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P. Köster: Kabinenpredigt: Warum man keinen Trainer entlassen sollte – aber wenn schon, dann nicht wie Hannover 96 (es plant)

Stern-Stimme Philipp Köster weiß, Trainerentlassungen bringen höchstens kurzfristig etwas. Aber kosten viel Geld. Bei Hannover 96 heißt es überraschend spät dennoch: Alles raus, was keine Punkte bringt!

Hannover-Präsident Martin Kind und Trainer André Breitenreiter

Zusammenarbeit bald beendet? Der ungeduldige Hannover-96-Präsident Martin Kind (l.) und Noch-Trainer André Breitenreiter.

DPA

Wenn es sportlich schlecht läuft und ein Klub in Abstiegsgefahr gerät, dann tagen die Gremien in Permanenz und es werden verzweifelt Auswege aus der Krise gesucht. Ganz am Ende wird dann fast immer der Trainer rausgeschmissen, in der vagen Hoffnung, dass der Nachfolger irgendeinen speziellen Trick drauf hat, der die Mannschaft plötzlich wieder siegen lässt und den Abstieg verhindert.

Wenig überraschend: Breitenreiter vor Ablösung

Und damit herzlich willkommen bei Hannover 96. Dort wurde nämlich am Sonntagabend aus interessierten Kreisen die Nachricht lanciert, Coach Andre Breitenreiter stehe direkt vor der Ablösung. Nach sieben sieglosen Spielen hintereinander und insgesamt schon elf Saisonpleiten war diese News weniger überraschend als der Umstand, dass Breitenreiter überhaupt noch im Amt ist. Denn auch in Hannover ist man normalerweise deutlich ungnädiger, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Breitenreiters Vorgänger Daniel Stendel etwa erfuhr aus dem NDR-Fernsehen, dass sich sein Boss Martin Kind bereits mit seiner Nachfolge beschäftige und "mehrere Namen" erwäge.

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Dieses Tor sollten sie (nochmal) sehen  Es läuft die 37. Minute zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach, als der Gladbacher Jonas Hofmann den Ball Richtung rechtes Leverkusener Strafraumeck passt. Dort zieht Alassane Plea ab. Der Ball springt exakt an den Innenpfosten und rauscht ins Netz. Pleas Tor verdeutlicht den Begriff "millimetergenau" exakt. Dass es auch noch der Siegtreffer war, dürfte nicht nur Plea selbst freuen.

Dieses Tor sollten sie (nochmal) sehen

Es läuft die 37. Minute zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach, als der Gladbacher Jonas Hofmann den Ball Richtung rechtes Leverkusener Strafraumeck passt. Dort zieht Alassane Plea ab. Der Ball springt exakt an den Innenpfosten und rauscht ins Netz. Pleas Tor verdeutlicht den Begriff "millimetergenau" exakt. Dass es auch noch der Siegtreffer war, dürfte nicht nur Plea selbst freuen.

Getty Images

Dabei ist inzwischen auch wissenschaftlich erwiesen, dass der Austausch des Übungsleiters mittelfristig ohne jeden Effekt ist. "Punkte und Tore sind kein Kriterium, warum man einen Trainer austauschen sollte", heißt es in einer Untersuchung der Deutschen Sporthochschule von 2016, die eigentlich nur das bestätigt, was sich auch ganz simpel an den Tabellen ablesen lässt: dass abgesehen von anfänglicher Euphorie sich jede Mannschaft wieder dort einfindet, wo sie hingehört. Wer's nicht glaubt, schaue mal aktuell auf den VfB Stuttgart, der im Herbst seinen Trainer Tayfun Korkut rauswarf und mit dem Nachfolger Markus Weinzierl tatsächlich noch erfolgloser kickt.

HSV und Stuttgart zahlen immer noch für Ex-Trainer

Ein lupenreines Nullsummenspiel also, ein sündhaft teures obendrein. Nicht nur beim Hamburger SV oder beim VfB Stuttgart werden immer noch Übungsleiter dauerfinanziert, die schon vor Jahresfrist gefeuert wurden. Noch kostspieliger als die Gehälter sind jedoch die Folgeschäden in der Kaderplanung. Denn kaum ein neuer Coach unterschreibt heutzutage einen Vertrag, ohne sich die Verpflichtung mehrerer Wunschspieler zusichern zu lassen: Die Folge: aufgeblähte Kader voller Spieler, die von unterschiedlichen Übungsleitern für unterschiedliche Zwecke und Systeme geholt worden. Ein unsinniges Patchwork, das jede längerfristige Personalplanung obsolet macht.

Das Kuriose: Jeder Funktionär weiß um diesen fatalen Aktionismus und bedient ihn trotzdem immer wieder. Weil die Medien die Ablösung der Coachs fordern, weil die Fans pfeifen und weil man sich im Angesicht des Abstieges nicht vorwerfen lassen will, nicht alles versucht zu haben. Also werden die Trainer rausgeworfen und anschließend der übliche Unfug geplappert, dass man "neue Impulse setzen" wolle und nun "die Mannschaft eine Reaktion zeigen" müsse. Dabei sind entlassene Coaches das fatale Signal an die Mannschaften: Ihr seid nicht schuld an der Misere, der Trainer hat's verbockt.

Hannover verpasst günstige Gelegenheit

Wenn sich allerdings Funktionäre dazu entscheiden, den Trainer vor die Tür zu setzen, dann sollten sie es wenigstens zu einem günstigen Zeitpunkt tun. Also nicht so wie Hannover 96. Die Niedersachsen hätten direkt vor der Winterpause die Gelegenheit gehabt, den Übungsleiter zu wechseln. Der neue Coach hätte dann Wochen gehabt, in denen er seiner Mannschaft seine Philosophie hätte näher bringen können. Nun darf Andre Breitenreiter noch bis zum Wochenende weitermachen, sich in Dortmund eine standesgemäße Klatsche abholen und dann demissionieren. Sein Nachfolger hat dann genau drei Tage Zeit, bis daheim der nächste Gegner RB Leipzig wartet - das nennt man optimale Planung.

Aber den 96-Funktionären ist's egal. Vielleicht kann der neue Coach ja ein Kunststück.

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