VG-Wort Pixel

Hannover 96 Martin Kind: Der Sturz des Sonnenkönigs

Ein Banner in der Fankurve von Hannover 96 gegen Martin Kind
Schon lange schwelte bei Hannover 96 ein Machtkampf zwischen den Fans und Martin Kind
© Swen Pförtner / DPA
Jahrelang schwelte ein Machtkampf bei Hannover 96. Nun wurde Martin Kind, bis dato der starke Mann des Vereins, überraschend abgesetzt. Der Sturz des Sonnenkönigs vom Maschsee ist ein radikaler Schritt – aber er war überfällig.

Wenn man die Robert-Enke-Straße in Hannover hinunterläuft, wird einem bewusst, wofür das Wort "Lebenswerk" einst erfunden wurde. Das Stadion von Hannover 96, die gesamte Infrastruktur, all das wäre ohne Martin Kind nicht möglich gewesen. Kind hat Millionen in den Verein investiert, ihn zumindest in Norddeutschland etabliert. 96 ist eine Marke geworden, genau wie es sich der Mehrheitsgesellschafter vorgestellt hat. 

Von außen betrachtet könnte man meinen, es wäre lange Zeit gewesen, dem Hörgerätehersteller ein Denkmal zu setzen. Für seinen Einsatz, seine Investitionen und vor allem seine Loyalität. Mehr als 20 Jahre hat sich Kind für den Verein aufgerieben und trotzdem wirkt seine Absetzung als Geschäftsführer des Profibetriebs weniger wie ein Ritt in den Sonnenuntergang, als viel mehr wie der überfällige Sturz eines Königs. 

Martin Kind abgesetzt: Der Sturz des Sonnenkönigs

Dass Hannover 96 heute noch existiert, gar strukturell gut aufgestellt ist, ist zum großen Teil Martin Kind zu verdanken. Ohne sein Geld und seine Beziehungen würde in der niedersächsischen Hauptstadt vermutlich schon lange kein Profifußball mehr gespielt werden. Das Problem dabei: Kind war sich dessen immer sehr bewusst und er hat die falschen Schlüsse daraus gezogen. 

Durch seinen Einsatz und seine finanziellen Möglichkeiten verstand er sich immer als derjenige, der das Recht hat, zu entscheiden, was mit dem Verein passieren soll. Und so wurde er vom loyalen Geldgeber und Fan zum Sonnenkönig vom Maschsee. Wie in einer Monarchie üblich, werden keine Fragen gestellt, solange der König gütig ist und es den Untertanen gut geht. Und wie es für einen Monarchen üblich ist, will er irgendwann mehr. 

Kind wollte immer mehr. Er war nicht der Erste, und wird sicherlich nicht der Letzte sein, der versucht, sich im Fußball Macht zu erkaufen. Problematisch wird das, wenn der Pöbel nicht mehr mit dem König einverstanden ist. 

Kind tat bei 96 das, womit er erfolgreich geworden ist: Er führte den Verein als Unternehmen. Und das über einige Jahre auch nicht ohne Erfolg. Doch er vergaß dabei, dass Fußball auch auf Führungsebene ein Mannschaftssport ist und Mitglieder bei einem Verein – anders als bei seinem Unternehmen – Mitspracherecht genießen. 

Martin Kind
Über mehr als 20 Jahre war Martin Kind der starke Mann bei Hannover 96. Nun endet seine Ära – vorläufig.
© Swen Pförtner / DPA

Spätestens ab diesem Punkt kippte das Verhältnis der Untertanen zu ihrem König wohl. Kind wollte die 50+1-Regel aushebeln, um als alleiniger Herrscher zu entscheiden. Ohne lästige Abstimmungen, ohne Widersprüche. Der Pöbel hatte am Wochenende ins Stadion zu kommen und für Umsätze zu sorgen, um alles andere wollte sich der Monarch selbst kümmern.

Kind hat schon lange die Verbindung zur Basis verloren

Die Veräußerung verschiedener Abteilungen, das Anwerben von Investoren, um mehr Geld in die Mannschaft zu pumpen und für den nötigen Erfolg zu sorgen – alles nachvollziehbar für einen Unternehmer. Nicht aber für die, die ihr letztes Hemd für den Verein geben und für die Farben schwarz-weiß-grün bluten. Kind hat schon lange diese Verbindung zur Basis verloren.

Und so schwelte der Machtkampf zwischen König und Volk über Jahre. Die einen, die als Fußballromantiker verschrien wurden, der andere, der als Vollblutkapitalist dem Verein am liebsten so viel Geld in den Rachen gestopft hätte, bis endlich ganz Europa wüsste, wo genau Hannover liegt. 

Hannover 96 hat König Martin viel zu verdanken. Und doch wirkt diese Beziehung am Ende wie ein 25 Jahre währendes Missverständnis. Aus den Geschichtsbüchern wissen wir, dass sich am Ende immer der Wille des Volkes durchsetzt – egal, ob es davon profitiert oder zu Grunde geht. 


Mehr zum Thema



Newsticker