zu können.

Am 24. Januar, 502 Tage vor dem Eröffnungsspiel am 9. Juni 2006 in München, wird das Trio bei einer Pressekonferenz in Neu-Isenburg die Karten-Chancen in konkreten Zahlen ausdrücken. Wie immer sie ausfallen werden, es kann bei knapp drei Millionen weltweit zur Verfügung stehender Karten nur eine Mangelverwaltung sein. So erinnert FIFA-Boss Joseph Blatter die Deutschen vorsorglich und nachhaltig an ihre Gastgeberpflichten. Wer das Motto "Zu Gast bei Freunden" auswähle, "muss den Gästen auch die Tore öffnen. Von 80 Millionen Deutschen wollen sicher 30 Millionen ein Ticket haben. Das ist nicht möglich".

Der Schweizer empfahl dabei den Massen, die Spiele auf den Großleinwänden in den Städten zu verfolgen. Rechtzeitig vor dem Mängel-Bericht des OK hatte der TV-Rechteinhaber Infront grünes Licht für das "Public Viewing" auf öffentlichen Plätzen gegeben und für diese als Entlastung wirkende Entscheidung prompt den Dank Beckenbauers geerntet. "Das ist eine großartige Geste von Infront", lobte er. "Nun können alle in Deutschland die Spiele kostenlos sehen."

Fest steht, dass vom 1. Februar an zum Auftakt der Operation rund 850.000 Karten weltweit über Internet (www.fifaworldcup.com) bestellt werden können. Jeder Fan könne für bis zu sieben Spiele maximal vier Tickets buchen, hat der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger bereits verraten. In einer Art Lotterie werden die Karten unter den Millionen-Anfragen durch Los verteilt. Wie viele Karten dann tatsächlich für deutsche Fans übrig bleiben, ist wie die von Beckenbauer im Oktober genannte Zahl von 800.000 eine Spekulation. Die Gesamtzahl hängt auch davon ab, ob das OK für Deutschland eine Erhöhung der Zuteilung von acht Prozent pro Spiel und beteiligtem Land auf bis zu 20 Prozent erreichen kann.

Auch darüber wird Beckenbauer mit seiner Crew in Neu-Isenburg Aufschluss geben. Und darüber, in welche Kanäle die einzelnen Kontingente fließen. Ganze Heerscharen von Sponsoren, Partnern, Förderern, Ehrenfans, Ehrengästen und sonstige Gruppierungen müssen bedient werden, die Begehrlichkeit ist riesig und manche Forderung unabweisbar. "Wir haben sechs Millionen Mitglieder im DFB, wir haben eine Million Ehrenamtliche. Wir müssen ihnen schon eine gewisse Chance geben", sagt Zwanziger - und verweigert zugleich den Abgeordneten des Bundestages eine Sonderbehandlung: "Es wird kein Privileg geben."

Streitthema WM-Karten

In einer ansonsten sehr guten Kooperation mit dem "WM-Besitzer" FIFA hat das Aufreger-Thema Karten in den letzten Jahren zu ständigen Konflikten geführt. Im Mai 2003 schimpfte Beckenbauer: "Man muss hin und wieder deutlich machen, dass wir Partner sind und nicht Handlanger. Das Hauptziel der FIFA ist, Geld zu verdienen. Alles andere interessiert nicht." Dieses Donnerwetter führte immerhin mit dazu, dass der Weltverband dem OK die Kartenregie überantwortete, ohne sein Recht auf das letzte Wort aufzugeben.

Auseinandersetzungen gab es dann auch bei der Preisgestaltung. Das OK bestand auf einer Sozialkomponente und setzte mit 35 Euro für den billigsten Sitzplatz in den Vorrundenspielen einen Preis durch, der um 16 Euro unter dem der WM 2002 in Japan/Südkorea liegt. Nach Verabschiedung der Preiskategorien, die bis zu 600 Euro für einen Final-Platz am 9. Juli im Berliner Olympiastadion reichen, sagte Blatter: "Damit bin ich nicht ganz zufrieden." Bei einem außerordentlichen Event wie der WM seien die Menschen auch bereit, außerordentliche Preise zu zahlen.

Hoher VIP-Anteil in den WM-Stadien

Wie der Verteilungskampf zwischen FIFA und OK um die Premium-Plätze ausgegangen ist, darüber wird Beckenbauer erst am 24. Januar für Klarheit sorgen. Bei einer Kapazität der Stadien von 3,2 Millionen Sitzplätzen beanspruchte die FIFA bis zu 15 Prozent oder 480.000 Karten für VIP-Gäste. Zuletzt hieß es, 350.000 Karten würden an die Schweizer Agentur iSE gehen. Das Unternehmen bietet verschiedene Hospitality-Programme an. So soll für die sechs Spiele in München eine Elite-Karte mit Rundumversorgung 11.200 Euro kosten. Eine Loge ist in der neuen Arena für Preise zwischen 115.000 und 428.000 Euro zu haben, Buchungen sind dabei für acht bis 31 Personen möglich.

Günter Deister und Oliver Hartmann/DPA / DPA

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